Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 7. April 1866
 
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Wildhaus 7. April 1866.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Für Deinen letzten Brief kann ich Dir nicht genug danken. Du hast mich vollko_men getröstet. Was mich zu keiner inneren Ruhe kommen ließ, war die Angst, an mir selbst irre zu werden, in einer totalen Unklarheit über den von der deutschen Partei einzuschlagenden Weg, nicht mehr zu wissen, woran ich sei. Jeder Zweifel ist gehoben, und das zuwege zu bringen, warst nur Du im Stande. Zu dem Werthe, den ich auf dein Urtheil lege, kommt Deine Stellung zu den Parteien und über allen Fractionen der deutschen Partei. Würde z. B. ein Centralist meiner Ansicht [ergänzt: über] den neuesten Schritt der Autonomisten beistimmen; – doch Du verstehst mich ohnehin. Nur in Einem würdest Du mich nicht verstehen – und daran würde

 
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Deine Bescheidenheit Dich hindern – wenn ich Dir nämlich auseinandersetzen wollte, welcher ganz unvergleichliche Seelenadel aus Deiner Beurtheilung der ganzen Sache spricht. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich Dich um eine Eigenschaft beneide, die ich längst an Dir bewundere, und – aber umsonst – mir anzueignen strebe. Nur wenn Schlechtes Dir gegenüber tritt, wirst Du heftig; hast Du es mit einem würdigen Gegner zu thun, so wird immer die Würdigkeit, mit der Du auftrittst, in dem Maße zunehmen, in dem die Gegnerschaft entschiedener sich entfaltet. Mich erfaßt gleich der heilige Zorn und ich walle über; schlecht mein's ich freilich nie, aber ich werde unangenehm.

Laß Dich aber nicht abschrecken durch meine Unverbesserlichkeit; das Einsehen und Erkennen

 
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ist schon viel, und ungleich mehr, ja für mich unschätzbar ist [durchgestrichen: für mich] die Wohlthat, Deinem Geiste so voll in's Angesicht sehen zu können.

Den 8.

Bei obigen drei Zeilen bin ich gestern viermal unterbrochen worden, und will Dir nur nochmals sagen, daß Du mich ganz getröstet hast. Soweit bin ich schon gekommen, daß ich mich ruhig fühle, wenn ich mit mir Selbst im Reinen bin. Es kommt dieß theils von meiner ländlichen Abgeschiedenheit und Überbürdung mit unpolitischen Beschäftigungen. Ich komme mit niemand zusammen, mit dem ich über die wichtigsten Fragen warm werden könnte, und habe manchen Tag kaum die Zeit, bei meinen Zeitungen einen Blick auf die Leitartikel zu werfen <und> die Telegramme

 
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durchzufliegen. Theils, vielleicht wichtiger: größtentheils bin ich betreffs Österreichs bereits in das Stadium der Resignation getreten. Sobald ich es mit etwas Unvermeidlichem zu thun habe, bin ich nur mehr Spinozist. Der Egoismus, zu dem man es da bringt, mag dem oberflächlichen Beobachter als häßlich erscheinen; aber dieses Sich-zurückziehen ist doch nur ein Sich-erheben. Man man wird zum ruhigen Zuschauer, und mein Gewissen sträubt sich gar nicht dagegen und ich finde keinen Egoismus darin, weil ich noch vor kurzem ein Jahr martervollster Krankheit in, ich kann sagen, ungetrübter Heiterkeit durchgemacht habe, indem ich mich so gänzlich in mich zurückzog, daß ich dem Unvermeidlichen ganz frei gegenüberstand. Es ist dieß der Punkt, auf welchem ich den

 
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Pantheismus ganz erfasse, als etwas unendlich Werthvolles erfasse.

Nicht lange ist es her, daß ich mir die Herrschaft des Pantheismus nur als eine Calamität denken konnte; und wenn ich jetzt den Materialismus mehr und mehr um sich greifen sehe, kommt mir vor, daß Jeder, der von der Wirklichkeit des Geistes überzeugt ist, Gott denken müßte, wenn der Menschheit der Pantheismus erhalten bliebe.

Nicht lange ist's her, daß ich [ergänzt: unbenützt] keine Gelegenheit vorübergehen lassen konnte, den Demokraten Ein's zu versetzen. Jetzt sehe ich rechts den Feudalismus, der auf galvanischem Wege Leichen erwecken will; [durchgestrichen: rechts] links den Socialismus, der den ganzen Staat negirt und einen Zustand schaffen will, der, um dauern zu können, vollendete Menschen

 
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voraussetzt, und uns folglich nichts bieten kann, als ein fortwährendes Oscilliren zwischen Anarchie und Militärherrschaft. Da erscheint es mir als ein Glück, wenn uns die Demokratie erhalten bleibt; und ich befreunde mich mit Gedanken, die mich früher nur abstoßen konnten; <und> während ich mir sagen muß, daß eine österreichische Republik unmöglich ist, danke ich Gott, eine deutsche Republik wenigstens denken zu können.

Siehst Du, und so ist es nicht lange her, daß mein politisches credo mit dem Satze begann: "Österreich muß um jeden Preis erhalten werden," – und daß jede Schütterung seiner Grundfesten mich selbst, wie nichts, erschütterte. Jetzt kann ich der Sistirung unserer Verfassung, den furchtbarsten Schlage, den Österreichs Einheit je erhalten hat, dem drohenden Bruderkrieg mit Preußen und allen Folgen dieser zwei

 
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Calamitäten ohne Blinzeln in's Auge sehen, weil ich schon so weit gekommen bin, mir zu sagen: Es ist eine Krisis, die Österreich durchmachen muß; soll es erliegen, je eher desto besser; übersteht es sie, dann bleibt es uns und unseren Kindern erhalten.

