Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 24. März 1870
 
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Wildhaus 24. März 1870.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Durch Deine Güte bin ich wirklich beschämt. Noch war ich Dir eine Antwort schuldig, da kommt Dein zweiter Brief, und beide sind so unendlich lieb! Mehr Herz kann man einer fremden Angelegenheit nicht entgegenbringen, als Du es thust. Es ist kein Mißbrauch des Vertrauens, nichtwahr, daß ich die beiden Briefe Tommasi gesendet habe, der sie mir umgehend zurückschickt? Mißlingt die Sache, so könnte er denken, Du habest Dich nur lau derselben angenommen; und sie sollen es selbst da droben bei den Wilden wissen, daß in Dir der Mensch so groß ist, als der Dichter. Wenn ich „bei den Wilden“ sage, so habe ich in diesem Augenblick Missionen im Auge, die soeben in Reifnig abgehalten worden sind, und sich eines Zulaufs zu erfreuen hatten, daß Einem die Haare zu Berge steigen könnten. Diejenigen, welche, sei es dann aus falschverstandenen Conservativismus, oder aus übertrie-

 
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benen Liberalismus der Consolidirung unserer Verfassung entgegenarbeiten, wissen nicht was sie thun. Die Kirche steht auch fest, ihr Einfluß auf dem Land ist enorm, und das Zerbröckeln unseres Bürgerministeriums – ist es auch theilweise selbst daran Schuld, größerntheils kommt’s doch von dem allgemeinen Rütteln daran – erfüllt mich für die nächste Zukunft mit Bangen. Daß der Ultramontanismus schließlich das Schicksal des alten Augurenthums theilen wird, zweifle ich keinen Augenblick; aber bis zu diesem Schließlich werden wir noch curiose Dinge durchmachen. Es ist wie dieß Jahr mit dem Schnee: sechs Monate danach schon der Winter, gestern hatten wir gute Wege, das Ärgste schien überstanden; da waren wir heute beim Erwachen wieder verschneit, und es schneit so fort, daß ich, während ich schreibe, von meinem Pult aus Ast um Ast zusammenbrechen sehe.

Doch Du hast’s nicht nöthig, von ferneher [durchgestrichen: f] auch noch Österreich zu hören. Zudem hält bei mir eine Stimmung wie die, in welche Geikra’s Sturz mich versetzt hat, nichts

 
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lange an, und es wäre erlogen, wollt’ ich Dir als Trübsalblaser erscheinen. Bin ich auch nicht mehr der alte; begreife ich nun, wie nie zuvor, das ? anderer Menschenkinder – es ist merkwürdig, wie mich jetzt all das ökonomische Ungemach turbirt, für das ich ganz unempfindlich war, solang ich mit Haut und Haar in einem anderen Wesen lebte – bin ich auch mitunter recht leidend, weil meine Krämpfe trotz demn Winter das Frühjahr spüren, mein Kopf fast nie frei ist, und, was ich nie gekannt, Freßbeulen mich à la lettre foltern, was sicherlich eine Folge monatelanger Seelenangst ist – wir haben kein Wort für das italienische angoscia, angoisse ist nicht so schön – wodurch die Säfte verderben mußten; – im Ganzen genommen bin ich doch heiter. Ich bin aber auch beim letzten Kapitel meines Buches, in das ich ganz vernarrt bin, was freilich aufhört, wie ich fertig bin, ich kenne das; aber genieße das Gefühl des Zauderns in vollen Zügen.

Weil ich schon davon rede; bald naht die Zeit, an einen Verleger zu denken, und ich könnte mich kaum entschließen, wo anders, als in Österreich das Buch erscheinen zu lassen,

 
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Oscar Schmidt schlägt mir Braumüller vor; wärst Du damit einverstanden? Ob er es nimmt ist eine andere Frage. Ich meine nur, ob Du ihn als einen solchen kennst, der die gehörige Rührigkeit hat, ohne welche ein unbekannter Name nicht über Wasser erhalten wird? Er hat bereits Darwinistisches verlegt. Ich gehe wohl sehr weit und der Kirche nach Herzenslust zu Leibe, nicht weniger dem alten Rechtsbegriff; denn Darwinismus und angeborene Rechte giebt’s nicht, aber ich schließe nicht negativ wie Büchner, ich bekämpfe den Materialismus nicht weniger als den Spiritualismus, mein Pantheismus ist versöhnlich und meine idealistische Weltanschauung eine heitere. Die Socialisten <und> Nationalitätler kommen sehr schlecht weg, aber den Rechtsstaat begründe ich – nach meiner Überzeugung wenigstens – vollständig. Heißen wird’s: Sittlichkeit und Darwinismus. Drei Bücher Ethik von, und, was am meisten ärgern wird, populär ist die Darstellungsweise durch <und> durch.

Und nun lebe recht, recht wohl <und> bleibe immer so gut Deinem, Deiner
bedürfenden
B. Carneri

 
     
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