Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 28. Mai 1868
 
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Wildhaus 28. Mai 1868.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Wie oft schon habe ich mir vorgenommen, Dir zu schreiben! Allein meine freie Zeit ist beinahe nur mehr ein leeres Wort, und an Dich zu schreiben kann ich nur denken, wenn ich wenigstens eine Stunde frei vor mir sehe. Zudem wußte ich Dich die Zeit über so ganz besonders in Anspruch genommen, daß ich mir ein Gewissen darauf gemacht hätte, ohne einen besonderen Anlaß in zeitraubender Weise mich an Dich zu wenden. Endlich entwickelst Du eine so hervorragende Thätigkeit, daß ich mich mit Dir in Berührung fühlte, wenn auch Du, bis auf Ein Mal, nichts davon empfinden konntest. Dieß Eine Mal aber hast Du mich richtig herausempfunden, und Deine Antwort an den Bürgermeister von Marburg, der den Brief, welcher [fehlendes Wort, weil ein Papierschnipsel ausgerissen ist] ihn überglücklich gemacht hat, kaum erhalten, mir herausbrachte, enthielt, ich lasse mir’s nicht nehmen, auch einen Gruß an mich, außer

 
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jenen, den Du meiner Schwiegermutter aufgegeben hattest. Heute aber halte ich’s nicht mehr aus und muß Dir im Geiste die Hand drücken. Die Sanctionirung der confessionellen Gesetze hat mich mit Jubel erfüllt. Ich hatte zwar nicht daran gezweifelt; aber als die That vollbracht war, hatte ich doch das Gefühl, als wäre etwas für unmöglich Gehaltenes ganz unvermuthet eingetreten, – so groß ist die Sache an sich. Mit Stolz, wie nie vorher, kann man sich wieder einen Österreicher nennen.

Noch hat Österreich ein riesiges Stück Arbeit vor sich, und gar viel hat noch zu geschehen, bevor seine herrliche Verfassung ganz zur Wahrheit wird; aber doch liegt mir als eigentlicher Stein nur die Finanzfrage auf dem Herzen. Gebe es der Himmel, daß und Anfang nicht durchdringen! Ein totaler Bankrott, wenn [fehlendes Wort, weil ein Papierschnipsel ausgerissen ist] Rettung mehr offen stände, würde uns nicht so gänzlich um allen Credit bringen, als es

 
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ein partieller Bankrott thut, da er noch zu vermeiden ist. Und zu vermeiden ist er, solange durch eine gerechte Steuerreform und eine Vermögenssteuer die Staatseinnahmen gegeben und durch eine vernünftige Wehrverfassung die Staatsausgaben bedeutend vermindert werden können. Bis zur Druchführung der Steuer- und Heeresreform ließe ich mir jede Belastung des Einkommens, jedes Einkommens gefallen. Eine bleibende Zinsenreduction, solange eine vorübergehende Conponssteuer? den erreichen kann, ist kein beklagenswerthes Unglück, sondern ein schimpfliches Verbrechen.

Doch ich lasse mich da auf ein Feld ein, das mir fremd ist, und komme Dir mit einer Sache, die Dich ohnenhin über alle Beschreibung quält. Verarge mir’s nicht; dafür schreibe ich Dir noch nach Wien, und störe nicht die Ruhe, die Dir die Feiertage daheim bereiten

 
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werden.

Über unsere Gesundheit schreibe ich am liebsten nichts. Solange wir heiter sein können, haben wir keinen Grund zum Klagen, und heiter leben wir – unberufen – wie wenig Menschen. Das Frühjahr ist wundervoll schön, und wenn es so fortfährt, beginne ich mit dem Juni wieder meine Draubäder.

Der furchtbare Schnee dieses Winters hat mir sehr großen Schaden zugefügt, die Tenne beinahe eingedrückt, die Holzhütte zerschmettert, zahllose Bäum zusammengebrochen; aber auch Wildhaus verschönert! Die Hecke vor dem Schloß ist rein zerquetscht worden; ich habe sie cassirt und dadurch eine Art Basteispaziergang gewonnen, der es beinahe verdienen würde, daß Du ihn ansehen kommst.

Doch nun lebe recht wohl, Gott erhalte Dich und Deine Lieben, von uns allen alles erdenklich Liebe und Gute, und <und> behalte immer lieb
Deinen treuergebenen
B. Carneri

 
     
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