Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 8. Februar 1869
 
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Wildhaus 8. Febr. 1869.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Wie lange schon habe ich Dir nicht geschrieben! Am Wunsch hat’s wahrlich nicht gefehlt; denn wie häufig hat es mich gedrängt, mit Dir zu plaudern und überdieß dafür mit einem Deinigen Briefe erfreut zu werden. Allein duch mehre Wochen war mir alles Schreiben fast unmöglich. Zu einer sehr bedeutenden Verschlimmerung meines Übels gesellte sich ein ganz abscheuliches Seitenstechen mit Fiber, Kopfschmerzen, die ich bislang fast nicht gekannt, Augenflimmern und recht fatalen Schwindelanfällen. Das alles wäre übrigens bei meiner Tragfähigkeit eine Kinderei gewesen, wenn nicht Louisi ganz besonders leidend <und> meiner bedürftig gewesen wäre und zum Überfluß der Culminationspunkt meiner Bedrängtheit nicht in die Zeit des Jahreswechsels gefallen wäre, wo ich als eigener und ersatzmannsloser Rentmeister, dann mit meinem Verzehrungssteuerverein, Gemeindepräliminare, Schulbau und Präliminare u.s.w. Geschäftsunmasse gerieth, daß ich selbst nicht begreife, wie ich das alles bewältigt

 
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habe; aber bewältigt ist’s; und ich erhole mich – schon langsam. Nur Eines drückt mich. Bei allen meinen Arbeiten, hatte ich es immer ermöglicht, Louisi 3 bis 4 Stunden täglich vorzulesen. Ihr, die gar nichts von der lieben Welt thun kann, war es die einzige Zerstreuung, das einzige Vergnügen, worauf sie sich freute. Seit Ende Dezember habe ich ihr keine Zile vorlesen können und mein Kopf scheint noch längere Zeit nicht pariren zu wollen. Gottlob, haben die gräßlichen Brust, Herz und Magenkrämpfe, die den armen Engel so maßlos gequält, nachgelassen; aber seit dem 3. October, wo ich, leider ohne Dich zu finden, wieder einige Stunden in Gratz war, habe ich das Haus nicht verlassen; vor und nach Mittag gehe ich eine [durchgestrichen: St] halbe Stunde spazieren, aber nur auf <und> ab vor ihrem Fenster. Glücklicher Weise hat der vorjährige Schnee die Weinhecke, deren Du Dich vielleicht erinnerst, zerstört <und> habe ich mir da eine Art Bastei-Spaziergang hergestellt, der nicht nur viel schöner ist, als die erstickende Hecke war, sondern mir jetzt ganz vortrefflich zu Statten kommt. Die Kinder sind, unberufen, ganz wohl, <und> Max, der jetzt die Faschingsferien hier verbringt, ist im ersten Semester unter 42 Schülern (der VI. Classe!) als der dritte hervorgegangen. Kurz, duch einige Wochen

 
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haben Wir’s entschieden schlecht gehabt, jetzt leiden wir wieder stillvergnügt.

Auch Du bist, und nicht unbedeutend, krank gewesen, und weißt wol, nichtwahr, welch warmen Antheil ich daran genommen. Jetzt bist Du wieder mit Arbeit überladen, und könnte leicht mein Brief zu anderer Zeit gelegener kommen. weiß, vielleicht bietet Dir dieses Schreiben einen Ruhepunkt, der Dich ablenkt von überanstrengenden Dingen. Der Hauptanlaß ist ein pontischer. Schullern, ein jedesfalls edles Tirolertalent, der Übersetzer von Tegnin’s-Adel, den ich Dir zu lesen gab, sandte mir vor ein paar Tagen das beiliegende Gedicht: Der Vogelsteller, <und> frägt mich um mein Urtheil, dann ob und wo er es veröffentlichen solle? Mir gefällt es sehr gut, aber ich traue mir kein Urtheil zu, besonders einen in der Fortentwicklung begriffenen Talente gegenüber. Noch weniger – mir fehlt jede Verbindung – wüßte ich wohin damit. In Tirol nimmt ihm’s niemand auf – gerade weil es zeitgemäß

 
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ist. Es ist etwas Erlebtes, und ich selbst habe in der Nähe von Verona das ganz gleiche Bild gesehen.

Wärst Du so freundlich, mir Deine Ansicht mitzutheilen – ich bedarf nur weniger Worte – und mir zu sagen, an wen man es schicken könnte? Du würdest mir eine große Freude machen, denn Schullern ist Einer von den kleinen, aber künftigen Schar, die in Tirol nur des ächten Impulses bedarf, um gegen die schwarzen Legionen loszustürmen, <und> gerade das Lied ist die Waffe, welche [ergänzt: dort] beim naiven Mittelstande den Sieg erringen kann.

Das Gedicht an Gilm schicke mir nicht zurück. Verarge mir die Plage nicht, <und> bleibe mir gut. Wenn Du lachen willst, laß Dir vom Grafen Leo Thun oder Einem seiner Getreuen Nr. 18 <und> 20 des „Vaterland“ auf 10 Minuten geben <und> lies in Nr. 18 die Marburger Correspondenz, in Nr. 26 mein Eingesendet, sammt Note der Redaction. Es ist wirklich interessant zu erfahren, was das „Vaterland“ eine Redeform nennt. Das Ganze war ein Brief gegen einen Geisstlichen, den man in Verdacht hat, eine geheime Circulare mitzutheilen, weil er gut mit mir ist. , hat, wie ich höre, einen Pro-

 
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  test wegen Verleumdung anhängig gemacht. Doch ich schließen. Alles erdenkliche Liebe von uns allen <und> in wärmster Anhänglichkeit <und> innigster Verehrung
Dein treuergebener
B. Carneri
 
     
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