Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 18. August 1868
 
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Wildhaus 18. Aug. 1868.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Tausend und tausend Dank für Dein liebes, liebes Schreiben vom 30. 7. M. und alles Freundliche, das es enthält für mich und die Meinen. Leider geht’s wieder schlechter und Ein sehr unbedeutendes Halsweh und ein leicht verdorbener Magen, aber beides mit Alteration verbunden, haben Louisi das Bischen Kraft, das nach und nach zurückgekehrt war, fast ganz wieder genommen. Eine Gratzerreise ist für sie ein Unmöglichkeit, und ich, der ich in den letzten Tagen es kaum über mich brachte, das Stündchen, das mein Draubad in Anspruch ni_mt, von Hause wegzubleiben, kann für jetzt an eine Entfernung von wenn auch nur ein paar Tagen gar nicht denken. Für mich wird daher diese Landtagssession mit einem dreiwöchentlichen Urlaubsgesuch beginnnen, dem höchst wahrscheinlich ein zweiter folgen wird. Ein paar Collegen

 
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werden mich im Laufenden erhalten, und meine kühnsten Wünsche beschränken sich darauf, ein paar Sitzungen, die mich besonders interessieren, und deren Tag mir telegraphisch mitgetheilt werden wird, nicht zu versäumen.

Du wirst vielleicht fragen, warum ich gewaltsam, gegen den Willen des Schicksals an dieser Last fortschleppe, die ich in so gegründeter Weise und ohne daß irgend wer mir’s verübeln könnte, abzuwälzen in der Lage wäre? Einzig und allein in der Hoffnung, das bis zur nächsten Session mein Himmel sich wieder aufhellen könne. Ist dieß bis dahin nicht der Fall, so lege ich dann mein Mandat nieder; aber mit blutendem Herzen werde ich’s thun. Bei dieser Laufbahn giebt’s kein Quittiren mit Charakter; ich lege damit meinen Charakter nieder. Obwol ich in keiner Beziehung ein Cunz bin, so bin ich doch bescheiden und kann Dich versichern, daß; dem steiermärkischen Landtag anzugehören, mein einziger Stolz ist. Ich werde

 
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auch das verwinden, denn .....

Ich wollte sagen: denn ich verwinde alles. Warum ich den Satz nicht ausgeschrieben? Die Sage vom Neid der Götter beruht vielleicht doch auf einer vieltausendjährigen empiristischen Grundlage, welcher man in Ermangelung einer Erklärung jenen abnormen Namen gab. Der Mensch soll nie prahlen, und ich habe geprahlt. Jahrelang habe ich breit damit gethan, daß es keine Lage des Lebens gebe, die mich um meine Heiterkeit zu bringen vermöchte, und seit dem Jahr 1861 wird meine Lage schwieriger. Ich gebe den Kampf nicht auf, und obwol mein Glück schon großentheils ein reflectirtes, künstliches ist, denke ich nicht im Traum an’s Nachgeben, aber einzusehen beginne ich, daß Sache kritisch ist; denn Humor ist nicht Humor, und wird mein Humor zu einem gebrochenen, so habe ich trotz meinem Humor die Wette verloren.

Ich fürchte sehr, daß [ergänzt: ich] auch den Bez. Ausschuß werde

 
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Lebewohl sagen müssen. Er zwingt mich gar zu oft, auf einen ganzen Tag nach Marburg zu gehen. Unsere Sitzungen dauern von 9 bis 3 Uhr, auch darüber. Auch das wäre ein ernster immenrer Schlag; denn nicht die Zerstreuungen, die das Selbst durch Zertheilung schwächen, sondern die das Selbst einheitlich ablenkende, stärkend beisammen behaltende Arbeit, macht gewisse Leiden leicht erträglich. Für alle Fälle beuge ich bereits vor und reichte ich mir eine Arbeit her, die nicht aus dem Zimmer mich lockt, und gute zwei Jahre mich in Anspruch nehmen dürfte. Viel freie Zeit habe ich nicht und sehr mühsam schreibe; da kann die Geschichte noch länger währen. Seit 25 Jahren sa_mle ich Materialien zu einer Ethik, habe aber den ursprünglichen systematischen Plan – derlei verfängt heut zu Tage nicht mehr – endgiltig aufgegeben, und das Buch, vor allem bistimmt, mich heiter zu erhalten, wird den Titel führen: Blätter für’s Leben, materialistische Briefe von <Kürzel für Anonymus?> von dem neuesten

 
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Standpunkt der Wissenschaft ausgehend und auf jede Annahme verzichtend, will ich zu einem Sittlichkeitsbegriff gelangen, der auch den Idealisten befriedigt, und nachweisen, daß einerseits auch der Matrialismus Grenzen hat, anderseits der completeste Materialismus bei unseren Orthodoxen in vollster Blüte steht. Ob meine Weltanschauung, die mich vollkommen befriedigt, auch Andere befriedigen wird, ist eben Sache der Anderen.

Doch ich besorge, daß ich bei all meiner Heiterkeit heute einen wenig erheiternden Tag habe. Ich schließe daher, und mit der Bitte, daß Du mir immer so gut bleiben mögest. Du gehörst zu einem Kreis von Männern, der nicht reißen darf, wenn ich mir nicht abhanden kommen soll.

Von uns allen an Euch alle alles erdenkliche Liebe. Küsse mir Dein liebes Kind, u. bleibe, bleibt alle gesund. Max ist wieder als Vorzugsschüler <und> unter 41 der 4. zurückgekehrt und Fritzi genießt ihn bis zur Unersättlichkeit. Zwerger wird am 22. nicht hochamtiren. Am Ende kommt Stepischnegg und der Landtag ohne Gott beginnt. Den wämsten Händedruck von Deinem
treuergebenen B. Carneri

 
     
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