Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 7. Dezember 1864
 
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Wildhaus 7. Dez. 1864.

Liebster und verehrtester Freund!

Herzlichsten Dank für Deinen lieben, lieben Brief vom 29. v. M. der mir, wie jede Zeile von Dir, ein wahres Labsal war. Doch bin ich jetzt so beschäftigt – ich bin Obman des Schul-Ausschusses geworden und kriege den Kirchen-Ausschuß dazu – daß ich Dir heute noch nicht antworten kann. So oft ich Dir schreibe, bereite ich mir einen Festtag und den will ich mit freier Brust genießen.

Heute will ich blos Dich plagen. Zwar will ich nicht, kann aber nicht umhin. Es handelt sich um einige Worte oder ein paar [ergänzt: Zeilen], um [durchgestrichen: doch] die ich Dich bitte, falls es leicht sein kann; sieh aber ja meine Bitte als nicht gestellt an, falls der leiseste Anstand obwaltet.

Wir haben in Marburg einen alten Notar Reiser, früher Bürgermeister von

 
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Marburg, Ehrenmann, aber schon altersschwach. Sein Neffe Dr. Matthäus Reiser hat kürzlich nur die durch den Tod Kolleggers erledigte Notarsstelle competirt, erhielt aber zur Antwort, er könne nicht ernannt werden wegen seiner Verwandtschaft mit [durchgestrichen: mit] seinem Onkel, der eben in Marburg Notar ist. Auf das entschloß sich sein Onkel, seine bedingte Entlassung einzureichen, für den Fall nämlich, daß sein Neffe an seine Stelle käme. Die Fähigkeit des Neffen steht außer Zweifel, weil er factisch schon seit einigen Jahren Notar ist, indem er bei seinem Onkel als Factotum arbeitet. Er ist auch sehr beliebt und sein altersschwacher Onkel nur mehr dem Namen nach Notar. Die Sache hätte keinen Anstand, wenn nicht die Notarsstellen im Durchschnitt als Unterbringungsorte für disponible Beamte angesehen würden.

 
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Darum könnte ein gutes Wort beim Herrn Justizminister von großem Nutzen sein. Ich hatte an Kellersperg gedacht; doch die Unterhandlungen mit ihm sollen wieder gescheitert sein und da dürfte er mit den Herren gespannt sein. Nun hast Du das Unglück gehabt, mir hier in Wildhaus, es war auf dem Altan, (wenn dir mein Gedächtnis jenen mir so unvergeßlichen Tag verleidet, so zerreiße dieses Papier, ohne weiter zu lesen) von Dr. Hein in einer Weise zu sprechen, die mir den Gedanken eingab, mich an Dich zu wenden. Wenn es eine kleine Gnade ist, die man dem alten Reiser angedeihen ließe durch Annahme seiner bedingten Erklärung, so verdient er sie – er hat ja auch das goldene Verdienstkreuz mit der Krone.

Das Gesuch des Dr. M. Reiser, um an der Stelle seines Onkels Notar in Marburg zu werden, liegt beim Ministe-

 
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rium und die Entscheidung ist sehr nahe bevorstehend. Wenn Du also nicht sehr bald nach Wien gehst, so wären zwei Zeilen nothwendig. Glaube aber ja nicht, mein liebster und verehrtester Freund, daß ich es nicht vollkommen begreife, daß man derlei [ergänzt: oft] nicht übernehmen könne. Ich verdanke [durchgestrichen: nur] dem jungen Reiser viele Gefälligkeiten, und fühle das Bedürfnis, etwas zu thun. Nichtwahr, du nimmst mir's nicht übel. Ich thue auch so etwas unendlich selten.

Die polnische Debatte hat auf mich einen fatalen Eindruck gemacht. Ich bin nicht mehr für Schmerling, wie ich's war, aber Giskra's Angriffe waren unwürdig; und, wenn ich auch fest überzeugt gewesen wäre, nie mehr gewählt zu werden, ich hätte für Schmerling gesprochen. – Meine Handküsse so wie die von unsallen, einen Kuß Deinem lieben Kind <und> in unbegrenzter Verehrung Dein treuergebener
B. Carneri

 
     
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