Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 31. August 1865
 
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Wildhaus 31. Aug. 1865.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Meinen letzten Brief schrieb ich unter dem Einfluß von Hoffnungen, die seither beinahe gänzlich erstorben sind. Wie oft habe ich in der Zwischenzeit Dir schreiben wollen! Allein meine neuen Ämter, wie klein sie auch sind – der gemeine Mann hat oft mehr zu thun als der Offizier – nehmen mich so sehr in Anspruch, daß ich zu einem ganz elenden Briefschreiber geworden bin. Heute endlich hoffe ich mein ganzes Herz vor Dir ausschütten zu können.

In den ersten Tagen habe ich die Namen Majláth, Belcredi und Larisch mit Freude begrüßt. Majláth kenne ich nicht

 
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blos als Magyaren, sondern auch als Österreicher. Seine Rede im ungarischen Landtag (Reichstag) 1861 – die einzige österreichische im Unterhaus wie im Oberhaus die des Grafen Zicky – werde ich ihm nie vergessen, wie fern sie auch von meinem Standpunkt ablag. Über Belcredi hatte ich von verläßlicher Seite viel Vortheilhaftes gehört, und bei Larisch, von dem ich gar nichts weiß, rief ich aus: Gottlob, der ist kein Finanz-Landesdirector und hoffentlich ein Nationalökonom; der wird nicht blos an's Aussaugen, sondern auch an's Anfüllen der Auszusaugenden denken. Es liegt in meiner Natur, an allen Dingen die guten Seiten herauszusuchen, Alles, solange

 
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als möglich, günstig auszulegen. Die Weise, in welcher das neue Ministerium mit dem Reichsrath umsprang, hat mich tief verletzt. Sie roch gar zu arg nach Junkerthum. Aber wo ich die eigentlichen Beweggründe gar nicht kenne, überwinde [durchgestrichen: ich] und füge ich mich. Noch steht der Ungar so tief, daß er durch ein Tagen in Einer Versammlung mit dem Deutschen, sich zu besudeln meint. Es kann sein, daß im Ministerium, welches durch Berührung des Reichsraths sich befleckt, mit ihnen gar nicht unterhandeln könne. Zudem bin ich auf den Reichsrath schlecht zu sprechen. Er hätte nicht unpraktischer handeln können, und eine Versam_lung, welche die letzten Worte Pratobebara's schweigend hinnehmen kann, und nach so vielen Reden im entscheidenden Moment kein

 
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  Dritter weiß zwischen einer unklugen Demonstration und Todtenstille, und zu letzteren sich resignirt, verdient eine derbe Lection. Ist es mannhaft, ja ist es nur politisch, der Regierung zu sagen: ich halte es für möglich, daß der Reichsrath der Februarverfassung nicht mehr einberufen werde? Und das war der Sinn von Pratobebera's Abschiedsworten. Das weiß ich, daß kein Gott mich abgehalten hätte, jene Worte zu präcisiren. Die Verfassung ist nicht dem Reichsrath, sondern der Nation gegeben worden. Der gegenwärtige Reichsrath kann aufgelöst werden, der Reichsrath der Februarverfassung hat wieder einberufen zu werden. Davon das Gegentheil als möglich hinzustellen, ist ein Schimpf, den man dem Kaiser, den man der Nation, den man der tagenden Versammlung anthut. Das zu denken,  
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gab's Wochen Zeit, und die paar Worte dazu hätte ich schon gefunden. Ich hätte nicht vollendet gesprochen à la Herbst, aber verstanden hätte man mich gewiß und vielleicht einen Frühlingshauch heraus empfunden. Ich hätte mich blamirt auf immer, oder dem Reichsrath ein anderes Gesicht gegeben. Und hätte ich gar nichts Positives erreicht, mein Gewissen wäre vollkom_en ruhig, was vielleicht von allen Abgeordneten nicht Einer sagen kann. Pratobebara, vergieb mir das Wort, hat bei mir ausgefressen. Der Spaß in seinem Landhaus war unwürdig.

