Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 4. August 1867
 
  Seite 1 Zum Scan
 

Wildhaus 4. August 1867.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Ein Brief an Dich ist etwas, worauf ich mich immer freue und was ich genießen will; daher das Hinausschieben, mir dieß Mal, bis ich die nöthige Zeit frei vor mir sehe, um mir so recht wohl geschehen zu lassen. Dein letztes, liebes, liebes Schreiben trägt das Datum vom 10. Juni! Und, weiß Gott, früher als heute hätte ich nur in höchster Eile ein paar Zeilen hintratzen können. Wie oft es dagegen diese Zeit über mich gedrängt hat, mein Herz vor Dir auszuschütten, weißt Du, ohne daß ich Dir's sage, weil Du Dir denken kannst, wie oft mein Herz zum Zerplatzen voll und gepreßt war. Aber meine Zeit ist – meine freie nämlich – knapper als je mir zugemessen. Ich habe eigentlich gar keine meinige Zeit mehr. Nach dem Frühstück gehe und sitze ich mich Louisi 1 1/2 Stunden umher; nachmittags lese ich ihr 1 1/2 Stunden vor, und wann sie zu Bette gegangen ist, lese ich ihr vor, bis sie einschläft. Diese Zeit gehört so sehr nur zur Hälfte mir,

 
  Seite 2 Zum Scan
 

daß dabei z. B. von Briefschreiben nicht die Rede sein kann, sowenig als in der Drau, die mir jetzt, trotz des wenig günstigen Wetters, fast täglich 5/4 Stunden raubt. Meine Wirtschaft nimmt mich mehr als gewöhnlich in Anspruch, weil ich von einem Maierhofgebäude, das einzustürzen drohte, die Hälfte niederreißen und neu bauen mußte; diese Woche hatte ich fertig zu werden. Auch meine Gemeinde hat mehr Schmerzen, weil ich dieß Jahr unsere Zuschläge selbst einhebe, <und> in diesem Monat, am 31., der Ausschuß neu gewählt wird. Der Verzehrungssteuer-Verein macht mir viel mehr Arbeit, als ich gedacht hätte; ebenso der Bez. Ausschuß, der sehr oft Sitzungen hält, und von denen ich keine versäumen darf, weil unser Obmann in Karlsbad weilt <und> Ein Ausschußmiglied unsignirt hat. Nun schreibt aber das Gesetz vor, daß der Ausschuß nur beschlußfähig ist, wenn außer dem Vorsitzenden 4 Mitglieder gegenwärtig sind;

 
  Seite 3 Zum Scan
 

es braucht nur Einer auszubleiben, damit die Sitzung nicht statthaben könne.

Du lachst wol über alle diese Details, die Du gewiß nicht forderst, um mir mein nahezu unartiges Schweigen nachzusehen. Aber es ist dieß eine gar so gute Art, ohne augenfällige Unbescheidenheit von sich zu enden. Und was soll ich Dir auch sagen, wenn nicht, was ich treibe und wie ich lebe? Von Politik will ich nicht ausführlich sprechen, weil ich entschieden schwarz sehe. Wenn nicht der Reichsrath bei seinem nächsten Zusammentritt zu wahrem Patriotismus sich aufrafft, tritt das Schicksal ihn und uns zusammen. Einerseits ziehen es die Herren vor, Opposition zu machen, und haben nicht das Herz, die Verantwortlichkeit zu übernehmen für das, was doch großentheils das Werk ihrer Opposition ist; andererseits hindern sie Eitelkeit und Selbstsucht, dem Benehmen die Führerschaft zuzuerkennen. Von dem Moment an, in welchem der Reichsrath auch ein eigenes Ministerium verzichtete, athme ich, politisch, nicht mehr frei auf.

 
  Seite 4 Zum Scan
 

Darum habe ich mich mit Leidenschaft auf ein Buch geworfen, das zu kennen schon lange mein Wunsch [ergänzt: war], das mich ganz wieder in meine alte Studien zurücksenkt und mich mit einem Cirkel umgiebt, den mir nicht der erste beste zu "turbiren" vermag. Es ist ein Riesenwerk in zwei großen Ländern, Stuard Mill's: System der deductiven <und> inductiven Logik. Trotz meiner vielfachen Beschäftigung bin ich bei der Hälfte des ersten Bandes und, genieße diese an den frischesten Quellen der Wissenschaft verjüngte Denklehre wie wenn ich um 20 Jahre jünger oder 20 Jahre älter wäre. Würde ich gesund sein, so studirte ich gewiß etwas anderes; aber der Himmel weiß, ob ich mich besser dabei befände?

Und d. h. Louisi <und> mir geht's – unberufen – passable, den Kindern noch unberufener – gut, so daß wir, zumal wenn es noch länger so fortgeht, verhältnismäßig, noch von "kannibalischem Wohlsein" enden werde; nur auf die Zahl 500 verzichten wir mit Bestimmtheit.

Daß ich auf Deinen lieben, lieben Brief nicht näher eingehen kann, ist die Strafe für mein langes Schweigen. Er war vor der Adreßdebatte geschrieben. Was ist seitdem alles geschehen <und> nicht geschehen! Glaube ja nicht, daß ich in der Politik entsagen

 
  Seite 4, oben verkehrt  
  werde; aber überzeugt kannst Du sein; wie von nichts, daß Deine Briefe für mich von unschätzbarem Werth sind. Möchten diese Zeilen Dich und die lieben Deinen im besten Wohlsein antreffen, behaltet uns alle lieb, entrichte der liebenswürdigen Gräfin  
  Seite 3, oben verkehrt  
  meine Handküsse und gieb Deinem lieben, lieben Kinde ein recht festes Bußl für
Deinen treu <und> dankbar ergebenen
B. Carneri
 
     
  Zurück zu den Briefen Zurück zu Anastasius Grün Zurück zu den Projekten