Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 11. Dezember 1867
 
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Wildhaus 11. Dez. 1867.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Einem Manne wie Du gegenüber handle ich am delicatesten, wenn ich Dir gleich den Professor mit Haut und Haar übersende, da Du aus seinem Briefe, den ich mir gelegentlich zurückzuschicken bitte, am besten selbst urtheilst, ob und wie Du den Fall zu einer Exemplification verwenden kannst, ohne den Mann, der sehr ängstlicher Natur zu sein scheint, zu compromittiren.

Gut ist es zu wissen, daß die Danica, was ich nicht wußte, dabei in Verwendung kam. Zuerst giebt’s der Religionsprofessor in die Zeitung, dann [durchgestrichen: giebt] heult er über den Scandal <und> fordert Genugthuung. Dem Professor wird das [durchgestrichen: At] Amtsgeheimnis in Erinnerung gebracht, aber die Schüler wußten es alle, daß von Einem Tag zum andren ein Widerruf in Gegenwart des – wie zufällig an-

 
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wesenden Directors bevorstand. Der Vorfall widert mich jetzt doppelt an, und würde mich ohne all den jesuitischen Beigeschmack weniger empören. Dazu der liberal schillernde Bischof, falsch wie ein Schlomschegg, der auf der Abbitte besteht, aber glauben machen will, daß nicht er darauf bestehe, der meiner Schwester noch vor drei Tagen sagt, es freue ihn sehr, daß die Marburger Adresse so viel Anklang gefunden habe (morgen spricht er bei ihr u. die gute Frau ist so überzeugt von seinem Liberalismus, daß sie mich dabei haben wollte!) und heimlich [durchgestrichen: schrei] seinen Pfaffen schreibt, daß wir die Einfalt des guten slovenischen Volkes mißbrauchen.

Des Professors Entschuldigung ist jä_merlich und doch brennt er vor Begierde, daß der Fall besprochen werde; denn ich habe ihm offen geschrieben, um was es sich handle, und nur zugesagt, daß ich die Sache nicht durch ihn

 
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erfahren haben werde, auch wenn er mir Mittheilungen darüber mache, <und> daß nur von einem steiermärkischen Gymnasium die Rede sein werde.

Gottlob, den Character meines Max können sie nichts mehr anhaben; aber Krieg bis zur Vertilgung dieser Einflüsse <und> wenn’s sein muß den Einflußenden selber, die Lehrercharaktere heranbilden, die nur eine ganze Generation zu verderben vermöge. Auf den Schnee mit seinen Zugverspätungen bin ich böse. Wäre gestern die Tagespost wie gewöhnlich angekommen, so hätte sie gewiß Einer in die Sitzung mitgebracht, [durchgestrichen: und] und ich hätte bei meiner Berichterstattung, anstatt einer friedenathmenden, uns zu bescheidenen Empfehlung der Adresse, eine Expecteration[?] gegen Bischöfe zum Besten

 
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gegeben, die von ihren Diöcesanen sich abwenden, <und> dann klagen, daß diese von ihnen sich abwenden. Den ersten Absatz des Circulars hätte ich vorgelesen <und> etwas erläutert.

Doch ich muß schließen, es ist gleich Mitternacht. Der Himmel erhalte Dich und mache Dich zu unserem Cultusminister! Behalte mich lieb und sei im Geiste umarmt von
Deinem
treuergebenen
B. Carneri

 
     
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