Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 22. November 1864
 
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Wildhaus 22. Nov. 1864.

Liebster und verehrtester Freund!

Vielleicht kommt's Dir doch schon etwas lange vor, daß meinem letzten Brief kein zweiter folgt? Nun, in kurzem ist es aus mit der Ruhe, die ich Dir gegönnt habe. Ein kleines Verdienst kommt mir dabei wol zu; denn ich hatte wirklich mir vorgenommen, Dir während der Zeit, die Du abwechselnd in Thurnamhart, Dornau und Deiner Gratzer Villa zubrachtest, mit keinem Brief zu kommen, und Dir die Zeit nicht zu verkürzen, die dem Landwirt und Bauherrn, der sonst noch soviel zu thun hat, übrig bleiben mochte, um manche, unzählige Male verschobene, erquickende Arbeit zur Hand zu nehmen. Dein allerliebster Theodorl, der jetzt wieder nur zu oft Dich wird entbehren müssen, fiel mir immer ein, so oft ich an Dich dachte. Dennoch glaube ich nicht, daß ich meinem Vorsatz treu geblieben wäre, wenn ich etwas mehr freie Zeit gehabt hätte. Es kam zwar keiner jener Fälle vor, in welchen ich mich an Dich wenden muß, und,

 
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wie ich Dich kenne, mir auch gar kein Gewissen draus mache, mich an Dich zu wenden. Allein so oft ich an Dich denke, möchte ich mit Dir reden, Dich um Deine Ansicht fragen; und da ist man gleich fertig mit dem Glauben, daß man zur Feder seine Zuflucht nehmen müsse. Der eigentliche Grund meines Schweigens war meine Gemeindevorsteherschaft, die mir zehnmal mehr Zeit nimmt, als ich gedacht hätte. Mehr davon ein ander Mal, und nur so viel für heute, daß ich eine wahre Freude daran habe, weil ich noch bei keiner Beschäftigung meines Lebens so sehr das Bewußtsein nützliches Wirkens gehabt habe. Auch bekommt die Vorstellung des Zeitraubens ein ganz anderes Antlitz, je mehr ich mir sagen muß, daß ich wirklich das zu sein habe und schließlich auch wirklich bin, wozu man mich gemacht hat. Und weil ich schon von mir rede, sage ich Dir gleich, daß die letzte recht hartnäckige Verschlimmerung meines Übels endlich nachzugeben beginnt, daß Louisi – unberufen – sich recht passable befindet, und auffallend zuni_mt,

 
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daß mein Max immer und unberufen derselbe brave, dicke Bub ist, und meine Fritzi auch immer braver wird und – unberufen – trotz eines leichten Kopfleidens, das aber seit fünf Wochen fast täglich sich einstellt und wie wir hoffen eine Art innerer Schnupfen ist, blühend aussieht, wie vielleicht noch nie. Die Landwirtschaft anlangend weiß ich nichts Interessantes außer der Weinlese; jedoch diese ist so interessant ausgefallen, daß ich am besten thue, wenn ich schweige. Hätte ich auch über den Traubenzucker schweigen sollen? Für den Fall, daß Du meinen Aufsatz im "Telegraph" nicht gesehen haben solltest, lege ich ihn bei, weil ich ihn mit ganzer Seele geschrieben habe, und gar zu gerne Deine Ansicht hören würde. Jetzt hast Du Zeit – bis nämlich die Finanzvorlage in Gang kommt, – jetzt, in der dumpfen Luft unseres Herrenhauses, die Du vielleicht bis in Deine Wohnung hinüber empfindest, muß ein meiniger Brief etwas Erfrischendes für Dich haben. Ich bin sehr schlecht auf die Herrenhäusler zu sprechen, die für schlecht, für unedel zu halten,

 
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ich sehr nahe daran bin. Wenn sie den Adel auch nicht für sich haben!?

