Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 25. Februar 1865
 
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Wildhaus 25. Febr. 1865.

Liebster und verehrtester Freund!

Alle diese Tage nahm ich mir vor, Dir zu schreiben; da kam Dein Brief mit der räthselhaften Adresse, die mir auf den ersten Blick auffiel, so daß ich den Brief einige Mal umkehrte, bevor ich das Siegel erbrach. Deine Zeilen sind köstlich, auch ein Unicum, wie die Adresse. Ich könnte über die ganze Sendung eine seltene Freude haben, wenn mir nicht von Zeit zu Zeit der Gedanke durch die Seele führe, daß ich Dir durch den Einfall, Dir 3 Exemplare meiner Flugschrift zu senden u.s.w. einen wenn auch nur kleinen Verdruß bereitet habe. Nach deinem Briefe – habe den wärmsten Dank für die lieben Worte über die Flugschrift – hätte ich eher geglaubt, du würdest schließlich keinen von den Beiden das zweideutige Geschenk überreichen; ich war also doppelt überrascht, denn noch weit weniger hätte ich einen Brief des Grafen

 
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Leo Thun erwartet. Habe darum auch zweifachen Dank; und wenn ich dir einen Verdruß bereitet, so bitte ich Dich um Verzeihung.

Der gestrige Tag war Dir und den bösen Grafen bestimmt; aber ein Besuch, der um 3 Uhr nachmittags kam und bis 7½ Uhr blieb, ließ nur Einen Brief zu Stande kommen, <und> heute will ich die Post nicht versäumen. Daher meine Kürze; doch ich schreibe Dir bald wieder. Ich habe Dir sehr viel zu sagen, <und> wüßte gar nicht, womit beginnen.

Warum ich meine Antwort an den Grafen Thun Dir schicke? Weil Grf. Thun durch denselben Boten, der Dir den Brief zur Weiterbeförderung gebracht, Dich viel einfacher um eine Adresse gebeten hätte. Er wollte offenbar, daß Du seine Antwort lesest, nicht bloß damit Du wissest, wie tüchtig ich die Leviten gelesen bekam, sondern auch – verarge mir nicht die

 
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Eitelkeit der Zusammenstellung – weil Du selber Einer jener "liebenswürdigen Friedensfreunde" bist, der liebenswürdigste, der edelste, der größte. Nun liegt mir vor allem daran, daß Du, der Du jenen Brief gelesen, meine Antwort kennst, und ich bitte Dich recht sehr, mir bei Gelegenheit Deine schonungsloseste Ansicht darüber mitzutheilen. Ich habe geschrieben, wie es mir aus der Seele kam, ohne die geringste Bitterkeit, weil mir Grf. L. Thun in hohem Grade sympathisch ist, und nur drei Punkte übergehend, deren Beantwortung unnöthig gewesen wäre: die kleine Fastenpredigt, die mir von dieser Feder ehrwürdig ist; die Äußerung über Spinoza, den er offenbar nicht kennt; die Behauptung, "daß der Parlametarismus keine Bahn sondern ein Mittel der Beförderung sei," - weil z. B. die Frage, ob eine Eisenbahn kein Beförderungsmittel sei, wie ein Witz ausgesehen hätte, und ich keine

 
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Witze reißen wollte, und zum Überfluß als Freund der Dialektik und Hegelianer, für den Form <und> Inhalt identisch sind, gleich dabei bin, den ächten Parlamentarismus als Ziel anzuerkennen. – Zweitens ist es möglich, daß es Dir nicht unangenehm sei, daß er wisse, daß du meine Antwort kennst. Endlich, weil ich Dich bei Deiner Freundschaft zu mir bitte, mir den Brief zurückzuschicken, auf daß ich ihn direct übersende, falls es Dir, bei den öfteren Zusammenkommen mit ihm, angenehm wäre, die leidige Geschichte, in die Dich mein vielleicht sehr dummer Spaß gebracht hat, ganz los zu sein. Denn daß der Brief, der mitunter sehr lebhaft war, theilweise Dir gegolten, lasse ich mir nicht nehmen. Und ich habe Dich zur Übergabe verleitet! Zudem habe ich nicht die Ausrede, daß ich seine Adresse nicht wisse. Freilich brauche ich keine Ausrede; durch dich erhielt ich den Brief, Dich bitte ich die Antwort zu über-

 
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  geben. Aber nochmals, und aus dem Grund meines Herzens, woran mir liegt, ist nur, daß du meine Antwort kennst. Daß Du mir gut bist wie immer, sagen mir deine einzig lieben Zeilen, für die Dir wie für Deinen letzten Brief innigst die Hand drückt Dein treuergebener
B. Carneri
 
     
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