Mehr als die Hälfte der Schuld des Geschehenen und nicht Geschehenen trägt Schmerling nicht, die andere Hälfte trägt der Reichsrath. Doch wenn ich auch das gegenwärtige Abgeordnetenhaus [durchgestrichen: Preis]

 
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  preisgebe, die Verfassung gebe ich nicht Preis. Betreffs Ungarns [durchgestrichen: h] läßt die Verwirkungstheorie sich bestreiten, aber sie läßt sich auch aufstellen. Für uns läßt sie sich gar nicht einmal aufstellen; und wenn wer ein volles Recht hat, die Rechtscontinuität auf seine Fahnen zu schreiben, so sind wir's. Nur, Gottlob, haben wir auch ächten Sinn für Recht; wogegen es vielleicht keinen Volksstamm in Europa giebt, der weniger Rechtssinn hätte als den Magyaren. Es wäre aber auch unmathematisch, von Ritterlichkeit und Rohheit ein anderes Product zu fordern. Darum habe ich das Undelicate bei der Gewinnung Siebenbürgens vertragen. Schön war Schmerlings Steg nicht, aber es war der einzige und Stádaskys ist doch tausendmal delicater in Siebenbür-  
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gen vorgegangen als der delicateste Magyare vorgehen würde und wird. Die von allem Praktischen absehende Gewissenschaftigkeit wird in Ungarn nie etwas ausrichten. Ungarn mißt immer mit zweierlei Maß. Kennt der Ungar eine Rechtsconinuität außer für Ungarn. Nicht einmal mit der pragmatischen Sanction meint es der Ungar aufrichtig, und ich werde es nicht glauben, bis [ergänzt: er] nicht mit der pragmatischen Sanction außer einer königlichen, auch eine kaiserliche Majestät anerkennt.

Manches liberale Geflunker unseres neuen Ministeriums entschädigt mich nicht für den Vorschub, den die nationalitätliche Hydra (versteht sich, nur in den sogenannten Erbländern) und das clericale Monstrum (wahrscheinlich auch nur dießseits) bei ihm

 
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  findet. Und gesetzt auch, ich will's ja von Herzen gern glauben, ich thue betreffs der Nationalitätler <und> der Papisten dem Ministerium Unrecht, - giebt es einen Liberalismus, der einen Verfassungsbruch vollführen kann? Siebenbürgen hat faktisch nie zu Ungarn gehört, wie es seit der Beschickung des Reichsraths zu Gesammtösterreich gehört. Kraft eines eigenen <und> inartikulirten Gesetzes hat es die Februarverfassung anerkannt, und es giebt keinen Vertrag mehr, wenn es das Recht hat, ohne Mitwirkung des Gesammtreichsraths, dieses Land zu lösen. Die Einberufung eines neuen siebenbürgischen Landtags auf Grundlage eines ungarischen Wahlgesetzes ist Verfassungsbruch. Dieß  
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zu beweisen, bedarf's nicht der Sophistik eines Berger. Daß die frühere Einigung mit Ungarn nie publicirt worden ist, ist ein gewichtiges Wort, <und> ich halte meinen Standpunkt für vollkommen gewissenhaft.

