Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 3. Dezember 1867
 
  Seite 1
 

Widhaus 3. Dez. 1867.

Geliebtester u. verehrtester Freund!

Deine Rede in der XIX. Sitzung hat mich elektrisirt. Ich halte mir die steuergraphischen Protokolle des des A. H. Heute schreibe ich auch um die des Herrenhauses, wenn auch vielleicht nur um Dich allein zu lesen.

Und um ein parlamentarisches Anliegen. Du weißt, daß das A. H., durch einen Antrag Herbst’s überrumpelt, beim Schulgesetz die Gymnasien unberührt gelassen hat. Auch da handelt es sich um eine Beschränkung der Büreaukratie <und> Paralisirung des geistlichen Einflusses, <und> wenn letzterer auch – wie Herbst seinen Antrag motivirte – nur auf’s Concordat gegründet ist, der Einfluß hat Wurzel gefaßt, <und> entwurzelt wird heute das Concordat noch nicht. Die Debatte hat in Nr. (ich finde es nicht, doch ist das für

 
  Seite 2
 

Dich gleichgiltig) zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß das Herrenhaus die Lücke ausfüllen könnte, indem es auf den ursprünglichen Ausschußantrag zurückgriffe. Zur Illustration der Sache muß ich Dir einen Fall aus dem Marburgergymnasium mittheilen.

Pfr. Schaller (Geschichte) ließ in einem Vortrage die bescheidenen Worte fallen: Der Durchzug durch’s rothe Meer könne auch durch das Schäumen der Ebbe u. Fluth erklärt werden. Kein Schüler nahm davon Anstoß, aber dem Katecheten kam’s zu Ohren, und Schaller wurde dahin gebracht, (er hat eine Familie zu ernähren) vor dem Bischof (Stepischenegg) Abbitte zu leisten <und> in der Classe in Gegenwart des Directors zu widerrufen.

Gott erhalte Dich und die Lieben Deinen. Ich muß schließen. Mein nächster bringt Dir wieder ein Sträußchen. Bleibe im-

 
  Seite 3
 

mer so gut
Deinem
B. Carneri

 
     
  Zurück zu den Briefen Zurück zu Anastasius Grün Zurück zu den Projekten