Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 12. April 1869
 
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Wildhaus 12. April 1869.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Alle Frühjahr lese ich Deinen Pfaff vom Kahlenberg und dießmal verdoppelte sich mir, was ich nie gedacht hätte, meine Freude daran. Max, der zu Ostern einige Tage bei uns war, hat ihn da gelesen, und es war mir ein wahrer Genuß, mich an seiner Freude zu freuen. Er hat viel Sinn für Poesie, und ist wirklich schon im Stande, etwas so Tiefes zu würdigen. Merkwürdig dabei ist mir, und nur durch die menschliche Eitelkeit erklärlich, daß er, bei ganz gesundem Urtheil über Fremdes, bei seinen eigenen dichterischen Versuchen, ohne es zu merken, das allermiserabelste Zeug zu Tage fördert. Aber ich soll über den Buben nicht schimpfen; er ist sehr brav für sein Alter, und wenn ich oft noch mehr verlange, so ist’s vielleicht aus Neid, weil der Kerl bereits um einen halben Zoll höher ist, als ich.

Für Deinen lieben, lieben Brief habe ich Dir

 
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nicht früher gedankt, weil ich wieder eine Zeit lang mit Kopf und Augen in Krieg war. Mein unglückseliger Krampf hat sich anderen Muskeln mitgetheilt und der Blutumlauf ist nicht ganz gleichgiltig gegen das erhöhte Würgen. Sollte der Schwindel wieder sich einstellen, so werde ich mich zu einem kleinen Blutopfer entschließen, obwol ich mir keinen großen Vortheil davon erwarte, denn dann könnte man – <und> Dr. Waltner giebt meine Argumentation theilweise zu – durch einen tüchtigen Aderlaß auch einem zur Strangulation Verurtheilten das Leben sichern. Jetzt ist mir beinahe ganz wohl und darum erfülle ich heute meine Pflicht gegen Dich, obwol zwei sehr dringende <und> ungemein lockende Geschäftsstücke auf meinem Tisch liegen. Ich bin mit dem Consistorium wegen einer Lehrerernennung und des Zinses, den ich für die Meßnerwohnung von der Kirchencassa in Anspruch nehme, in einem doppelten und bereits sehr erregten Streit. Etwas zuviel zu thun habe ich für meine Kräfte; doch

 
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wollte ich mir gerne noch viel mehr Arbeit, und auch eine recht erhebliche Verschlimmerung meiner Zustände gefallen lassen, wenn nur die Martern meiner armen Louisi etwas menschlichere Dimensionen annehmen möchten. Jetzt war’s wieder ein paar Tage beinahe nicht auszuhalten. Wenn auch Brust- und Herzkrämpfe nicht lebensgefährlich sind, der daran leidet, macht doch jedesmal die ganze Todesangst durch. Noch habe ich seit dem 3. October das Haus nicht auf fünf Minuten verlassen. Doch mir scheint, ich jammere dir vor; und gerade heute habe ich keinen besonderen Grund dazu. – Für die Dir ganz eigene Freundlichkeit, mit der Du meine Bitte wegen Schullar erfüllt, kann ich Dir nicht genug danken auch in seinem Namen. Er hat sich für Roderbergs Salon entschlossen.

Welchen Eindruck die neuesten Nachrichten über Deine Ministerpräsidentschaft auf mich

 
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gemacht haben, kannst Du Dir leicht denken. Die offenbar durch Dich eingegebene Erklärung in der „Tagespost“ stimmte nur zu gut mit Deinem letzten Briefe überein; dennoch kann ich noch immer die Hoffnung nicht aufgeben, Dich dort zu sehen, wo ich keinen besseren hinzustellen wüßte. Zwischen Einem, der irgend einem Ruf solange als möglich widersteht und Einem, der ihm nie nachgeben wird, giebt’s keinen Unterschied. Daß Du aufrichtig nicht willst, davon bin ich überzeugt; aber könnte nicht eine plötzliche Wiedergewinnung der vollen Gesundheit genügen, um Dir annehmbar erscheinen zu lassen, was gestern noch Dir als unannehmbar gelten mußte. Solltest Du noch ernstlich leidend sein? Unsere Freiheit, unfertig wie sie noch ist, ohne Dich an ihrer Seite kann ich nicht denken. Über wieviel Kraft verfügst Du noch! Und Du sprichst schon vom allmählichen Aufgeben der öffentlichen Laufbahn? Laß mich hoffen solange als möglich, und Gott erhalte Dich uns allen.

Ich muß schließen. Lebe recht, recht wohl. Von mir und

 
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  all den Meinen alles Liebe, meinen Handkuß der Gräfin, einen Kuß Deinem lieben Kinde, <und> bleibe immer so gut
Deinem
treuergebenen
B. Carneri
 
     
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