Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 9. März 1865
 
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Wildhaus 9. März 1865.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Wie soll ich Dir danken für Deinen lieben, lieben Brief! O, nicht Deine freundlichen, den Brief des Grafen L. Thun begleitenden Zeilen hatten mich beunruhigt, sondern der ultraclericale Brief, der einige schwer verdauliche Stellen enthielt. Ich habe in diesem Stück einen sehr guten Magen, der durch einige Feuertaufen, unter welchen übrigens mir "vaterländisch" obenan steht – es ist unglaublich, wie gerade dieses Blatt durch ganz massive Grobheit sich auszeichnet, es verteidigt eben oft Thesen, bei welchen Vernunftsgründe nicht auslangen – zu einem wahren Straußenmagen geworden ist. Doch nicht Jeder ist so glücklich organisirt, und deren hast Du an Deiner Stellung im Herrenhause genug des Unangenehmen, und es gar nicht nöthig, durch Andere noch 'was dazuzukriegen. Ich zweifle nicht, und es ist mein Stolz, daß Du, wo es sein wollte, für mich ebenso gern, als für Dich selbst, von Lande ziehen würdest; doch ist es ein Frevel, dem wahren Freund muthwillig in eine Fehde zu verwickeln. Ich hatte – in der Erinnerung daß Du mein: "Zum Fürstentag" vertheilt – muthwillig gehandelt; <und> wenn du meinen Brief mit der seltsamen Bitte noch hast, so kannst du sagen, daß sie nicht ganz im Ernst gemeint war. Aber lügen würde ich, wenn sagte, ich habe bloß Spaß gemacht. Du hast den Wurf durchgesehen und hast das Mögliche gethan. Und eben die

 
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Dankbarkeit, mit welcher mich deine Aufopferung erfüllte, machte so lebhaft den Moment erwachen. Ich versichere Dich, dein letzter Brief hat mir ein schweres Gewicht vom Herzen genommen.

Du mußt schon verzeihen, wenn ich heute die Encyclica und ihre Folgen nicht loswerde, Dich sie nicht loswerden lassen. Du wirst den Artikel aus dem "Vaterland" ganz kennen, von dem mir nur eine "Tagespost"-Mittheilung zugekommen ist. Ich habe mir die Nummer bestellt, sowie auch den Seckauer Hirtenbrief. Unser "Marburger-Correspondent" hat 3 sehr interessante Artikel gebracht aus der Feder eines Lavantaler Theologie Professors, und hervorgerufen durch 3 Artikel vom Redacteur des Blattes. Das Blatt erscheint nur dreimal wöchentlich und so hatte der Antirecensent immer Zeit seinen Gegenartikel zu schreiben. Es war wirklich ergetzlich die beiden Herren auf derselben Seite zu finden; gleich unter Nr. 2 des Redacteurs kam Nr. 1 des Theologen, unter Nr. 3 des Ersteren stand Nr. 2 des letzteren, der schließlich ein Nr. 3 brachte, die Schlußcanonade, die bestimmt war, auf Nimmererheben mich niederzuwerfen. Anständig waren übrigens die Artikel trotz ihrer tiefen Entrüstung von Anfang bis zu Ende, aber dafür von einer seltenen Perfidi, wie darauf angelegt, mich hinzureißen, etwas Compromittirendes zu erwidern. Pas si bête! Der gute Mann ist sehr neugierig und fragt mich, was ich von den christlichen Mysterien halte; dann wirft er mir Mangel an Offenheit vor [durchgestr.: zu], weil ich nicht meine Stellung zum positiven Christenthum

