Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 28. Juni 1865
 
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Wildhaus 28. Juni 1865.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Die Zeit, in der ich ganz nach Herzenslust schreiben konnte, ist vorüber. Seit ich nicht mehr an's Zimmer gefesselt bin, nimmt meine Wirtschaft mich wieder sehr in Anspruch, und meine kleine Gemeinde macht mir zehnmal mehr Arbeit, als ich gedacht hatte, insbesondere das Friedensrichteramt, zu dem mich das Vertrauen berufen hat, das ich in der Gegend genieße. Darum habe ich Dir noch immer nicht gedankt für Deinen lieben, lieben Brief vom 13. Dieses, und – wie sehr auch es mich drängte – Dir bis heute noch nicht meine Glückwün-

 
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sche dargebracht zu Deiner letzten Rede. Fünfmal setzte ich mich gestern zum Schreibtisch, und auch heute komme ich erst abends dazu, mit Dir reden, so daß diese Zeilen erst morgen abgehen können. Aber Deine Rede habe ich doppelt genossen. Mir ist eine große, große Freude zu Theil geworden. Am 24. kam M. von Kaiserfeld mit Professor von Krinz, blieb bis zum Abend des 25. und Krinz noch einen Tag länger. Mit ihm, [ergänzt: Krinz] der mir mehr ist, als ein ganzes Publikum, habe ich Deine Rede gelesen. Wir waren beide entzückt und vereinigten uns auch in der aufrichtigsten Anerkennung von Thuns Rede. Überhaupt war der Eindruck, den die ganze Debatte, die Leere von Schmerlings Erwiderung, das verblüffte Wesen des Botschafters auf uns hervorbrachte, ein tieferfreulicher und zu dem schönsten

 
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Hoffnungen ermunternder. Der folgende Tag war freilich weniger erhebend, aber aus den heutigen Zeitungen kann man ohne sonderliches Interpretationsgeschick Dinge herauslesen, nach welchen man Dir auch in praktischer Beziehung Glück wünschen kann. Dein lieber, lieber Brief hat mich tief ergriffen. Wenn Gott will, kommt doch bald eine Zeit, wo das stärkende Hochgefühl des Erfolgs gut machen wird, was das Aufreibende der bisherigen Arbeit an Dir verbricht.

Kaiserfeld und Krinz haben den einsamen Spatzen ganz aus dem Häus[Ergänzungszeichen]l gebracht. Ich bin noch immer ganz aufgeregt von den herrlichen Stunden, die sie mir geschenkt, und ich bitte Dich, wenn Du mit ihnen zusammenkommst, es ihnen zu sagen, daß jene zwei Tage zu den schönsten meines Lebens gehören. Krinz hatte ich nie gesehen, hatte aber seit dem Fürstentage in sehr lebhaftem Briefwechsel mit ihm ge-

 
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standen. Mit seinem ganzen Herzen war er mir entgegen gekommen, und die Weise, in welcher sein Wesen vor mir sich entfaltete, hatte meine Erwartungen betreffs seiner Persönlichkeit auf's Höchste gespannt; jedennoch hat er alle meine Erwartungen weit übertroffen.

Und findest Du es nicht ganz natürlich, daß ich, herausgerissen wie ich nun bin aus der Einsamkeitsergebung, noch dringender Dich mahne an die wenn auch nur halbe Zusage, diesen Sommer nach Wildhaus zu kommen? Oh, glaube ja nicht, daß ich nicht wisse, wie viel ich wünsche <und> wie schwer du abkommst. Zu meiner Sehnsucht kommt, daß die Mutter mir von deiner Absicht zu kommen sprach, u.j. nicht allein zu kommen, und (um mich nicht zu wiederholen) daß es mich gar so freuen würde.

Alles erdenklich Liebe <und> Gute von uns allen, behalte mich lieb und sei versichert der innigsten Anhänglichkeit <und> Verehrung Deines
treurergebenen B. Carneri

 
     
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