Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 14. Dezember 1864
 
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Wildhaus 14. Dez. 1864.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Nur ganz unaufschiebbare Geschäfte und unwegschiebbare Besuche, welche dieser Tage wie verabredet sich häuften, haben mich abgehalten, Dir früher zu danken für Deinen so unendlich lieben Brief vom 9. Dieses, von dem jede Zeile mir sagt, daß Du mir meine Bitte nicht übel genommen hast. Du hättest leicht es können; denn ich war nicht im Stande gewesen, für meinen Protegé weder Bande innigster Freundschaft noch einen ächten Nothfall geltend zu machen. Ich hatte nur einer allzulebhaften Bitte nicht widerstehen können, die von einem durchaus nicht Unwürdigem an mich gestellt wurde. Das Gefühl der Unbescheidenheit war mir nicht ganz fremd beim Schreiben jenes Briefes; aber wenn ich der inneren Abmachung nicht folgte, so geschah dieß nicht – du glaubst mir's, nichtwahr? – weil

 
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die Unbescheidenheit überwog, sondern weil das Vertrauen auf Deine Güte unerschütterlich war. Ich bereue meine Dreistigkeit nicht, weil ich es Dir danke, daß ich ein gegebenes Wort gehalten, [ergänzt: und] weil ich dadurch mit Augen gesehen habe, wie lieb Du mit mir sein kannst, auch wenn ich Dir etwas lästig falle. Du hättest mit einem halben Wort das Herz mir recht schwer machen können, und mein Herz ist leichter als je.

Auch, was du mir über die Adresse, richtiger gesprochen, über deren Illustrationen, und noch richtiger gesprochen, über deren Obscurationen schreibst, hat auch sehr wohlthätig auf mich gewirkt. Mir war etwas angst geworden. Unsere Zustände sind noch viel zu wenig consolidirt, um allzugewaltige Erschütterungen zu ertragen. Die Ruhe, mit der Du die Sache betrachtest, hat auch mich beruhigt. Nur gegen Eines protestire ich, daß Du Deine Rede schüchtern nennst. Deine Rede war die eines englischen Peers, sowie die

 
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Kaiserfelds die eines englischen Abgeordneten war. Die anderen – ich nehme nur den edlen Krinz aus, der nie sagen wird, was nicht seine innerste Überzeugung ist – haben mich angewidert. Ich will nicht sagen, daß Reden wie die Herbst's <und> Giskra's nicht auch im englischen Parlamente vorkommen. Tausendmal ärgere habe ich von dort zu lesen bekommen; aber bei uns ist nur positive Opposition ächt patriotisch. Hinter allem andren steckt alles andere. Ceterum vero censeo, daß ich der Glücklichste bin auf Erden; denn die drei Männer, die ich am höchsten [durchgestrichen: E] ehre: Dich, Kaiserfeld <und> Krinz darf ich meine Freunde nennen.

Und nun zur Erklärung, Entschuldigung der Beilage: Dein einzig liebes Kind hat uns alle mit der Herzensergießung an Fritzi tief gerührt. Und daß Fritzi, die das g'schamigste Kind ist, das je existiert hat, mir gestattet, Dir für Theodor das Beiliegende zu senden, ist der größte Beweis ihrer Dankbarkeit für die so aus dem

 
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Herzen kommende Erinnerung ihres kleinen Freundes. In ihren müßigen Stunden schreibt sie in neuester Zeit Novellen und zwar mit einer für ihr Alter unglaublichen Geschwindigkeit. Das Erfinden geht mit dem Schreiben Hand in Hand und zu den beiligenden 8 Seiten hat sie nicht ganz Eine Stunde gebraucht. Ich glaube, daß diese Eine der bessern ist; wenigstens hat sie uns besonders unterhalten, und bis auf die paar Correcturen ist ist alles von ihr. Daß dieses Opus nicht bestimmt war, veröffentlicht zu werden, sieht man ihm auf hundert Schritte an; doch darin liegt auch sein ganzer Werth. Sie genirt sich fürchterlich; die kleine Maus, und bereut es schon sehr, mir die Erlaubnis gegeben zu haben; ihr einziger Trost ist, nicht dabei zu sein.

Und nun nochmals meinen wärmsten Dank für Deine Liebe, von uns allen an Alle alles erdenkliche Schöne <und> Gute; einem Kuß Deinem Theodorl, und die Versicherung der innigsten Verehrung und Dankbarkeit Deines treuergebenen
B. Carneri

 
     
  Beilage, Novelle von Fritzi Carneri;
Wildhaus, 8. November 1864.
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