Ob, was ich da durchmache, ein Vor- oder ein Rückschritt ist, ich weiß es nicht. Das mag mich aber auch wenig kümmern, weil ad impossibilia nemo tenetur und, wenn es ein Rückschritt ist, ich mir mit gutem Gewissen sagen kann, daß ich als Mann Zoll um Zoll kämpfend weiche. Darum werde ich aber auch im Streit um Österreich bis zum letzten Moment auf Österreichs Seite stehen. Und das hat nach meiner Ansicht jeder ächte Österreicher zu thun; denn von der Zahl seiner Streiter hängt sein Schicksal ab, und nur wenn seine Streiter gestritten haben und erlegen sein werden, wird man sagen können,

 
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  daß es habe untergehen müssen; und nur, wenn es untergehen muß, ist es gut, daß es untergehe. Ob es aber untergehen müsse, weiß heute noch niemand. Diejenigen, welche heute schon davon überzeugt sind, mögen thun, was sie wollen. Da sage ich mit Paulus: Selig ist, der sich selbst kein Gewissen macht in dem, was er anni_mt. In diesem Stück bin ich aber noch nicht so weit, <und> würde mir noch ein Gewissen machen. Darum bin ich – um mit Deinen concisen Worten zu reden – für einfache Sistirung der Sistirung, und gegen die neuesten, überwiegens auch ganz eigenmächtigen Schritte der Autonomisten. Es ist ein Riß von unten in die Verfassung und eine Zerklüftung der deutschen Partei, eine Amputation auf der Einen <und> ein Krebsbeginn auf der anderen Seite; und wer garantirt mir, daß wir durch ein noch so indirectes "dem jetzigen Ministerium in die Hand  
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arbeiten" nicht neben dem Dual dort einen Plural hier erhalten?

Doch ich muß an's Schließen denken, sonst kommt dieser Brief morgen Früh wieder nicht nach Zellnitz. Hoffentlich geht es Deinem allerliebsten Theodorl wieder ganz gut. Das dießjährige Frühjahr ist perfied und Max u. Fritzi sind erst vor ein paar Tagen ihre katarrhalischen Zustände losgeworden. Sage dem lieben Buben, daß ich die Kinder nicht Domino spielen sehen kann, ohne an unsere famose Parthie zu denken.

Möchte nur recht bald deine Übersiedlung vollendet sein und Gott beschütze das neue Haus und seine lieben, lieben Bewohner! Daß Du von Deinen neuen "Studirstübchen" aus den ersten Brief an mich geschrieben, macht mich stolz, wie nur deine Freundschaft <und> alles, was von ihr kommt, mich stolz machen kann. Wenn ich Dir sagen könnte,

 
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wie unendlich werth mir Dein Brief ist! Der Himmel vergelte Dir, was Du an mir thust!

Und zum Schluß ein Anliegen. Es ist ein Verein für Pflege das steierischen [ergänzt: Volks-] Liedes in der Bildung begriffen; und da niemand auf Erden mehr denn Du berufen ist, einem solchen Vereine anzugehören, und dazu der Umstand tritt, daß die Steiermärker Dich ewig als einen Steiermärker ansehen werden, so kann es nichts Natürlicheres geben, als daß Dein Beitritt allgemein gewünscht werde. Wenn ich Dich darum bitte, so geschieht es im Namen aller Geworbenen und noch zu Werbenden. Etwas Detaillirtes über den Verein kann ich Dir für heute noch nicht mittheilen; aber es genügt Dir gewiß, daß Gleispach die Präsidentschaft angenommen hat.

Die Bitte an Dich zu stellen, habe ich schon vor 10 oder 12 Tagen versprochen, <und> ich

 
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wartete nur Deine Antwort ab, um Dich während Deiner kleinen Völkerwanderung nicht zum Schreiben zu drängen. Das will ich aber auch jetzt nicht thun, denn es giebt auch unter den Nichtlumpen bescheidene Leute. Ich recomandire darum diesen Brief, damit ich über sein richtiges Einlangen nicht im Zweifel sein könne; und erhalte ich von Dir binnen 8 Tagen kein Nein, so sehe ich Deine Annahme als ausgemacht an. Bist Du einverstanden?

Es ist mir unmöglich, anderthalb Seiten leer zu lassen, und da will ich Dir etwas mittheilen, was Dich interessiren wird, weil es in seiner Art [durchgestrichen: 4 Wörter] characteristisch ist. Im verflossenen Jahre schienen unsere Bezirksämter es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, die Gemeinden mit Arbeiten zu erdrücken. Haben Sie alle

 
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Hoffnung, damit zu Stande zu kommen, aufgegeben, oder wirken Belcredi's Ermahnungen? Ist beides der Fall und tritt auch das Vorgefühl baldiger Auflösung hinzu? Sei dem wie immer, am gestrigen Tage schrieb ich in's Exhibiten Protokoll der Gemeinde Slemen Z. 38, während ich im verflossenen Jahre am selben Tage Z. 83 schrieb. Die kleine Ziffernversetzung beträgt um nahezu 50 Nummern weniger in einem [durchgestrichen: Halbjahr] Jahresdrittel!

Und nun lebe recht recht wohl; von uns allen an Dich <und> die lieben und verehrten Deinigen alles erdenkliche Gute und Schöne, und mit dem innigsten Handschlag
Dein
treuergebener
B. Carneri

 
     
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