Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 3. November 1867
 
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Wildhaus 3. Nov. 1867.

Geliebtester und Verehrtester Freund!

Es ist vielleicht recht ungeschickt von mir, heute, wo ich Dir über das Schicksal der Petition noch nichts Bestimmtes zu sagen weiß, und du beim Anblick des Packett’s denken kannst, sie sei es schon, das beiliegende Gesuch zu schicken. Aber ich kann nicht einmal in Kleinigkeiten klein von Dir denken, <und> die Petition kann noch acht Tage auf sich warten lassen. Die Geschichte ist kitzlicher, als ich im ersten Moment gedacht habe, <und> gestern noch mußte ich einen beiläufigen Entwurf nach Marburg schicken, der freilich noch bedeutend zugestutzt <und> amplificirt werden wird, um schließlich, weiß der Himmel wie, auszufallen. Dir Marburger sind sehr radical <und> nur durch eine ultraradicale Adresse zu massenhafter Unterzeichnung zu bewegen. Wenn aber

 
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die Adresse derart ist, daß sie die Marburger entzückt, so schlägt das Herrenhaus die Hände über dem Kopf zusammen <und> ruft: ecce, wohin die Leuteln hinauswollen! Der zweite Anstand ist, daß die Conservativen keine Adresse unterschreiben <und> die Liberalen durch einen Schritt beim Herrenhaus fürchten conservativ zu erscheinen. Lauter Folgen unserer Reife. Nur Eines tröstet dabei; bis auf die Kettenburger <und> Brandisc haben wir keine Reactionäre, <und> die clericale Monsterpetition wird nur von Leuten unterschrieben, die das Concordat nicht einmal dem Namen nach kennen. – Übrigens ist die Geschichte eingeleitet <und> ich habe Hoffnug, in wenig Tagen deinen Wunsch erfüllen zu können.

Wärst Du so gütig, beiliegendes Gesuch im Cabinet selber zu überreichen? Es ist ein gutes Werk, ein wirkliches Almosen.

 
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Ich weiß, daß eine Empfehlung beim Cabinetschef, wie z. B. Du sie bieten kannst, genügt, damit das Gesuch zur Signatur empfohlen, <und> auch wirklich signirt wird. Wenn es Dir außerdem möglich wäre, Becke ein Wort zu sagen, denn das Gesuch kommt dann an's Finanzministerium, so fände ich keine Worte um dir zu danken. – Durchfliege das Gesuch <und> du wirst sehen, daß es sich um eine Barbarei handelt. Der Empfohlene ist der lauterste Character, den man denken kann, siebzig Jahre ist er alt, hat 49 Jahre gearbeitet wie kein Lastträger, <und> jetzt kann er betteln gehen, denn heut zu Tage ist eine Pension von 177 fl. eine Ironie.

Mag es übrigens auch als Regel gelten, beim geringsten Hakerl die nicht kaiserlichen Dienstjahre nicht einzurechnen, im Gnadenwege geht es gewiß, <und> ich zweifle nicht am Erfolg. Aber was mich empört, ist die Weise

 
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der Inruheversetzung. Die Schuldlosigkeit Wutt's wird anerkannt, er wird noch vor kurzem befördert, noch vor kurzem war er gut, 49 Jahre war er gut, <und> weil es jetzt aus Kroatien <und> Ungarn unterzubringende Steueramtsbeamte in's Land regnet, kann man ihm nicht sagen: "wegen das hohen Alters", nein wegen constatirter Unfähigkeit" wird er pensionirt. Während Milionen an reiche Leute verschleudert werden, will man den Staat retten, durch Abzwicken solcher Betrüger! Ich kann, wie für mich, für Wutt, daß er's verdient, von dir empfohlen zu werden, gutstehen. Lies sein Pensionirungsdecret, und Dich erfaßt's wie mich. Keiner hat sich seiner angenommen, Jeder will sich ein Bild einlegen durch Befürwortug der 3/8. Pension, weil Jeder nur an sich denkt. An diesen Erbärmlichkeiten erstirbt der Patriotismus <und> schließlich Österreich.

 
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  Nichtwahr, ich brauche mich nicht zu entschuldigen? Gott erhalte Dich und <und> die lieben Deinen! Dein treuergebener B. Carneri  
     
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