Beilage zum Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 1. November 1867
 
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Zeitungsausschnitt [B. Carneri:] Gegen das Konkordat.
[In: Grazer Tagespost vom 28. Oktober 1867?]

Gegen das Concordat.

*Marburg, 26. October. Die Vorstände der zum politischen Bezirke Marburg gehörigen Ortsgemeinden Slemen, Zellnitz, Johannesberg, Rothwein, Brunnsdorf, Pickerndorf, Pobersch, Wochau, Rogeis, Schleinitz, Kötsch, Roswein, Leitersberg, Tanzenberg, Pesnitzhofen haben durch den Reichsrathsabgeordneten Dr. Rechbauer dem Abgeordnetenhause einen Protest gegen die Petition überreichen lassen, welche in zwei theilweise gleichlautenden, theilweise verschiedenen Exemplaren durch Steiermark, Kärnten und Tirol wandert, vielleicht auch schon weiter um sich gegriffen hat und dasjenige ist, was Herr Greuter gemeint hat, als er in der Generaldebatte über das Ehegesetz ausrief: "Das Volk werde noch reden." Bei der Spärlichkeit der Unterzeichnung, obwohl dazu, wenn die "Marburger Zeitung" gut unterrichtet ist, z. B. in Maria in der Wüste bereits die Kanzel mißbraucht worden ist, scheint keine Monstrepetition daraus werden zu wollen, wohl aber eine Monstrosität, insofern die Unterschriften meist von Meßnern, Weibern und Kindern herrühren. Möglich, daß das Idealvolk der Herren Greuter und Comp. das Volk ohne Männer ist.

Der Protest lautet:
Hohes Haus der Abgeordneten!
Die Bezirksvertretung von Marburg hat in ihrer Sitzung vom 3. September l. J. in einem Antrage an den steiermärkischen Landesausschuß, betreffend die Errichtung von Schullehrerseminarien, einstimmig für die Trennung der Schule von der Kirche sich ausgesprochen und in der Concordatsfrage wie Ein Mann auf die Seite des hohen Hauses der Abgeordneten sich gestellt.

Aus diesem Grunde haben es die die ergebenst gefertigten Gemeinde-Vorstände des obgenannten Bezirkes bisher für überflüssig erachtet, nach dieser Richtung hin Schritte zu thun, zumal es im ganzen Reiche keine Stadt, ja bald keinen nenneswerthen Marktflecken mehr gibt, die nicht im gleichen Sinne ihre Stimme erhoben hätten.

Nun ist aber in diesem Bezirke eine Petition in Umlauf gesetzt worden, welche im Gegensatz zu den Volksvertretern die Aufrechterhaltung des Concordates fordert und deren Unterzeichnung vornehmlich von der Geistlichkeit betrieben wird. Da Diejenigen, welche lesen und schreiben können, von dieser Petition nichts wissen wollen, so hat sie ihren Weg in's Gebirge genommen, wo das die Unterschrift vertretende Kreuzzeichen dem größten Unfug Thür und Thor öffnet. Welche Mittel angewendet werden, um Unterschriften zu erschleichen, erhellt schon daraus, daß jeder Liberale als gottlos und aller Laster voll geschildert wird. Nirgends liegt die Petition zur öffentlichen Einsicht auf und die Heimlichkeit, die dieses Treiben deckt, ist zwar bei der lebhaften Zustimmung, welche die Haltung des hohen Abgeordnetenhauses selbst in unseren kleinsten Dörfern findet, leicht erklärlich, aber darum nicht weniger bedenklich. Daß jene im Finstern wirkende Partei den Reichsrath nicht anerkenne, ist längst bekannt; nachdem aber der Kaiser in seiner Antwort an die Bischöfe offen, daß selbst, die nicht wollten, es hören mußten, erklärt hat, an der Verfassung festzuhalten, scheint jene Partei, in ihren Bestrebungen verharrend, selbst den Kaiser nicht mehr anerkennen zu wollen.

Unter solchen Umständen können die ergebenst gefertigten Vorstände nicht umhin, mit möglichster Raschheit an ein hohes Haus der Abgeordneten sich wenden und im Namen der Gemeinden, deren gewählte Vertreter sie sind, freimüthig und vor aller Welt gegen jede aus diesen Gegenden kommende, die Haltung des hohen Abgeordnetenhauses mißbilligende Petition, als der Ueberzeugung des denkenden Theiles der Bevölkerung widersprechend, auf das Entschiedenste Protest einzulegen.
(Folgen die Unterschriften.)

 
     
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