 
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präcisirt habe, wobei er mit entschiedenem Mutterwitz mit den von mir gebrauchten Worten: chiari patti, buoni amici (!?) schließt. Meine Behauptungen werden nach Möglichkeit outrirt, z. B. vom Cardinal Haulik gesagt, ich weise ihn unter die Feinde Roms u.s.w. Weniger mutterwitzig war das ausdrückliche Erklären, die Artikel des Redacteurs neutralisieren zu wollen, der es "für gut befunden habe, der Broschüre eine größere Verbreitung besonders in der unteren Steiermark verschaffen zu wollen"; denn die contra-Artikel waren fundamental lockender, als die pro-Artikel. Und damit ich, wenn ich zufälliger Weise doch so ganz auf den Kopf gefallen sein sollte, wie das "Vaterland" sagt, den officiellen Charackter der Randglossen nicht verkenne, erhielt ich gleichzeitig mit Randglosse Nr. 1 einen Brief von unserem Fürstbischof, dem leider ein eigentlicher Sinn abgeht: nur soviel brachte ich heraus, daß er das Seinige thun werde, um [ergänzt: von] der Polemik "immer und überall" das Gehässige und Unwissenschaftliche fernzuhalten. Ich glaube daß ihm der Schähartikel, der vor 2½ Jahren den P. Spiritual seines Vorgängers dem "Vaterland"[ergänzt: eingesandt] vorschwebte; allein das "immer und überall" war auch auf mich gemünzt; und wenig geeignet, mich zu einem Schweigen zu bewegen, das wie ein Rückzug ausgesehen hätte. Überhaupt ist seine fürstl. Gnaden durchaus nicht das, was erwartet worden war. Etwas mehr oder weniger unliberal, führen die Herren alle einen Hirtenstab und zum Ausbau des Concordats verlangen sie nur drei Dinge: Schafe, Schafe und wieder Schafe, – aber: "Des Schafs Hauptfehler ist Wiederkäuen" heißt's in einer von meinen drei Bibeln und ich konnte

 
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das Wiederkäuen nicht lassen.

Was mich übrigens am meisten empört hatte, war folgende Stelle: "Die Broschüre führt sich mit einem den Schriften des Ulrich v. Hutten entlehnten Motto ein. Wie kommt der Herr Verfasser gerade auf Ulrich v. Hutten? Es kann ihm nicht unbekannt sein, daß Ulrich von Hutten einer der erbittertsten Feinde des Papstthums gewesen, abgesehen davon, daß er moralisch und physisch verkommen ein selbstverschuldetes frühes Ende (auf einer einsamen Insel des Zürchersees) fand. Diese Mannes Worte, an die Stirn der Schrift gesetzt, könnten fast Zweifel erwecken an der Beurtheilung eines so überaus wichtigen Schriftstückes, wie [darüber ergänzt: es] die Encyclica ist, unerläßlich nothwendigen völligem Unpartheilichkeit des Herren Verfassers."

Ich liebe Hutten mit Leidenschaft und seine von mir als Motto gebrauchten Worte sind reines Gold. Und da will man mir den Wahlspruch mit Koth bewerfen, weil man darauf rechnet, ich könne Huttens Krankheit nicht nennen, <und> müßte dazu schweigen. Es giebt nichts, was der wahrhafte anständige Mensch nicht kann.

Lies den Aufsatz mit deiner gewohnten Liebe zu mir, und entschuldige die blauen Striche, die nicht von mir gemacht wurden. Zu der vom Herrn Glossator gegen die Trennung von Schule und Kirche citirten Stelle Mangel's, auf die ich gegen Schluß anspiele, kommt der Satz vor: "Bis in's Herz des letzten Bauernbuben und der letzten Bauerndirne soll die moderne Schulmeisterei das alte religiöse Gefühl ausrotten." Mein letzter Satz zahlt alle Angriffe, die ich übergehe, reichlich ab. O, sie sind wüthend; aber am meisten darüber; daß ich mit offenem Visir auftrete. Bei allem Zeitungsartikeln und anonymen Schriften sagen Sie: das kommt nur von Protestanten

 
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  und Juden. Und dann bin ich so ungefällig, keine Dummheiten zu machen, bei denen sie mich fest packen könnten! – Möchten diese Zeilen Dich und deine Lieben (Alle Allen Alles) im besten Wohlsein antreffen! Fritzi dankt herzlichst dem lieben Buben für das billet. Nochmals  
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tausend Dank für Deinen lieben, lieben Brief. Ich wollte um 11 Uhr schlafen gehen, und nahm mir vor, dir nur 4 Seiten zu schreiben; es sind nur 4, aber es ist Mitternacht vorbei. Nur 6 Knödl, sagte ein Tiroler, aber zweimal so groß. – Behalte immer so lieb Deinen dankbaren,
treuergebenen B. Carneri

 
     
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