Doch es ist Zeit, daß ich einmal zu einem Absatz komme. Die Absätze charakterisiren jeden Brief; sie zeigen die Länge der Gedankenketten, das nicht aufhören können, den Grad des Bedürfnisses zu schreiben. Bis jetzt war kein Punkt zum absetzen da. Selbst jetzt machte ich den Absatz gewaltsam, um nicht zu weit zu gehen. Ich bin noch immer beim ersten Gedanken, beim Gedanken, mit dem ich den Brief begann, beim: warum ich Dir jetzt schreibe. Ich hatte mir vorgenommen, bald nach Eröffnung des Reichsraths Dir zu schreiben. Und da kommt dazu, daß sie Dich nicht in's Adreß-Comité gewählt haben. Du wirst Dich freilich leicht trösten, wenn du denkst, wie sie bei der letzten Adresse Dich gemartert. Ich glaube gar, es wurden stylistische Abänderungen beantragt. Was mich kränkt, ist das Armuthszeugnis, das [durchgestrichen: sich] damit das Herrenhaus sich ausgestellt hat. Kein Adel, und arm auch noch! Was sind sie also die Herren? Clerical! Das ist das Wort.

Du lachst vielleicht laut auf über meinen Zorn; denn der Clerus hat Geld, und Du hast vielleicht selbst am energischesten protestirt gegen die Wahl in's Comité. Ich gehe aber doch über von Zorn, und werde ihn nicht los, bis Du sie wieder einmal niederdonnerst. Den Baron Münch beneide ich; wäre ich an seiner Stelle, so machte ich die Herren so fuchtig, daß im nächsten

 
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  Jahr Grf. Clam-Gallas die Adresse zu redigiren bekäme, wenn es auch nicht das Amt des Soldatens ist. – Doch nun lebe recht, recht wohl, mein hochverehrter Freund; von uns allen alles Erdenkliche, und behalte immer lieb Deinen treuergebenen B. Carneri  
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  Viel Liebes an Kellersperg, wenn Du ihn siehst. il propos! Du machtest mich auf Deiner letzten Adresse zum Truchsäß! Wieso?  
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Telegraph v. 8./11.64.

Eingesendet.

Zur Weinfrage.

Von Ritter B. v. Carneri.

"Pantschen" oder "nicht Pantschen", das ist die Frage.

Auch Marburg hat seine Frage, und sie ist eine Lebensfrage, denn sie betrifft den Wein, seine wichtigste Ertragsquelle. Theorie und Praxis, oder wenn man lieber will, Wissenschaft und Gewohnheit liegen in wenig erbaulicher Weise sich in den Haaren. Während die erstere interessante Beweise und bedeutende Autoritäten ins Feld führt, um einer neuen Erfindung Bahn zu brechen, poltert die letztere mit lauten, aber beweislosen Behauptungen und anerkennt als einzige Autorität die langjährige Erfahrung. Daß bei der Art, in welcher der Streit geführt wird, kein Austrag denkbar sei, ist das Einzige, was uns an dieser durch wechselseitige Erbitterung so sehr getrübten Sache bisher klar geworden ist. Die Industrie hat mittlerweile der Sache sich bemächtigt und bietet ihren Erdäpfelzucker so lockend als nur möglich aus, was um so bedenklicher ist, da sie sich auf ein Votum unserer landwirthschaftlichen Filiale stützen kann. Durch eine öffentliche, als "Eingesendet" in Nr. 132 des "C. f. U." erschienene Erklärung, deren Unterschriften sowohl der Zahl als dem Klang nach eine Unterschätzung des ihr inwohnenden Werthes nicht zulassen, erhält nun freilich jenes Votum, das durch seine widerspruchslose Einstimmigkeit nicht wenig überrascht hatte, den Anschein, als hätten die in der letzten Nachsitzung versammelten Landwirthe hauptsächlich durch die Neuheit eines ganz auf der Höhe der Zeit stehenden Vortrages über Chemie sich betäuben zu lassen. Wie dem auch sei, seltsam bleibt es für den ruhigen Beobachter, daß Herr F. Brandstätter nach einem so entschiedenen Siege plötzlich wie ganz verlassen dasteht; denn, daß all Diejenigen, welche schweigen, seine treuen Anhänger seien, läßt nicht leicht sich behaupten. Der Kampf erscheint uns nicht als abgeschlossen, sondern nur als abgebrochen; und da wir in jener öffentlichen Erklärung nichts sehen, als die Versicherung Einzelner, daß in ihre Keller kein anderes Wasser und kein anderer Zucker Eingang finde, als den die liebe Natur selbst, d. h. durch die grünen Adern der Rebe dem Traubensaft mittheilt, – so gestehen wir offen, daß nach unserer Ansicht der ebenso gelehrte, als von der innigsten Ueberzeugung und wärmsten Aufopferung zeigende Vortrag des geistvollen Besitzers von Rothwein eine eingehendere Entgegnung verdient hätte. Mit dem nackten Widerspruch ist Niemand geholfen. Die wichtigsten Erfindungen haben auf größere

