Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 13. Mai 1869
 
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Wildhaus 13. Mai 1869.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Dieß ist kein Brief. Mit dieser Erklärung muß ich beginnen, damit Du nicht, zum Dank dafür, daß Du, mit Arbeit überladen und einige zeitlose Wochen vor Dir, dennoch mir geschrieben hast, den Einen Kopf der Postmenduse, die vom Schreibtisch Dich anstiert, wieder angewachsen siehst. Dieser Brief braucht keine Antwort, weil er selbst keine Antwort ist auf Deinen lieben, lieben letzten, für den ich Dir nur danke, aus dem Grunde des Herzens danke, die Antwort auf spätere Zeit mir vorbehaltend.

Heute schreibe ich nur, weil ich nicht schweigen kann, aufgemischt, wie Du mich hast durch Deine letzte Rede. Oh, daß ich Ein Mal nur Dich hören könnte! Du hast wieder hingerissen, wie es eben nur dem Genius gegeben ist. Ja, Du hast Recht, wenn Du nicht dorthin gehst, wo die schönsten Namen befleckt werden. Dein Name giebt Dir das Recht dazu, wenn es auch Niemand giebt, der ihn beflecken könnte. Der Diamant,

 
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den Du in das Diadem unseres Parlamentarismus gesetzt hast, hat mich nicht geblendet, nicht bestochen; erhat mich überzeugt, daß Du auch da ein eigener Künstlertypus bist; und da ich in manchen Dingen, besonders in politischen, sehr hartnäckig bin, so habe ich das Bewußtsein, mit diesem offenen Geständins deiner Rede mein lautestes Bravo! zuzurufen.

Gott erhalte Dich uns allen, und bleibe immer so gut
Deinem
treuergebenen
B. Carneri

 
  Beilage, Seite 1
 

Meine herzlichsten Glückwünsche!

Von B. Carneri

 
     
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