Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 17. Juli 1866
 
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Wildhaus 17/7. 66.

Innigstgeliebter und verehrter Freund!

Auch heute kann ich Dir nicht antworten [durchgestrichen: für] auf Deinen lieben lieben Brief vom 17. s. M.; denn das Schreiben fällt mir noch sehr schwer, so daß ich nach 3–4 Zeilen wenigstens eine Viertelstunde rasten muß. In solcher Zeit nicht schreiben können! Und nicht einmal lesen! Ich sage dieß nicht wegen der Zeitungen, denn ich habe an den Telegrammen genug <und> gehöre nicht zu jenen, die sich an traurigen Details weiden. Ich habe manches Buch, das mich wenigstens auf Stunden der Gegenwart entrissen hätte. So hieß es, Tage <und> Tage

 
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ja Wochen sitzen <und> in die Welt hinaus schauen.

Den 19.

Wieder eine kleine Verschlimmerung, daher die Unterbrechung; aber im Ganzen geht's, Gottlob, aber richtiger, es scheint bald wieder gehen zu wollen. Hoffentlich geht es Dir <und> den lieben Deinen gut. Lousi ist, unberufen, recht passable, nur sind ihr die Ereignisse in die Füße gefahren; mit dem Gehen, geht's seit ein paar Wochen weniger gut, besser gesagt, schlechter. Die Kinder – unsere einzige, aber große Freude lassen, dem Him_el sei Dank, nichts zu wünschen übrig, und Max hat gestern bei seiner Prüfung

 
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(III. Jahr 2. Semester) wieder Eminenz bekommen, u. z. im Marineministerium. Seit gestern hat die Marineabtheilung des Kriegsministeriums das Marburger Gymnasium bezogen und den Director nur die Kanzlei <und> Bibliothek freigelassen. Soweit sind wir gekommen!

Und ich fürchte, daß unser Loos schon entschieden ist, daß wir zwar in der Lage wären, gegen die Preußen eine entscheidende Schlacht zu gewinnen, daß aber, wenn wir den Gewinn verfolgen wollten, die italienischen Armee, die Festungen bei Seite lassend, von unten her nur überschwemmen würde. Daher keine weitere Schlacht <und> Friede – überraschend vortheilhaft für alle jene, welche nicht wissen, was uns das deutsche Land ist. Ich kann

 
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von der personificirten Unsittlichkeit, der wir auf Gnade <und> Ungnade vor die Fürsten geworfen worden sind, nichts Gutes erwarten. Gebe Gott, daß ich mich täusche!

Noch wäre nichts verloren, wenn man die Freiheit wollte. Mit der österreichischen Reichseinheit ist's vorbei; denn das Österreich, das Ungarn bezwingen könnte, existiert nicht mehr. Also reinste Personalunion mit Ungarn <und> für Deutschland die Verfassung vom 28. März 1849. Ein Sieg bei Wien <und> gleich darauf anstatt der Verheißung die Erfüllung und alles ginge.

Ich muß enden, aber nicht ohne Dir zu sagen, daß ich Demokrat geworden bin. Es hat viel gebraucht, aber Die mir mein Österreich genommen haben, haben noch mehr gethan. Warum nicht den Congreß annehmen <und> Zeit gewinnen, bis wir den Preußen in gleicher Anzahl gegenüberstehen könnten? Das war's <und> unserer Generale Übermuth der Grund.

 
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Alles Liebe von Allen an Alle. Behalte immer lieb Deinen treuergebenen
B. Carneri

 
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  Überlesen kann ich nicht.  
     
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