Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 17. August 1866
 
  Seite 1 Zum Scan
 

Wildhaus 17. Aug. 1866.

Innigstgeliebter und verehrtester Freund!

Seit 8 Tagen schreibe ich an einem Briefe, von dem ich mich soeben überzeugt habe, daß ich ihn Dir nicht senden kann. Nicht daß ich an Deiner Nachsicht mit seiner Unleserlichkeit zweifle; Du selber könntest zweifeln u.z. wegen der Zusammenhanglosigkeit meines Geplauschs am Zusammenhang meines Denkens. Es giebt eben Dinge, die man nicht forciren soll, weil man sie nur theilen – ich – forciren kann. Ich muß alle 3-4 Zeilen rasten, <und> eine übermäßige Einquartierung (präcipitirt wie wenn die Rothhemden das Bachergebirge schon besetzt hätten) läßt mich nicht rasten. Wahrscheinlich geht’s Euch damit nicht besser; aber das Conquet davon

 
  Seite 2 Zum Scan
 

wird nur dem Gem. Vorsteher zu Theil. Dauert die Geschichte lange (so lerne ich noch ungarisch.

Mir geht’s weniger gut, woran wol hauptsächlich ein neues Leiden meiner armen Louisi die Schuld trägt. Es ging ihr schon recht passable: Kopf- <und> Augenschmerzen belästigten sie fast nicht mehr, sie begann wieder gut zu sehen <und> sogar die Schwäche in den Füßen gab sich merklich; ihr Aussehen war so gut, daß es eine Freude war, sie anzusehen. Da bekam sie plötzlich – Montag waren es 3 Wochen eine eigenthümlich[durchgestrichen: t]e Schwierigkeit im Schlucken, eine Art Krampf im Schlund <und> Kehle. Durch einige Tage nahm die Sache so zu, daß wir – ich gewiß nicht weniger als sie – wahre Martern ausgestanden haben. Ganze Tage lang

 
  Seite 3 Zum Scan
 

hieß es, die seltenen Minuten abpassen, in welchen die Ärmste, gerade um das Leben zu fristen, etwas zu sich nehmen konnte. Festes und Dünnflüssiges ging gar nicht. Kinderkoch, Chokolete- oder Kaffee-Crème waren das Einzige, was sie hinabbrachte – aber mit welcher Schwierigkeit! Einen Tag brachte sie den ersten Löffel erst gegen 10 Uhr Abend hinab. Das Würgen trat aber nicht bloß beim Essen <und> Trinken, sondern auch von Selbst ein, so daß sie oft Stunden lange ersticken zu müssen glaubte. Mittel, die bei gewöhnlichen Congestionen helfen, blieben fruchtlos oder reizten das Übel. "Passive Congestion" sagt die Wissenschaft. Jetzt hat sich die Geschichte, Gottlob, großtentheils ausgeglichen; aber der arme Engel, für dessen Geduld es keine Worte giebt, ist matter <und> angegriffener als je.–

 
  Seite 4 Zum Scan
 

Den 18.

Für Deinen lieben, lieben Brief danke ich Dir wie für den wohlthuendsten Krankenbesuch. Möge dir der Himmel die viele Liebe vergelten! Wie gerne ginge ich auf all die goldenen Worte ein, um für jedes besonders Dir zu danken. Es ist mir nicht möglich. Sei nachsichtig mit mir, <und> überzeugt, daß es Fragen giebt, betreffs welcher Du allein es vermagst, mir [ergänzt: über] den letzten Zweifel hinwegzuhelfen. Nur was uns unklar ist, ertragen wir schwer, <und> so ist es großentheils Dein Wort, daß ich mich so leichtin die neue Lage finde. Ja, Österreich hat die Probe nicht bestanden, <und> was das Traurigste ist, unsere Regierungsmänner haben keine Ahnung davon, daß das Österreich, das einen Sinn gehabt hätte, unmöglich geworden ist. Ich für meine Person bin kein Conservativer mehr. Viel mußte geschehen, damit ich eine totale Wandlung durchmache; aber sie hat sich, Gottlob, total vollzogen. Ich werde nicht zu den Extremen gehören, aber die Freiheit ist mein Erstes geworden, und schon beginne ich wenigstens zu begreifen, daß sie [durchgestrichen: auch; ergänzt: zugleich] mein Letztes sein könne. Noch im Jahre 1848 hieß es auf meiner Fahne:

Kaiser, Vaterland, Freiheit;

dann: Vaterland, Kaiser, Freiheit;

<und> jetzt heißt es: Freiheit, Vaterland, Kaiser.

 
  Seite 5 Zum Scan
 

Noch immer gebe ich der Monarchie, wenn ich die Wahl habe, vor der Rebublik den Vorzug; wollen aber die Fürsten durchaus untergehen, <und> sie sind auf dem schönsten Wege dazu, - die Zeit, in der ich mich mit Leidenschaft hätte mit begraben lassen, ist vorüber <und> ich seh den Tag kommen, an dem ich auf meine Fahne schreiben werde: Freiheit, Vaterland, Freiheit!

Ich rede da mit Dir wie mit Gott, <und> weit entfernt, dieser Wandlungen mich zu schämen, bin ich stolz darauf; denn ich habe niemals weder von oben noch von unten für mich etwas [unleserliches Wort], und immer nur meine Überzeugung walten lassen. Wenn ich mir etwas vorwerfen könnte, so ist es die Langsamkeit meines Einsehens, aber ein ..... thut mehr, als er kann.

Ein bischen von einem Brief ist doch zu Stande gekommen. Nichtwahr, du schreibst mir fort, wenn du auch an mir nur mehr einen Fetzen von einem Correspondenten hast?

Ich schreibe für alle Fälle noch nach Dornau; bist du schon im Thurnamhardt so wird dir der Brief ohnehin nachgeschickt. Möge er Dich

 
  Seite 6 Zum Scan
  <und> Deine Lieben im besten Wohlsein antreffen! An Alle von uns [ergänzt: Allen] alles was es nur Herzliches giebt. Die Kinder wollen durchaus, daß ich für Theodor einen Bogen Rebussa beischließe, von beiden erfunden, und von Max gezeichnet. Als wirklich gelungen empfehle ich Nr. 31 <und> als ausnehmend kühn 11, 22 <und> 30. – Ich muß schließen. Lebe recht, recht wohl <und> bleibe immer so gut
Deinem
treuergebenen
B. Carneri
 
  Beilage Seite 1 Zum Scan
  Beilage Seite 2 Zum Scan
  Beilage Seite 3 Zum Scan
  Beilage Seite 4 Zum Scan
     
  Zurück zu den Briefen Zurück zu Anastasius Grün Zurück zu den Projekten