Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 31. Mai 1865
 
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Wildhaus 31. Mai 1865.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Das war wol mein längstes Schweigen, nichtwahr? Meine Schuld (mein Verdienst sollte ich bescheidener Weise sagen) war es nicht. Die Gemeindevorsteherschaft nimmt mich sehr in Anspruch und das stürmische Hereinbrechen der heißen Jahreszeit hat mir eine Verschlimmerung herbeigeführt, die meine schon theilweise beruhigten Halsmuskeln ganz rebellisch machen, und mich zwang, alles Schreiben auf das unumgänglich Nothwendige zu beschränken. Wie oft habe ich dabei an Dich gedacht, mein verehrtester Freund! Hätte ich mein Herz fragen dürfen, wie oft wäre ich da ein Brief anDich das Nothwendigste gewesen; denn ich bin so gewohnt, wenn's mir bei gewissen großen Fragen gar nicht zusammengehen will, mich an Dich zu wenden, dessen Urtheil mir so überaus werth ist. Aber das Herz kommt nicht zum Wort, wenn eine unaufschiebbare Arbeit vorliegt. – Nun geht's wieder besser mit dem Schreiben; und wenn auch meine Genesung wieder um ein gutes, rectins schlechtes Jahr hinausgeschoben ist, ich existiere wieder menschlicher.

Mit wahrer Freude habe ich gehört, daß die lieben Deinen durch längere Zeit bei Dir in Wien waren, vielleicht noch sind, in welchen Falle ich Dich bitte, Ihnen

 
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von uns allen alles erdenklich Liebe zu entrichten. Theodorl soll durch das Interesse, das er an allem [durchgestrichen: N] nahm, bewiesen haben, daß er schon ganz zum Reisen berufen sei: Vielleicht geht's in diesem Sommer doch einmal zusammen, daß Ihr alle drei nach Wildhaus kommt? Wie schön wäre das!

Wahrhaft erhebend war für mich Deine Rede in der Debatte über die Eisenbahn-Zuschläge, und eine tiefe Befriedigung fühlte ich bei dem Gedanken, daß ich in unserem Landtage zu den Wenigen gezählt habe, welche gegen jede Äußerung im bisherigen Usus stimmten.

1. Juni.

Ich bin gestern unterbrochen worden und kam heute so spät zum Fortsetzen, daß der Brief erst morgen abgehen kann. Trotz der Liebenswürdigkeit, mit der du immer meine Dissertationen aufnimmst, bist du mir doch, besonders bei einer so drückenden Hitze, dinkbar, nichtwahr? wenn ich mich in keine der großen Fragen einlasse, welche so vielseitig dir vorgeführt werden und nur zu wenig des Erfreulichen darbieten. Daß ich noch immer rosig in die Zukunft sehe, hat vorherrschend in einer glücklichen Organisirung meines Auges seinen Grund; es ist ein Hoffen, ein Glauben, dessen Begründung meine Kräfte übersteigt, und den Widerspruch, der in der Erkenntnis dieses Objectivismus liegt, erklären vielleicht einige leichte aber doch unleugbar graue Streifen, welche das bisher ganz reine Rosa

 
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durchziehen. Der graueste dieser Streifen ist das Budget. Allzustark macht schartig. Das halbe Jahr 1865 ist um, wer soll mit unmöglichen Streichungen gefoppt werden? Sparen ist schön, aber schädlich wenn nicht gleichzeitig wohlfeilere Einrichtungen geschaffen werden. Mein Ideal wäre es gewesen, der Regierung zu sagen: Stimmst du für das Jahr 1866 in die pro 1865 beschlossenen Abstriche (man hätte auch [durchgestrichen: noch] in ein paar Punkten [ergänzt: noch] tiefer herabgehen können) so willigen wir pro 1865 in Dein letztes Ultimatum. Vielleicht wäre dadurch die Vereinbarung mit dem Herrenhause überflüssig geworden; nicht vielleicht, gewiß, sobald eine Vereinbarung mit dem Ministerium vollzogen wäre; und dadurch [ergänzt: würde] einmal betreffs des Finanzgesetzes der Schwerpunkt gänzlich in's Abgeordnetenhaus verlegt. Aber unsere Opposition hat sich in die Podius-Pilatische Anschrift verrannt, die Mitverantwortlichkeit für Österreichs Gegenwart und Zukunft von sich abwälzen zu können; und das große Publikum glaubt, sie hätte sogar das Unmögliche möglich gemacht, wenn u.s.w. Jetzt setze freilich auch ich alle Hoffnung in die gemischte Commission, und mein wärmster Wunsch ist, Dich den "liebenswürdigen Friedensfreund" in sie gewählt zu sehen. Mein Wahlspruch ist: alles eher, als ein budgetloser Versuch.

Naturam expellas furca, - mein Vorsatz war tüchtig, aber die Gewohnheit ist ein eisernes Pferd? Andere Generalstabsfragen will ich dafür nicht einmal nennen. Ich kann es überwiegend um so leichter, weil ich in die Schäre, in welcher ich als Gemeiner diene, mich ganz eingefleischt habe. Ich bin Gemeinde-

 
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vorsteher mit Leib und Seele, und du hättest gewiß Deine Freude daran, wenn ich dir zeigen könnte, wie handsam ich mir das kleine Amt eingerichtet habe. Du weißt, daß ich immer ganz andere Gemeinden angestrebt habe; allein seit ich mich überzeugt habe, daß mein Ideal nicht durchzusetzen ist, thue ich mein Möglichstes, um das Gegebene durchführen zu helfen. Es war ein großer Fehler, [durchgestrichen: nicht] gleichzeitig mit den neuen Gemeinden [durchgestr.: auch das] nicht auch die neue Organisirung der politischen Behörden [durchgestr.: der] in's Leben zu rufen. Erstens kehren neue Besen immer gut, und die neuen Bez.Ämter, von welchen ich mir vorstelle, daß sie so eingerichtet sein müßten, ohne Gemeinden gar nicht bestehen zu können, hätten dieser gewiß wacker unter die Arme gegriffen. Zweitens darf man niemand in Versuchung führen: erweisen sich die Gemeinden als lebensfähig, so ist damit bewiesen, daß die jetzigen Bez.Ämter überflüssig sind; und da dieß eine bedeutende Beamtendisponibilität zur Folge haben würde, so ist es zu viel verlangt, wenn man von ihnen die Herstellung dieses Beweises fordert: und anstatt in eine so selbstmörderische Pflichterfüllung zu verfallen, erliegen sie vielmehr der Versuchung, ihre Unentbehrlichekit darzuthun. Gottlob, arbeitet unser tüchtige B.Ausschuß Pairhuber an einer Anleitung für die Gemeinden, die ein kleines Meisterwerk wird, und von dem ich mir die Rettung der untersten Grundlage der Freiheit erwarte. O betreibe seinerzeit eine Bearbeitung dieses Buches für Krain; ich schicke Dir es, wie es erscheint. Und tritt die neue politische Organisation früher oder gleichzeitig mit den neuen Gemeinden in's Leben, so ist Dir Dein engeres Heimatland für deine Interpellation

 
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  zu ewigem Dank verpflichtet. Und nun lebe recht, recht wohl, von den Meinen alles Erdenkliche, <und> behalte immer lieb deinen Dich dankbarst verehrenden, treuergebenen
B. Carneri
 
     
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