Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 7. Juni 1866
 
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Wildhaus 7. Juni 1866.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Wie lange schon hätte ich Dir wieder geschrieben, wenn nicht eine Verschlimmerung meines Übels, die [ergänzt: ich] übrigens weniger eine Bestärkung als eine Variation des alten Themas nennen möchte, mich seit längerer Zeit zum Nichtsthun verurtheilen würde. Während früher jede Beschäftigung, bei der ich den Krampf verlor, wie Lesen, Schreiben, Schlafen (sonderbare Beschäftigung!) eine Erholung war, tritt jetzt nach einem längeren Zwischenraum der Krampf, wie wenn die Muskeln nur zum Bösen Kräfte sammeln würden, mit einer ganz besonderen Heftigkeit und einem beinahe unleidlichen Schmerz auf. Mir bleibt daher

 
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nichts übrig, als alle Arbeit auf's unerläßlichste Minimum zu beschränken, und möglichst viel herum zu lungern, was leider für einen Menschen, der wie befallen ist von einer Art Beschäftigungsmanie, das Opfer [ergänzt: zwei Worte auf Altgriechisch] ist. Gegen die erste halbe Stunde des Morgens beim Aufstehen, die eine wahre Folterzeit ist, giebt's kein Mittel, wenn ich aber des Tages recht lange herumstehe, herumsitze, so [durchgestrichen: wird] entsteht eine Art Halbkrampf, dann Viertelkrampf, dann noch weniger, und die Geschichte wird ganz erträglich! Vielleicht ist das Ganze eine Besserung; jedesfalls hat dieser Gedanke viel für sich und hange ich in Folge dessen ihm gerne nach.

Du bist jetzt ganz auf dem Land, was Dir und den lieben Deinen gewiß sehr wohlthun

 
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wird. Theodorl wird selig sein. Küsse mir das liebe, liebe Kind recht herzlich, als thätest Du's für Dich. Max und Fritzi; die – unberufen – ebenso gesund als brav sind, grüßen ihn vielmals und citiren ihn bei jeder Gelegenheit, so daß ihm oft die Ohren summen müssen.

Was Dir nur auf dem Lande besonders wohl thun wird, ist, daß uns da die Politik mehr Ruhe gönnt. Das fatale Alltagsgejammer ist da unbekannt, <und> wären nicht die Zeitungen, so könnten Tage <und> Tage vergehen, ohne daß uns etwas an große, kleine, ächte <und> falsche Bismarke erinnerte. Und Zeitungen geben nur einen Reflex <und> sind rasch durchflogen und bei Seite gelegt. Briefe kommen freilich auf, und leider gehöre auch ich zu jenen die keinen Brief schreiben können, ohne in die Politik zu gerathen; aber ich gehöre nicht zu den Verzweifelnden und das grau in grau

 
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Malen kommt bei mir nur als Ausnahme vor, nichtwahr?

Kaum war mein letzter Brief fort, so bereute ich schon, ihn aufgegeben zu haben; denn mir und [ergänzt: kam] die Angst, meine Resignation könne Dich scandalisiren. Aber weiß der Him_el, dasselbe Gefühl, das mich beim Schreiben jenes Briefes durchdrungen, hat mich seither so oft überkommen, daß es zu meiner Grundstimmung geworden ist. Daß es schlecht sein könne, ist kein Grund dir's zu verschweigen; schlechter wäre es jedesfalls, wenn ich mich anders stellen wollte, als ich bin. Ist Österreich lebensfähig, so hat es den Beweis davon in eklatantester Weise vor aller Welt zu geben; ist es nicht lebensfähig, so gehe es zu Grunde, und je eher, desto besser, denn dauern die jetzigen Zustände zu lange fort, so verliert ganz Deutschland seine Lebensfähigkeit. Wohin man blickt, sieht man Zersetzung. O, mir schnürt's das Herz zusammen, wenn ich denke, wie leicht

 
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Österreich zu erhalten wäre! Ein Ministerium, [durchgestrichen: daß] das es ehrlich meint mit der Freiheit, und aus und ganz Deutschland den Parlamentarismus verbürgt, – mehr braucht's nicht. Um den Preis, daß Österreich an die Spitze eines einigen <und> freien Deutschland kommt, welcher österreichische Deutsche würde sich da mit dem ungarischen Dualismus nicht abfinden? Und alle deutschen Landtage acceptiren die Delegirten, wenn diese mit ächt parlamentarischen Attributen ausgestattet werden, <und> die Fürsten in ein verantwortliches deutsches Bundesministerium willigen.