– Soeben hab ich Kaiserfelds Pettauer Rede [durchgestrichen: gehört] gelesen. Weiß Gott, ich habe sie beinahe gehört, und nicht bald hat mich etwas so mächtig ergriffen. Ich sehe weniger schwarz; aber nicht wegen der Ungarn, über welche sich Kaiserfeld sich einer hinreitzenden Täuschung hingiebt. Ich habe den Ungarn im Jahr 1848 geglaubt, <und> war überzeugt, daß, ihnen die volle Freiheit geben, Eins sei, mit dem Schweigen eines unauflöslichen Landes. Ich habe ihnen noch geglaubt 1861, wo ich dachte, der Wahnsinn vom J. 1848 habe eine allgemeine Krankheit zum Grund gehabt. Jetzt glaube ich nicht mehr und fasse nur Deinen Standpunkt, als Du mir schreibst: du erwartest wenig oder nichts, aber verlangest eine nochmalige Befragung. Auch denke ich, daß un-

 
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sere Ansichten nur betreffs des Zeitpunktes der Befragung auseinandergingen; denn, wie sehr dir auch die Weise der Gewinnung Siebenbürgens wiederstrebt haben mag, so kann ich mir doch nicht vorstellen, daß Du jetzt, da die Sache einmal geschehen ist, mit einem Aufgeben des gewonnenen Landes einverstanden seist. Und wenn Kaiserfeld darauf hinweist, daß der Reichsrath schließlich auch befragt werden müsse, so frage ich, was er schließlich thun kann, wenn der Verlust Siebenbürgens ihm schlließlich als fait accompli vorgelegt wird. Solange ein österreichisches Land die Verfassung nicht angenommen hat, steht der Regierung die Wahl frei des einzuschlagenden Weges; aber was die Regierung in Siebenbürgen jetzt thut, ist ein Riß mitten durch unsere Freiheit.

Ich habe das Geschriebene überlesen <und> war sehr nahe daran, den ganzen Plunder in den Papierkorb zu werfen. Aber ich weiß es, übermorgen fange ich denselben Brief wieder an,

 
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und schreibe ihn vielleicht noch langweiliger. Und du warst immer so nachsichtig mit mir, und wirst noch dießmal Geduld haben. In allen ernsten Momenten wende ich mich an Dich, und immer hast du mir wohlzuthun verstanden. Du kannst mir aber keinen Trost bieten, wenn ich dir nicht sage, worüber ich des Trostes bedarf. So mußte ich Dir denn mein ganzes Herz [durchgestrichen: ausleh] ausleeren.

Kaiserfelds Rede hat erhebend auf mich gewirkt, weil sie mich mit dem Reichsrath aussöhnt. Es wäre zu schön gewesen <und> war eben nicht möglich, daß wir einen Bogen Papier erhalten hätten, in welchem der fertige Parlamentarismus eingewickelt gewesen wäre. Eine große Versammlung ist nicht ein Individuum, dem man sagen und von dem man fordern kann, daß es so oder so zu handeln habe. Diese Masse kann erst nach <und> nach zu einem Organismus sich fortentwickeln, und das geht nicht ohne Kämpfe <und> schwere Prü-

 
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fungen. Eine schwere Prüfung haben wir [ergänzt: jetzt] zu bestehen, und, wie mir scheint, [durchgestrichen: haben] sind wir nicht eben brillant vorbereitet. Es ist dieß ein eigenes fatales Gefühl, das, mir wenigstens, das Klarste ist an der jetzigen Situation. Darum drängt es mich auch in ganz unbezwingbarer Weise, mich an Dich zu wenden, und dich zu bitten, mir zu sagen, wie du meine Ansichten beurtheilst, was du vom neuen Cabinett denkst, ob du sein Schweigen für für einfache Vorsicht oder für Programmlosigkeit hälst? Mir machen die Herren, mit Ausrufen Májlaths ganz den Eindruck, als wenn sie keine Ahnung von dem Ernst der Lage hätten. Ich wüßte kaum ein Mal, wo ich so ganz von Herzen gerne mich getäuscht hätte.

Und nun lebe recht, recht wohl. Viele Handküsse von uns allen an die liebenswürdige Gräfin, sowie an den lieben Buben, und zwar ganz besonders von Fritzi, tausend Bußln. Behalte mich immer lieb und sei der innigsten Anhänglichkeit und Verehrung versichert Deines treuergebenen
B. Carneri

 
     
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