Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 9. November 1867
 
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Wildhaus 9. Nov. 1867.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Wie oft wollte ich Dich schon bitten, <und> immer wieder vergaß ich darauf, daß du bei meinen Adressen das: Marburg,– weglassen möchtest. Zellnitz genügt, weil es nur eine Briefsammlung dieses Namens giebt; <und> die Herren Postbeamten eilen so sehr beim Kartiren, daß sie oft nur Marburg sehen, <und> einen solchen Brief zu denen werfen, die in Marburg auszutragen kommen. Damit ist Ein Tag verloren. Wäre dein lieber letzter Brief nicht in Marburg liegen geblieben, so hätte ich dir noch nach Thurn am Hart schreiben können. Schon wollte ich telegraphiren, um dich zu fragen, ob du nicht noch ein paar Tage länger auf die Adresse warten könntest? Doch einestheils wäre die Motivirung meiner Bitte zu langwierig gewesen für die Drathcorrespondenz, anderestheils ist der Wunsch, sie in Wien am 10. vorzufinden,

 
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zu bestimmt ausgesprochen, als daß ich denken könnte, dem Schicksal zwei Tage abringen zu können. Einen muß ich nehmen, weil der Samstag <und> der Sonntag vormittags zu wichtig sind und sich’s um ein ganzes Hundert Unterschriften handeln kann. Diesen Brief findest du morgen, Sonntag, Abends bei deiner Ankunft neben meinen zwei vorhergehenden, von denen Dein lieber [unleserliches Wort] noch nichts wußte auf deinem Tisch, <und> er zeigte dir an, daß die Adresse an das Herrenhaus Montag mit dem Fünftrain in Wien einlangt. Du weißt die Stunde, in der du die Briefe bekommst <und> kannst die Sache nöthigesfalls so einrichten, daß sie Dir in die Sitzung gebracht wird.

Es geht gut. Was es Bestes in Marburg giebt, – bis auf Brandis <und> seine Schmerzen, hat? sie unterzeichnet. Das ganze Bezriksgericht vom Ersten bis zum letzten u.s.w. die eigentlichen

 
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Radicalen („da waren ferner die eigentlichen Popularen, die ehrlich gläubigen bornirten Radicalen, die für die Schlagwörter des Parteiprogrammes Vermögen und Leben einsetzen, um nach dem Siege mit schmerzlichem Erstaunen zuerkennen, daß sie nicht für eine Sache, sondern für einen Phrase gefochten [ergänzt: hatten.] Mommsen III. 4.) waren unerbittlich <und> selbst der Aufruf in der „Marb. <Zeitung>“ blieb aus. Dennoch hatte ich Deine ursprünglichen Erwartungen zu übertreffen. Bei der Kürze der Zeit hatten mir auch nur die Worte: „eine namhafte Zahl Unterschriften“ den Muth gegeben, die Sache in’s Werk zu setzen. Gestern früh waren schon 300 Unterschriften beisammen <und> konnte ich aus meiner Gegend (Zellnitz, Rast <und> Füstnitz bei Faal und Umgebung einem Bogen mit 43 ganz honneten, selbstbewußten,

 
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in erfreulichster Weise freudig gewöhnten Unterschriften an Reiser senden. Die 841 muß ich mir schon aus dem Kopf schlagen, aber für eine Stadt wie Marburg sind schließlich 500 in so wenig Tagen eine ganz respectable Zahl, <und> auf das bringen wir’s gewiß. Wenn Du nur zufrieden bist! Du hast mir [durchgestrichen: so?] mit den Anfragen meines armen Wutt eine so große Freude gemacht! Gott vergelte dir’s an dir und den Deinen! Leider ist die Adresse nur zum geringen Theil mein Werk. Notar: Matthäus Reiser, mein Collega im Bez. Ausschuß, Neffe des alten Bürgermeisters gleiches Namens, will mir absolut die Freude und Ehre der Übersendung nicht nehmen. Aber er hatte die meiste Arbeit – ich habe gepflanzt, er hat begossen, <und> wenn Du zufrieden bist <und> ich will’s nicht verschreien, - so [durchgestrichen: s] machst du ihn selig.

Heute ist Theodorls Namenstag <und> da wird ihm <und> seinen Lieben in Wildhaus ein Hoch ge-

 
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  bracht mit Muskateller. Lebe recht, recht wohl <und> behalte immer so lieb
Deinen treuergebenen
B. Carneri
 
     
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