Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 7. Oktober 1865
 
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Wildhaus 7. Oktob. 1865.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Wie gerne würde ich schon gestern Dir geschrieben haben! Allein es kam mir soviel dazwischen, daß ich nur ein paar Zeilen hätte schreiben können; und dazu ist mein Herz zu voll. Das Wetter hat uns Wildhausern einen bösen Streich gespielt. Es war aber auch gar zu abscheulich, und als nach drei Tagen fast ununterbrochenen Regens heute der Bocher wieder sichtbar wurde, war er nahezu bis zur Mitte mit großen Schneefeldern bedeckt. Dieser Schnee wird wol bald wieder verschwunden sein; aber in diesen drei rauhen Tagen ist unser Thal um drei Wochen gealtert, und die Blätter fallen so massenhaft, daß die nächsten paar Tage wieder ein paar Wochen sein werden. Die telegraphische Depesche sagte: heute kommen wir nicht, – <und > ließ noch eine leise Hoffnung keimen. In deinem Briefe steht nichts mehr von einem bestimmten Tage, <und> Wildhaus, das keine Hoffnung mehr hat, Euch in diesem Jahre zu sehen, wirft mit einer wie erbitterten Raschheit den

 
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letzten Schmuck von sich. Und es war schon so nahe daran, daß unser Wunsch sich erfülle! Man kann sagen, Ihr wart schon auf dem Wege! Gerade das macht uns den Schlag doppelt empfindlich; aber auch gerade aus demselben Umstand schöpfen wir den besten Trost. Es war Euch Ernst, <und> da können wir für's kommende Jahr fest darauf bauen, Euch hier zu haben. Und da werdet Ihr, nichtwahr, die schöne Jahreszeit dazu wählen, bevor Ihr auf's Land geht? Und da wird vielleicht auch der allerliebste Theodorl mitkommen können. Entrichte der liebenswürdigen Gräfin von uns allen tausend Handküsse; <und> sage ihr, daß Wildhaus sich doppelt zusammen nehmen wird, um sie für das zweimalige frühe Aufstehen zu entschädigen. Nein, ich kann noch so sehr mir Raison machen, so oft mir einfällt, daß Ihr schon um 4½ Uhr aufgestanden wart, könnte ich toll werden. Acht Jahre sind es schon, daß wir der Gräfin unser geliebtes Wildhaus produciren möchten, und daß Du hier warst, ist mir fast nur mehr ein Traum, wenn auch der schönsten Einer. Doch genug davon, sonst ende ich gar nicht. Deine Liebens-

 
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würdigkeit, zu telegraphiren, <und> gleich darauf auch noch zu schreiben, hat mich beinahe beschämt. Wieder liegen zwei deinige Briefe vor mir, Einer herzlicher <und> herzerhebender als der andere! Empfange für beide meinen heißesten Dank. Es giebt Wohlthaten, für die es keinen Namen giebt, und auf die man immer wieder nur mit: Vergelt's Gott! antworten kann.

Und wieviel hätte ich von Dir zu hören bekommen! Doch nein, genug davon! – Heute war unser Bischof bei mir! Es war der, Du erinnerst Dich vielleicht noch, wann "für nächstens" versprochene Besuch. Gut Ding will Weil. Und gerade jetzt, da die Ultraslowenen das Haupt besonders hochtragen! Ich könnte versucht sein, diesen Besuch eine [ergänzt: demonstrative] Bedeutung beizulegen, wenn dieser Herr eines Anstands fähig wäre. Seine Absichten sind die besten, aber von Energie ist keine Spur in ihm. Wahrscheinlicher Weise hat er zu seinem ersten Besuch – ich bin noch nicht bei ihm gewesen – diesen Zeitpunkt gewählt, weil er keine Ahnung hat von der Wichtigkeit dieses Zeitpunkts. Das Slowenstagfest mit dem decoltirten Programm Dr. Rozlag's, der den Männern des 20. September

 
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ein Hoch gebracht, die letzten Enthüllungen der Novice, die ganze Haltung des jüngeren Clerus, soll ihn durchaus nicht gleichgiltig lassen; allein diese Herren, vom höchsten angefangen, bauen allzusehr auf Gott und sündigen auf seine Allmacht. – Jedesfalls werde ich trachten, den Besuch bald zu erwiedern.

Bei der ziemlich allgemeinen Befriedigung über Ungarns Haltung schnürt's mir das Herz zusammen. Die Ungarn kennen den gutmüthigen [durchgestrichen: De] Deutschen, und während er ihren schönen Reden von Freiheit, Treue, Bildung <und> deutscher Einigkeit lauscht, eskamottiren sie ihm die Einheit Österreichs aus dem Sack heraus, und [ergänzt: spielen] dem Betrogenen den Dualismus in die Hand. Man jubelt über die Verschmelzung der Adreßpartei mit der Beschlußpartei!!! "Reichsparlament", ist das einzige Wort, mit dem man mich ködern könnte, und das bleibt perforreszirt nach wie vor. Doch auch davon genug, nichtwahr? Mit dem innigsten Händedruck
Dein dankbarer, treuergebener
B. Carneri

 
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  Den 8. Ein starker Nebel hat uns heute vor einem Frost bewahrt, den unsere Gebirgsbauern um ihren ganzen Heiden gebracht hätte. Ist das heute ein herrlicher Tag!  
     
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