Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 24. November 1864
 
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Wildhaus 24. Nov. 1864.

Mein hochverehrter Freund!

Ich halt's nicht aus, ich muß dir um den Hals fallen. Sie liegen schon da! Und wenn sie's auch läugnen, wenn sie's sogar selber nicht merken sollten – bei Gott und manchen Leuten ist alles möglich – sie fühlen's doch, daß du sie niedergeschmettert hast, daß sie alle miteinander Dich nicht werth sind.

Und Baron Münch hat mein Wunsch auch erfüllt, wenngleich auf dem entgegengesetzten Wege. Kann er noch eine Adresse verfassen? Ich glaube nicht. Sein Reitergefecht wird zum Sprüchwort werden. Ist der Segensspruch von ihm oder wirklich von Rauscher? Gleichviel, Du hättest dieses Wort an dieser Stelle gewiß zu vermeiden gewußt. Und dieses verwaschene Gewäsch!

Bisher hatte das Herrenhaus in der Beant-

 
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wortung der [durchgestrichen: Adresse] Thronrede immer einen gewaltigen Vorsprung vor dem Abgeordneten voraus; und wie sehr auch die Presse ihm gleichgiltig sein mag, so freute es sich doch gewiß jedesmal über die allgemeine Anerkennung. Den einzigen Grafen Leo Thun möchte ich ausnehmen; denn er ist ein Fanatiker. Den andern allen war der Triumph gewiß jedesmal von Werth: du hattest die Adresse verfaßt, aber sie hatten sie angenommen, und einen Theil am Ruhme konnte Niemand ihnen absprechen. Was ich voraus gefühlt, ist eingetroffen. Das Herrenhaus ist tiefer gesunken; <und> mir thut's weh, weil ich das Herrenhaus als eine Nothwendigkeit erkenne. Doch der es vor dem gänzlichen Untergang in der öffentlichen Meinung gerettet,

 
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bist Du, Du allein. Graf Wickenburg hat schön gesprochen, aber sein Charakter gehört in politicis nicht zu den imponirenden.

Nur betreffs der Ungarn weiß ich nicht recht, ob ich dich ganz verstanden habe. Hoffst Du etwas von ihnen, oder willst du nur einen letzten Versuch ad salvaniam animam?

Doch das ist Nebensache. Dennoch bitte ich Dich bei Gelegenheit um eine kleine Aufklärung, weil Deine Anschauung für mich von unendlichem Werth ist, und weil gerade das, was Du von den Ungarn sagtest, obwol ich für jetzt an einen dortigen Umschwung nicht glaube, auf mich einen sehr tiefen Eindruck gemacht hat.

Doch ich muß enden. Was gäbe ich

 
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nicht darum, daß diese paar Zeilen noch heute abgehen könnten! Bis übermorgen haben sie ihren halben Werth verloren. Das sogenannte Nachkommen hat etwas Komisches, abgesehen davon, daß man dabei gewöhnlich fehlschießt. Doch das siehst Du diesen Zeilen auch übermorgen an, daß sie mit der ganzen Raschheit des Gefühls, das um sich zu nennen nicht erst nachzudenken braucht, mir aus der Seele geflossen sind. Denke an die Wohlthat, die ich durch das Schreiben mir selbst erwiesen habe <und> bewahre immer Deine unschätzbare Freundschaft
Deinem treuergebenen
B. Carneri

 
     
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