Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 10. Oktober 1866
 
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Wildhaus 10. Octob. 1866.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Vergieb mir! Du hast die Rebusse meiner Kinder so freundlich aufgenommen, warst so lieb, einige Auflösungen zu wünschen, und heute erst sende ich dir das Verzeichnis, das Max, der ganz stolz über Deine Güte ist, gleich den zweiten Tag nach dem mir Dein liebes, liebes Schreiben zugekommen war, angefertigt hatte. Das Eine Rebus: D'Uhrem am Haar t, – ist gewiß der kühnsten Eines.

Doch ich muß mein allzu langes Schweigen entschuldigen. Gleich antwortete ich nicht, weil ich ausführlicher schreiben wollte und gerade wieder besonders schwer schrieb, obwol die Verschlimmerung meines Übels entschieden im Verschwinden war. Dann kam der

 
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Abmarsch unserer Dislocirten mit obligaten Rechnungen, Verrechnungen <u.s.w.> <und> dann konnte ich plötzlich wieder fast ohne alle Anstrengung schreiben!! Die Draubäder haben gewirkt; ich nahm aber auch deren 80, am 5. October mit 11 Grad das letzte! Siehst du, <und> da beginnt meine eigentliche Schlechtigkeit, Dir gegenüber. Ich trug eben etwas in meinen Kellerjournal ein, das wegen seines großen Formates für mich besonders unbequem ist, da merkte ich plötzlich, daß ich wieder mit geradem Halse d. h. ohne Krampf schreiben konnte. Das war am 2. October, <und> ich hatte nichts Eiligeres zu thun, als einen, wenig Tage früher begonnenen Aufsatz über eine Stelle in der ersten philippischen Rede hervorzusuchen,

 
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eine halbe Stunde darüber zu brüten, und – eine Broschüre anzufangen, der ich jede freie Minute widmete <und> mit der ich vorgestern fertig wurde. Gestern habe ich sie übergangen, heute sie noch einmal übergangen <und> heute Nacht ist sie schon im ..... vedremo?. Ob ich sie anbringe, ist eine andere Frage! Du weißt, daß Du schon einmal in einem solchen Fall mir Deine Hand geboten. Meine ursprüngliche Absicht war, die Bescherung in ein Journal zu geben; doch erstens steht mir kein Wiener-Journal zu Gebot[durchgestrichen: h] <und> liest unseren armen "Telegraph" fast niemand; zweitens ist die Geschichte etwas zu lang. Ich versuche's <und> geht's so nicht, mein Herz ist doch erleichtert.

 
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Es war mir nothwendig, mich, mir selbst gegenüber, ganz auszusprechen, meine jetzige Anschauung als Ganzes vor mir zu sehen. Draußen ist's der Alp, der seit der Schlacht von Königgrätz auf meiner Brust lag, ist weg, <und> ich athme ganz frei auf. Bin ich so glücklich, die kleine Schrift veröffentlichen zu können, so bist Du der Ersten Einer, welchen ich sie zusende, und die Hoffnung, betreffs keines wichtigeren Punktes bei Dir, dessen Überzeugungen für mich etwas Heiliges sind, auf keinen Widerspruch zu stoßen, [ergänzt: ist] ein Gedanke, der mich, seit die kleine Arbeit fertig

Den 11.

ist, nicht mehr verläßt. – Ein Circular

 
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des Bez.Amtes in Verzehrungssteuersachen hat mich gestern unterbrochen und mir keine Ruhe gelassen, bis ich nicht eine kleine Mittheilung für den "Telegraph" geschrieben, welche ich soeben auf die Post gab. Dadurch kommt dieser Brief erst morgen fort.

Vielleicht würde ich dir einen Gefallen thun, wenn, da Dir schon einen übergroße Dosis politischer Betrachtungen aus meiner Feder bevorsteht, heute wenigstens meine Feder in ein andres Tintenfaß getaucht würde. Aber es ist stärker, als ich. Soeben fiel mein Blick wieder auf eine Stelle deines lieben, lieben letzten Briefes: "Der Blitz scheint in einen Sumpf eingeschlagen zu haben." Oft ist Einem zu Muthe,

 
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  als wäre in Österreich alle schöpferische Lebenskraft erloschen, und als stände es geschrieben, daß dieses unselige, nichtserreichende Scheinleben <und> Herumtappen in der Finsternis fortzudauern habe, bis wieder so ein Blitz kommt. Oh, Deine Wort sind unendlich treffend! Aber ich kann mich nicht hineinfinden in dieses blose Erwarten. Noch könnte geholfen werden, und da drängt mich's, es hinauszuschreien, <und> wenn ich hundertmal weiß, daß es niemand hört, besonders von mir. – Auch ich kann mich von dem Gedanken nicht trennen, daß der Monarchismus eine Nothwendigkeit sei, weil die Republik keine Garantie für eine gewisse Stabilität bietet, ohne welche, bei dem allgemeinen Schwanken, nur ein sehr holperendes Vorwärts-  
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kommen möglich ist. Und da ist es rein zum Verzweifeln, wenn man sieht, wie unsere Monarchen durch das gänzliche Hemmen alles Fortschrittes dem holperendsten Vorwärtskommen den Stempel des Wünschenswerthen aufdrücken.

Wie ich übrigens – ich gestehe es offen, und vielleicht ist es vom menschlichen Gemüthe unzertrennlich, selbst bei den höchsten Principien durch bestimmte Gefühle sich leiten zu lassen – hauptsächlich Österreichs wegen noch mit wirklicher Wärme am Monarchismus hänge; so ist es neben meiner Antipathie gegen die Preußen vorzüglich meine Liebe für Wien, was mich noch mit der alten Leidenschaft erfüllt, Österreich habe an die Spitze Deutschlands zu kommen. Berlin als Hauptstadt

 
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emporblühend <und> Wien als Provinzialstadt verfallend ist ein Gedanke, den ich nicht fassen kann. Und wenn ich dem Gedanken nachhänge, daß die Habsburger, auf der jetzigen Bahn verharrend, Österreich in Trümmer gehen lassen, so sehe ich beim künftigen Deutschland Wiens einzige Rettung in der Republik. Kein Hoflager mehr, der Sitz des Parlamentes in Frankfurt und Wien das deutsche New York. Weiß Gott, ich wünsche nichts weniger [ergänzt: als das]; aber wenn ich an's Schlimmste denke, tröstet mich dieser Gedanke.

Doch nun genug. J[durchgestrichen: h]edem ich an Alle von uns allen tausend Handküsse entrichte – die gute Großmama habt Ihr uns abspenstig gemacht, wie Fritzi sagt – wiederhole ich meinen wärmsten Dank für Deinen lieben, lieben Brief und bitte Dich, immer so lieb zu behalten
deinen
treuergebenem
B. Carneri

 
     
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