Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 15. Jänner 1870
 
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Wildhaus 15. Jänner 1870.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Du wirst mich für recht undankbar halten. So lieb bist Du mit mir in Gratz gewesen, und ich lasse Monate und Monate vergehen, ohne an Dich zu schreiben! Und wenn Du erst wüßtest, wie mir in Gratz während meines Unwohlseins zu Muthe war, und welchen ganz besonderen Werth Deine Besuche für mich hatten, müßtest Du Dich einfach lossagen von mir, wenn ich mein Schweigen nicht zu rechtfertigen vermöchte. Aber ich kann Dich versichern, daß ich erst seit ein paar Wochen im Stande bin, einen längereen Brief zu schreiben, ohne in eine Schilderung meines Innern zu verfallen, die jedem, der mich liebt, weh; und mir selbst, vielleicht weil auch ich mich lieb habe, nicht wohl gethan hätte. Jetzt ist das Ärgste überwunden. Ich führe wieder ein menschliches Dasein, nach der wichtigsten Seite hin leer über alle Maßen, auf ewig leer, aber ganz ertäglich, und hin und wieder nur

 
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von physischen, leider mitunter etwas gar zu heftigen Leiden gestört, die aber im Ganzen, dank der zweckmäßigen Lebensweise, die ich streng einhalte, sich geben zu wollen scheinen. Nicht nur, wann ich mit Anderen bin, wobei meine Lebhaftigkeit mich immer mit Einem Satz in medias res versetzt, auch allein bin ich wieder heiter; und was mein total aufgefahrenes Schiff wieder flott gemacht hat, war Arbeit, Arbeit und wieder Arbeit, aber darunter [durchgestrichen: wohl auch Eine; oder] wohl auch Eine, die ganz über diese Welt mich erhebt, oder bei der ich – was auf Eins herauskommt – die ganze Welt in mich aufnehme. Mißverstehe mich nicht, wenn ich unter Dem, was mir emporgeholfen hat, meine Kinder nicht obenan stelle. Nur zu oft muß ich’s hören: Du hast ja Deine Kinder! Aber das sagen nur Leute, die meinen Verlust nicht erlitten, oder doch gewiß keine Ahnung haben von der Liebe, die mich erfüllt hat. Ich liebe gewiß meine Kinder, wie man Kinder nur lieben kann, und sie sind es auch werth. Ich liebe auch meine Freunde, das Vaterland, die Menschheit; aber wie dieß alles neben meiner Liebe zu Louisi bestehen

 
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konnte, ohne im Geringsten ihr Eintrag zu thun, so ist es auch jetzt etwas anderes, das aber damit nichts zu thun hat. Es giebt auch Leute, die das Kind mehr lieben als die Mutter, kommt doch selbst Eifersucht in diesen Fällen vor, was eine Begriffsverwirrung zum Grunde hat, weil es um Verschiedenes sich handelt, das da zusammen geworfen wird. Die Leute nennen es auch Entsagung, wenn sie nach einer Trennung von ein paar Jahren einer einer ewigen Wiedervereinigung entgegensehen! Du verstehst mich, nichtwahr? Ich müßte eben mein ganzes inneres Leben nur einrichten, wobei nicht einfach an die Stelle des Verlorenen etwas anderes gesetzt werden konnte, sondern das Ganze umgestellte werden mußte, damit trotz dem fortdauernden Abgang eines so wichtigen Theiles der frühern Maschine im Gleichgewicht sich erhalte. Was ich Liebe im höchsten Sinn nenne, mußte aus meinem innern

 
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Haushalt gestrichen werden. Ich hab’s vollbracht; halte mich aber dafür für doppelt beruhigt, das Buch zu schreiben, mit dem ich bis Ende April fertig zu werden hoffe, und von dem Du, wenn es einen Verleger findet, das erste Exemplar erhälst.

Vor zehn Tagne habe ich Dir acht Seiten geschrieben, aber sie gleich darauf verbrannt, weil sie nichts enthielten, als die Bitte, Dich an die Spitze unseres Ministeriums zu stellen, und ich durch meine Beweisführung mir selbst bewiesen hatte, daß Du bei der Reinheit dieses Idealismus bei so unfertigen Zuständen, die nothwendig noch ein Viertel Jahrhundert unfertig bleiben, untergehen müßtest. Daß Deine Adresse mich begeistert hat, brauch ich wohl nicht erst zu sagen. Über die Minister Memoranden habe ich gestern mein Herz ausgeleert, und die Bescherung, vielleicht dummer Weise, brühwarm wie sie aus dem Herzen kam, der „N.F.Presse“ geschickt. Ob sie’s aufnimmt? Leid thäte mir’s übrigens nicht; denn lautere Wahrheit schadet nie, und unser künftige Statthalter – sollen wir wirk-

 
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den Taafe herkriegen? – kann nicht zu füh ein Exantillon? von einem Steirer unter die Augen, besser gesagt, in die Ohren bekommen.

Die fertige Post dürfte mir schon deine Berichterstattung bringen; darum will ich diesen Breif, der ohnehin erst morgen abgeht, später schließen. Glaube ja nicht, daß ich auf die Nummer des „Vaterland“ vergessen habe, die Du wünschest. Sie ist mir bestimmt versprochen, <und> du wirst sie bekommen; aber es giebt unendlich langweilige Menschen.

Die Zeitung ist da. Du [Tintenfleck über einem Wort] Deine Rede für den Schluß, was mich übrigens sehr freut: zweimal kann man wie Du nicht reden, und am Schluß ist die Wirkung gewiß eine andere. Vergieb mir das überlange Schweigen <und> bleibe immer so gut
Deinem
Dir gazn <und> treu ergebenem
B. Carneri

 
     
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