Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 8. Juni 1868
 
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Wildhaus 8. Juni 1868.

Geliebtester u. verehrtester Freund!

Parva licet componere magnis: wecke den schlafenden Löwen nicht! Du hast mich geweckt mit Deinen allzuschmeichelhaften Worten, und da hast Du’s jetzt. Damit du siehst daß ich auch direct meinem Enthusiasmus Ausdruck gebe, sende ich Dir ein Stück „Tagespost“, das Dir in Wien vielleicht nicht zu Gesicht gekommen ist. Und weil ich schon dabei bin, lege ich auch meinen Aufsatz über Selbstverwaltung bei. Von diesem fürchte ich leider, daß er bei Dir auf einen principiellen Widerspruch stoßen wird; aber abgesehn von allem Übrigen, ist dieß der einzige Weg, der eine Lösung der socialen Frage bietet, und auf dem wir erfolgreich den Ultrademokraten begegnen können, die an dem kaum erblühten Rpräsentativsystem rüttelen, und ehe es noch die erste Frucht getragen, ein Pöbelsystem an seine Stelle setzen möchten, daß jeder Blick in Mommsens

 
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Römische Geschichte als das Grab der Freiheit erweist.Gewissen Leuten ist nur zu thun um ein Mittel, zu die Massen in Bewegung setzen zu können. Wären nur unsere Dynasten aus einem anderen Blut, - es wäre ein Ende abzusehen! Aber dieses Blut ist auch im Volke. Johenson? hat verurtheilt zu werden, wenn er schuldig ist; aber als ich in unseren besseren Blättern las: „strenggenommen dürfte er nicht schuldig erfunden werden, damit er nicht bei den nächsten Wahlen seinen jetzigen Einfluß in die Wagschale legen könne“, - da fragte ich mich, was denn eigentlich Cabinettsjustiz sei? – und schaudernd blicke ich in den Abgrund von Unsittlichkeit, der vor uns liegt.

Ohne Zweifel ist Eure Bestimmung über die Vortragszulässigkeit die liberalere, und alle ächten Liberalen unseres Abgeordnetenhauses erkennen es an; aber wir haben

 
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eben auch unten Einseitigliberale à la Thun – Clam?, und sie ind schon in voller Thätigkeit.

Nichtwahr, an der Anspielung auf die Zueignung Deines Pfaff von Kahlenberg hast Du mich in der Marburger Adresse erkannt? Zueignung geht mir wieder im Kopf herum; aber dießmal ist’s ein Vers, den ich nicht öffentlich citire und nur still vor mich hinbete, rectius hinknirsche:

„In’s Gotteswerk griff Gottes Affe!“ Gottlob, hat dießmal der Liberalismus schon soviel Boden gewonnen, daß wir nur zu wollen brauche, um sein Zerobito? in Fetzen zu reißen.

Rechbauer’s Rede gegen den Bankrott und die alte Armee war reinstes Gold. Die Vermögenssteuer ist etwas Heiliges, wie die gerechte Vertheilung der Lasten. Solange man helfen kann,

 
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ist der Bankrott ein betrügerischer, der [durchgestrichen: den] unseren Credit auf ewig vernichtet?, <und> eine Conponssteuer, die sobald als die Umstände erlauben, vermindert zu werden hat, ist kein Bankrott. Helfen können wir aber durch die Umwandlung der alten Armee in ein Volksheer. Allerdings ist es fraglich, ob Österreich diese Probe aushalten kann? Aber dafür ist es nicht fraglich, daß die alte Armee Österreich auffrißt, und höchst wahrscheinlich schneller auffrißt, als das Volksheer es auflösen kann. Zudem wird, leider, auch im Volksheer der militärische Geist, um den so vielen bang ist, und zu sehr sich breit thun. Eine Art Kadettenstellung müßte den Gebildeten das Dienen neben den slovenischen Sauhirten ermöglichen. Man wird nicht wegen des Einen Hackerls? die einzige Rettung aufgeben.

Jetzt schließe ich aber und überlasse Dich wieder Deiner ländlichen Ruhe. Von uns allen an Dich <und> Deine Lieben alles erdenkliche Liebe. Gott erhalte Dich dem Vaterlande! Lebe recht, recht wohl <und> bleibe immer so gut
Deinem
B. Carneri

 
     
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