Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 18. März 1866
 
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Wildhaus 18. März 1866.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Bei meiner Abreise von Gratz hatte ich mir vorgenommen, die ersten paar Tage in Wildhaus der Ruhe widmen zu wollen; doch die Unmassen von eigenen und gemeindeämtlichen Rückständen, die ich nach einer nahezu dreimonatlichen Abwesenheit vorfand, hätten jene Ruhe zu einer ganz ruhelosen gemacht, und so entschloß ich mich, erst alles Drängende aufzuarbeiten. Seit ein paar Tagen athme ich auf, woran mich übrigens in letzterer Zeit auch ein Unwohlsein der Kinder gehindert hatte. Das Ganze war, Gottlob, nur ein katarrhalischer Zustand, fast unvermeidlich bei der beinahe sommerlichen Hitze, die gar nicht zeitgemäß ist und von einer Stunde zur anderen mit dem rauhesten Frost wechselt. Aber bei beiden Kindern, besonders bei Fritzi, waren wir lange zweifelhaft über die Natur des Übels und besorgten einen Ausschlag. Dieß

 
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war auch der Grund, aus dem Louisi noch immer nicht der guten Großmama für ihren lieben, lieben Brief gedankt hat. Sie wollte Sie nicht unnöthiger Weise in Ängsten versetzen. Sie bittet Dich schönstens, dieß auszurichten so wie, daß sie dieser Tage schreiben wird.

Bei meinem Scheiden von Gratz bat ich Dich, mir zu erlauben, Dir zu schreiben, so oft mir's zu toll würde. Du weißt, welchen unendlichen Werth ich auf Dein Urtheil lege, und wie oft Du mir schon aus dem Traum geholfen hast, wann ich schon dachte, nicht mehr klar sehen zu können. Ich befinde mich schon wieder in einer solchen Lage, und würde Dich jetzt, wo das nahende Übersiedeln Dich gewiß schon über die Massen in Anspruch nimmt, mit keinem Briefe überfallen, wenn ich's länger derthun könnte. Aber es ist stärker als ich.

Die letzte Polemik des "Telegraph" mit der

 
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"Debatte" und der "Öster. Zeitung" hat auf mich einen eigenthümlichen Eindruck gemacht, die Weise in der sie abbrach, machte mich stutzen, und der heutige Leitartikel des „Telegraph" [durchgestrichen: g]en unverkennbar aus Kaiserfeld's Feder – gab mir den Garaus.

Beim Lesen des Rescripts dachte ich mir: Mehr hätte von den Ungarn auch ein liberales deutsches Ministerium nicht gefordert; also wozu die Sistirung und das Erwecken von Hoffnungen, die man nicht erfüllen will? Unehrlichkeit dort wie hier, die Regierung will offenbar nur den Absolutismus, von ihr kann nur das Schlimmste kommen, je früher sie sich zu Grunde richtet, desto besser. Ihr entgegenzukommen, mit ihr zu transigiren ist etwas, das ich nicht fassen kann. Ihre immer wieder auftretenden Versuche, deutsche Parteifractionen zu einer Verständigung mit ihr, zu dem Aufstellen

 
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eines neuen Programms zu bewegen, konnte ich mir immer nur erklären aus dem alten divide et impera. Besteht die deutsche Partei aus ein paar Individuen, die ein neues Programm aufstellen können? Die einzige Formel, die alle umfaßt, lautet: Aufhebung der Sistirung. Und diese Formel ist nicht nur positiv, sondern positiver als alles, was die jetzige Regierung auf ihre Fahne geschrieben hat. Ist der Reichsrath wieder versammelt, dann, aber auch nur dann können die Parteifractionen über Detailfragen sich verständigen. Bis dahin stricteste Einheit aller Deutschen innerhalb der einzigen alle einigenden Formel. Beneidenswerth ist diese Lage freilich nicht; aber ungarische Staatsmänner würden sie gewiß nicht anders ausbeuten; ja ich denke sogar, daß ein einsichtiger ungarischer Staatsmann, der, wenn auch nicht öffentlich, [durchgestrichen: sod] so doch in seinem Herzen das Bodenlose der

 
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magyarischen Bestrebungen anerkennt, tuto compreso, die Lage der Deutschen der der Magyaren vorziehen würde. Halten wir entschlossen aus, so muß die jetzige Regierung, von Einer Verlegenheit in die andere gedrängt, das Feld räumen. Freilich ist schon Vieles gründlich verpatzt worden und wird bis dahin noch gar Manches verpatzt werden. Doch das ist eben nicht zu ändern. Zudem kommt bei einem Ursprung zumal aus den gegebenen Verhältnissen logisch von selbst erfolgenden Vieles weit leichter, als man je gedacht hätte, wieder ins Geleise; <und> jedesfalls ist der allzuleicht Verzweifelnde gar wenig zum Staatsmann berufen.

So dachte ich, so denke ich noch, und da behauptet die "Debatte" sie könnnen eine Annäherung der Autonomisten an die Regierung

 
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constatiren, – <und> die Autonomisten schweigen. Und heute gar erklären sie: die Wiederherstellung der Verfassung sei eine Unmöglichkeit!!

Ich glaube nicht, daß die Autonomisten das Ministerium Schmerling gestürzt hatten, wenn ihnen Belcredis Pläne bekannt gewesen wären. Sie gaben ihm den letzten Stoß in der Hoffnung auf ein Autonomisten-Ministerium. Geben Sie nun der Verfassung den letzten Stoß in der Hoffnung auf eine – einflußreichere Position?

Da erklingt mir das Ohr von den Worten, die Du in Laibach citirt. Doch ich werde, <und> bitte Dich, mich aufzuklären <und> zu beruhigen. Wollte ich meinem Herzen folgen, so schreibe ich einen Artikel, der meinen heiligen Zorn Luft machen würde. Doch genug für heute.

Mengrafs Prozeß hat mich tief erschüttert. Der Mann hat sich wacker gehalten

 
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und Rechbauer war wahrhaft groß. Auf der anderen Seite die ganze Bornirtheit ächter Niederträchtigkeit. Und gegenüber dem prägnantesten Act dieser – Es ist Ein Uhr nach Mitternacht und ich sollte vom 19. datiren.

Von uns allen an deine liebe Frau <und> die gute Großmama die ergebensten Handküsse, <und> Deinem allerliebsten Theodor tausend Küsse. Möchte dieß Schreiben Euch alle im besten Wohlsein antreffen! Und Du, verehrtester <und> geliebtester Freund, habe mit mir immer die alte Geduld und bleibe wie bisher auch in Zukunft gut
Deinem
dankbaren, treuergebenen
B. Carneri

 
     
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