Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 27. Jänner 1867
 
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Wildhaus 27. Jänner 1867.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Heute erst beginne ich aufzuathmen. Mein Verzehrungssteuerverein, der erst in Gang zu bringen war, die Gemeindeamts Rückstände, mein eigener nachträglicher Jahresabschluß, das Weinabziehen u.s.w. gaben mir vollauf zu thun. Füge hinzu die Wahlbewegung, an der ich thätigen Antheil nahm und ein neues Leiden Louisi's, in Folge dessen es mir selbst eine Nothwendigkeit war, ihr noch etwas mehr, als gewöhnlich vorzulesen, und Du verzeihst mir, nichtwahr, daß ich erst heute dazukomme, Dir Nachricht von uns zu geben. Übrigens hast Du die Zeit über gewiß von uns gehört, wenn auch nicht auf directem Wege, und Interessantes hat sich nichts zugetragen. Gottlob, geht's meiner Louisi wieder besser.

Von unsern Wahlen weißt Du das Wichtigste durch die Zeitungen, <und> vielleicht hast Du

 
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in der "Tagespost" meinen Aufsatz nicht übersehen. Was ein Theil unserer Geistlichkeit getrieben hat und die Unverschämtheit, mit der unser Bezirksamt vorgegangen ist, übersteigt alle Begriffe. Dazu die deutschen Gegenkandidaten, unter welchen der Lieutnant Brandstätter das Äußerste geleistet hat, und seine Rolle als Candidat für Marburg fortsetzt. Nicht ohne Bangen sehe ich der morgigen Wahl entgegen, bei welcher unserem Tappeiner ein Ultraslovene, der vom eingeschüchterten Beamtenthum, den Lehrern aller Kategorien <und> der würdigen Geistlichkeit unterstützt wird, ein Blutrother, dem der dritte Wahlkörper anhängt, <und> ein Offizier; obiger Brandstätter gegenübersteht, der nichts für sich hat, als seinen Eigendünkel, aber darum

 
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vielleicht nur noch gefährlicher ist, weil [ergänzt: er] seine ganze Thätigkeit der Discreditirung Tappeiners zuwendet. Doch genug davon. Ich würde dir nicht schreiben, wenn ich Dir nichts Angenehmeres mitzutheilen hätte.

Vielleicht kennst Du das beiliegende Gedicht nicht, und in diesem Falle empfehle ich's Dir auf's Wärmste. Du interessirst dich für Gilm. Auch Schullern ist ein Tiroler und gehört nach meiner Ansicht zu den wahrhaft Berufenen. Mir war dieses kleine Buch gänzlich entgangen und ich habe es vor wenig Tagen vom Autor, richtiger gesprochen, vom Übersetzer erhalten. Schon lange hat mich nichts so ganz befriedigt. Der ganz eigenthümliche Ton des hohen Nordens könnte nicht charakteristischer wieder gegeben sein, und dabei liest sich's ganz wie ein Original. Nicht zehn Verse sind manierirt zu nennen und

 
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doch ist auch von der entgegengesetzten Klippe, von Plattheit nirgends eine Spur. Noch keine Diction hat mich so lebhaft an den in dieser Beziehung fast unerreichbaren "Armen Heinrich" von Hartmann von Aue erinnert.

Möchte Dich dieses kleine Kunstwerk auf ein paar Stunden unserer abscheulichen Zeit entreißen, wie es bei mir der Fall gewesen ist! Wenn Du es gelesen hast, gieb's meiner Schwiegermutter, die mir's durch Frl. Pepi zurückschicken kann, <und> sei so freundlich, mir in Deinem nächsten Briefe Deine Ansicht mitzutheilen, der ich mit höchster Spannung entgegensehe.

Und nun lebe recht wohl, entrichte gütigst von uns allen tausend Handküsse der liebenswürdigen Tante und guten Großmama, umarme uns innigst den lieben, lieben Buben, den der Himmel erhalte, und bleibe immer so gut Deinem
treuergebenen
B. Carneri

 
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  Dießmal versäumst Du wol nicht, für Dornau eine Vollmacht an Mann zu bringen? Eine Stimme kann entscheiden. Leider wird es mir unmöglich sein, persönlich bei der Wahl zu erscheinen. Sed es imposibilia nemo tenetur.  
     
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