Statt dessen wird der Parlamentarismus nach wie vor perforrescirt, <und> ein Bündnis mit Rußland abgeschlossen, wodurch wir uns auch England zum Feind machen. Der reactionäre Bismark, unser größtes Glück, eine Gelegenheit, günstig wie vielleicht noch keine, nichts wird herzhaft beim Schopf gepackt, weil es ein Herzen, weil es an Grund-

 
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sätzen fehlt.

Am 8.

Fast den ganzen gestrigen Tag habe ich an diesen 5 langweiligen Zeilen geschrieben. Vielleicht war es recht gut, daß ich nicht mehr weiter konnte. Dafür will ich aber heute auf's Kapitel Politik gar nicht mehr zurück kommen.

Der Verein, von dem ich Dir in meinem letzten Briefe schrieb, und als dessen stillschweigend beigetretenes Mitglied ich Dich betrachte, wird, wie Du Dir wol schon gedacht haben wirst, vor der Hand im Stadium des Keimes verbleiben <und> zu seiner Entfaltung und Gestaltung bessere Zeiten abwarten.

Ein Gleiches hoffe ich von der deutschen Nordfahrt. Ich weiß nicht, wer dem "Telegraph" die bezügliche Mittheilung gemacht hat. Wenn sie dir nicht entgangen ist, so hast du gewiß gelächelt,

 
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aber gewiß nicht gelacht <und> gestaunt, wie ein paar meinige Marburger Bekannte, die in Folge eines allzu flüchtigen Lesens jener Nachricht geglaubt haben, ich wolle auf meine Faust eine Nordseeexpedition veranstalten.

Vom deutschen Hochstift, dessen Genosse ich bin, aufgefordert, die Sammlung von Geldbeträgen in Steiermark zu übernehmen, bin ich bei der Statthalterei um die nöthige Bewilligung eingeschritten, <und> habe sie auf Grund eines Staatsministerialerlasses auch erhalten – aber unter der Bedingung, nur heimlich zu sammeln. Es ist dieß komisch, da ich heimlich auch ohne höhere Bewilligung hätte sam_eln können. Doch die Zeit ist seit der letzten Geographenversammlung, welche über Antrag Hochstätters die Nordfahrt beschlossen, <und> seit das deutsche Hochstift die Sache in die Hand genommen, mit Riesenschritten vorwärts (?) gerannt, <und> ich begreife vollkommen, wie ungelegen unserem Ministerium in diesem Augenblick die Sache kam. Den anderen Sammlern in Österreich,

 
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Scherzer in Wien u.s.w. ist gewiß eine mit der meinen gleichlautenden Bewilligung zugekommen und ich habe mich keinen Augenblick besonnen, dem deutschen Hochstift und [ergänzt: auseinanderzusetzen], wie ungünstig der jetzige Moment dem Unternehmen sei, <und> da gewiß von allen Seiten dieselben Bedenken einlaufen, vom außerösterreichischen Deutschland nicht weniger als von [!] österreichischen, so zweifle ich nicht, daß die Nordfahrt bis nach dem Kriege verschoben werden wird, um dann, so Gott will, als Manisfestation unseres einig <und> frei wieder geborenen Gesammtvaterlandes aufzutreten.

Halt, ich verfalle wieder in das alte Thema. Ich schließe, indem ich Dich im Geiste aber aus vollstem Herzen umarme. Von uns allen viele Handküsse an die liebenswürdige Gräfin und die herzlichsten Küsse an das allerliebste Burscherl. Entschuldige meine, zwar immer schlechte, aber heute ganz hundemäßige Schrift und behalte immer lieb
Deinen treuergebenen
B. Carneri

 
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  Dürfen wir hoffen, den im vorigen Jahre verregneten Plan dieß Jahr verwirklicht zu sehen?  
     
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