Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 27. Juli 1868
 
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Wildhaus 27. Juli 1868.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Wie lange schon nehme ich mir vor, Dir wider zu schreiben; aber meine arme Louisi, der es schon recht passable gegangen war, ist wieder viel leidender, und da habe ich, obwol mein Tag 18 Stunden zählt – ich stehe um 51/2 Uhr auf und gehe fast nie 111/2 Uhr schlafen – kaum 2 Stunden täglich zu meiner Verfügung. Die 11/2 Stunden, die mein Draubad in Anspruch nimmt, gestatten keine Nebenbeschäftigung. Gottlob, ist seit ein paar Tagen meine unvergleichliche Dulderin wieder etwas besser; aber totzdem und all meiner Sehnsucht, mit Dir zu plaudern, hätte ich doch auch heute meinen Tag mit ökonomischen, gemeindeämtlichen etc. Arbeiten beschlossen, wenn nicht die heute erhaltene „N. Fr. Presse“ stärker als jedes Pflichtgefühl mich zu Dir hingerissen hätte. Dein Schützen-

 
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festgruß ist mir durch alle Adern gefahren, Das schreibst nur du, du bist ganz dein; ich habe kein andres Wort dafür. Auch weiß ich mich kaum zu erinnern, daß etwas mich so tief ergriffen hätte. Ich habe dabei geweint, was mir fast nie geschieht; mir war, als wäre ich nach Wien gekommen, was mir vielleicht nicht mehr geschieht; kurz, ich habe das Schützenfest mitgemacht, und das verdanke ich Dir und dafür muß ich Dir heute noch die Hand drücken – wenn auch nur im Geiste, <und> selbst das nur flüchtig, aber aus ganzer Seele.

Bist Du schon in Wien? Für alle Fälle ist’s gescheuter, ich schreibe Dir nach Thurnamhart. Bleibst du länger in Wien, so wird Dir der Brief nachgeschickt. Was ich vor allem wünsche, ist, daß er Dich <und> Deine Lieben im besten Wohlsein antreffe.

Schließen kann ich aber doch nicht, ohne Dir

 
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die interessante Marburger Tagesneuigkeit mitgetheilt zu haben. Am 25. Dieses als am Tage des h. Jakobus, war der Namenstag des Dr. Jakob Maximilian Stepischneg, folglich in der Domkirche feierliches Hochamt. Meine Schwester Lennoy? begab sich dahin, und findet keine Worte, um den Eindruck zu schildern, den die vojm Anfang an bis zu Ende ganz leere Kirche – außer ihr und einem geistlichen Gymnasialprofessor waren 4 sage vier alte Weiber drin – bei festlichst geschmücktem Altar auf sie gemacht hat. Absentia populi, absentia Dei. Die Lection ist gesund. Österreich ist reif, nicht mehr so fromm, als es war, und trotz dem und dem wird es deutsch bleiben <und> immer freier <und> freier werden.

Gott erhalte Dich. Von uns allen an

 
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Euch alle alles erdenklich Liebe. Bleibe immer gut
Deinem
treuergebenen
B. Carneri

 
 

 

 
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