Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 16. September 1865
 
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Wildhaus 16. Sept. 1865.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Ein kranker Jugendfreund, der 10 Tage bei mir war und meine ohnehin sehr knapp zugemessene freie Zeit ganz in Anspruch nahm, ist der alleinige Grund, daß ich erst heute Dein für mich unschätzbares Schreiben vom 8. Dieses beantworte. Dir dafür würdig zu danken ist eine Unmöglichkeit; ja selbst zu einer eigentlichen Beantwortung fühle ich mich unfähig. Alles, was ich kann, ist, zu trachten Dir getreu wiederzugeben den Eindruck, den es auf mich gemacht hat. Daß er schließlich ein wohlthätiger [ergänzt: sein] werde, hast Du beim Schreiben nicht gedacht; aber ich hoffe, daß Dir selbst, als [ergänzt: der Brief; durchgestrichen: er] geschlossen

 
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vor Dir lag, leichter um's Herz war. Ich habe dabei das gewisse Loswerden einer schmerzlichen Gedankenreihe, jenes Hinaustreten aus sich selbst [ergänzt: im Auge], das eine Befreiung in sich schließt, wie es bei Göthe, als er seinen Werther geschrieben hat, der Fall war. Es ist ein tiefer Stolz, mit dem es mich erfüllt, daß Du diesen Brief mir geschrieben hast; doch genug davon; sonst setze ich mich der Gefahr aus, daß mein Stolz wie Eitelkeit sich geberde.

Meine Hoffnung, über das neue Ministerium etwas Beruhigendes zu hören, ist freilich zu Wasser geworden; doch war diese Hoffnung ein so dünner Faden, daß sein Zerreißen mich kaum erschüttert hat. Deine Schilderung der Lage könnte nicht trostloser

 
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sein; aber die vollendete Klarsicht Deiner Darstellung hat mich ganz durchdrungen, ich habe keinen Zweifel mehr, weiß woran ich bin, und habe vielleicht noch nie so innig wie nach Durchlesung Deines Briefes ausgerufen: Gelobt sei Spinoza! Meine Bangigkeit ist verschwunden und mit Ruhe blicke ich der Zukunft in's Auge. Nicht daß ich die Gefahren unterschätze, welche die Experimentalpolitik, die nun im Ministerium ihren [durchgestrichen: Bleit] Sitz aufgeschlagen hat, heraufbeschwören mag; Du entfaltest mir eine Anschauung, zu der früher oder später alle Vernünftigen sich [durchgestrichen: sbe] bekennen müssen, wenn ein Mann, wie Du, das Banner schwingt. Um Dich wird die Majo-

 
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rität sich scharen, welche die Unterstützung vermitteln wird, die das gegenwärtige Ministerium an gewissen Autonomisten noch finden könnte. Die Entschiedenheit, mit der Du für die Februarverfassung eintrittst, Dein Wort, daß sie eher zuviel des Dualismus entfalte, Deine Überzeugung, daß Siebenbürgen, wenn auch die Gewinnung nicht eben lobenswerth [ergänzt: war] – einmal gewonnen – nicht wieder aufgegeben werden dürfe, sind für mich lauter Granitquadern, auf welchen der Tempel unserer jungen Freiheit ruht. Wie erhebend Dein Brief auf mich [durchgestrichen: Dein Brief] gewirkt hat, werde ich Dir niemals sagen können. Kaiserfeld hat, nach meiner Ansicht, viel zu weit sich in die unglückselige Fictionstheorie eingelassen; denn, wenn unser Gesammtreichsrath eine Fiction war, so ist die Einberufung eines

 
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neuen siebenbürgischen Landtags ein Fictionsbruch und kein Verfassungsbruch. Aber ich kann es nicht bezweifeln, daß Kaiserfeld heute schon ganz auf Deiner Seite steht. Ich habe schon zu viele Autonomisten-Programme gelesen, als daß ich glauben könnte, die Herren haben Ein Programm. Es liegt ein unüberbrückbarer Abgrund zwischen Kaiserfeld und jenen Autonomisten (z. B. einen reindeutschen Rechbauer) welchen der Dualismus, welchen eine Zerklüftung Österreichs ganz gelegen käme, weil sie kleindeutsche Pläne u.s.w. fördern würde.

Die Unterzeichnung des letzten Rescripts war mir eine nur zu frappante Illustration zu den Worten, die du an mich ad vocem Staatsanwalt gerichtet, und mit einem Gefühl tiefer Scham denke ich an die – Leichtfertigkeit, mit welcher ich dir in zwei Worten über Schmerling <und> den Reichsrath abgeur-

 
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theilt habe. Etwas Edleres als die Ruhe und Erhabenheit, mit welcher Du Deinen Gefühlen Ausdruck giebst, ist mir niemals begegnet; und daß Du auf meine jugendlichen (laß mich's dießmal noch so nennen!) Ausbrüche so ausführlich antworten konntest, ist mir das sicherste Pfand, daß ich deine Nachsicht nicht eingebüßt habe. O, du weißt es, daß ich bei meinem Dank weder Anfang noch Ende finden könnte. Es giebt Character, denen gegenüber nichts Phrase ist.

Über den Punkt, der mir die meiste Sorge machte, hast du mich auch beruhigt: ich glaube Dir's auf's Wort, daß nichts mehr zu machen war, und diesen Gedanken ertrage ich viel leichter, als daß der abwärts rollenden Kugel noch hätte Halt geboten werden können.

Aber wann wird etwas zu machen sein? Mit der Auflösung des früheren siebenbürgischen Landtags haben wir keinen Gesammt-

 
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reichsrath mehr. In hoc signo –

Den 17.-

Es ist vielleicht ein Glück für Dich, daß ich unterbrochen worden <und> ein paar Tage nicht zur Fortsetzung dieses Briefes gekommen bin. Daß das Ministerium ein brillantes Fiasko machen werde, hoffe ich zu Gott, und mein einziger Wunsch ist, daß wir nicht gar lange darauf warten müssen. Der einzige Weg zum Heile geht durch eine tüchtige Lection, die leider das ganze Vaterland wird mitempfinden müssen; allein wo der bloße Gedank seine Wirkung auf's Gehirn nicht mehr auszuüben vermag, bringt nur ein energisches Anrennen mit dem Schädel selbst zur Besinnung. – Eher noch glaube ich an einen Wiedereinberufung des Siebenbür-

 
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gerlandtags, als an eine Befragung der Landtage. Sollte aber dieses letztere Mittel beliebt werden, so wollen wir auf eine möglichst imposante Manifestation zu Gunsten der Februarverfassung hoffen.

Doch genug <und> viel, viel mehr als genug. Du bist mit Deinen Lieben in Dornau. Möchten nur diese Zeilen Euch alle im besten Wohlsein antreffen! Uns geht's, Gottlob, passable. Meine Schwiegermutter hat in mir eine schöne Hoffnung neu belebt, daß uns nämlich bei Deiner Abreise von Dornau ein dreifacher, Du weißt, wie lieber Besuch zu Theil werden könne. Laß mich, der ich seit 4½ Jahren vorzüglich von Hoffnungen lebe, diesen lichten Gedanken solange denken als möglich, empfange sammt den verehrten Deinigen von uns allen die Versicherung treuester <und> dankbarster Anhänglichkeit, entrichte gütigst der liebenswürdigen Gräfin meine Handküsse, umarme mir Dein liebes Kind, und behalte im_er in Deinem Herzen Deinen unwandelbar ergebenen
B. Carneri

 
     
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