 
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Schwierigkeiten gestoßen, als die Weinverbesserung und Vermehrung in Steiermark, und sind doch durchgedrungen.

Darum halten wir es für unsere Pflicht, ein paar Bedenken, deren Beatwortung die Klärung dieser Sache in hohem Grade fördern dürfte, mit aller Offenheit auszusprechen und nach Kräften zu begründen. Bevor wir aber dazu übergehen, müssen wir der Chemie im Allgemeinen einige Worte widmen. Bei aller hohen Achtung, welcher wir dieser Wissenschaft zollen, bedenken wir umumwunden, daß wir nicht zu ihren blinden Anbetern gehören. Für den Chemiker gibt es z. B. keinen oder nur einen unbedeutenden Unterschied zwischen der Steinkohle und dem Diamant; für uns ist der Unterschied ein sehr bedeutender. Es wird in neuerer Zeit eine künstliche Ledererlohe erzeugt, die für den Chemiker identisch ist mit der natürlichen; aber der Gerber kann sie nicht brauchen. Oder sollen wir an die blendenden Erfolge und an das raketenähnliche Verschwinden des Pepsin erinnern? Der Chemie gehört die anorganische Natur, in der sie Wunder wirkt; auf organischem Felde hat sie bislang blutwenig geleistet. Und hier wäre der Anknüpfungspunkt, um betreffs des fatalen Wortes "Pantschen" ins Reine zu kommen. Gewiß ist der Wein, strenggenommen, kein Naturprodukt. Aber dennoch unterscheiden wir zwischen echtem und unechtem Rebensaft. Das Zuthun der Menschenhand beim Pressen und Abziehen ist nur ein sammelndes, aufbewahrendes, das Verderben verhütendes, wir möchten sagen passives. Ein Strom ist nicht minder ein echter Strom, weil der Mensch durch einen Damm einen schwachen Punkt des Ufers befestigt und der Ueberschwemmung vorgebeugt hat. Dagegen ist die Zuthat von Wasser und anderweitig genommenem Zucker ein ganz aktiver Vorgang: jener Wein ist geworden, dieser ist von uns gemacht, jener ist echter Rebensaft, dieser nicht. Darauf wird uns freilich erwidert, mit dem Schwefeleinschlag betreten wir schon das Reich der Chemie. Jedoch erstens bezieht sich die Wirkung des Einschlags direkt aufs Faß, nicht auf den Inhalt desselben; zweitens muß man sehr wenig sich abgegeben haben mit der Natur der Dinge, um nicht zu wissen, daß Alles in einander greife, und daß man in der Natur nirgend einen materiellen Strich durchziehen kann, wie auf einer Rechentafel. Jeden-noch zu unterscheiden, ist eben Sache des Geistes. Die ganze Sprache besteht nur in einem Fixiren von strenggenommen unfixirbaren Begriffen, wie echt und unecht. Auf dem Auseinandersetzen beruht das Verständniß. Und Diejenigen, welche es für möglich halten, die Thätigkeit des Geistes auf chemischem Wege zu erklären, befinden sich auf einem Extrem genau wie die Verehrer ekstatischer

 
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Jungfrauen, welchen allerhand Wunder zugeschrieben werden. Die Extreme berühren sich und jene Zwei unterscheiden sich für den ruhig Denkenden, wie etwa Wahnwitz und Wahnsinn.

Sobald wir den Unterschied zwischen echtem und unechtem Rebensaft, Naturwein und künstlichem Weinscharf fassen, so können wir nicht einsehen, warum man von künstlichen Wein, wenn ihm schon Quellwasser und Erdäpfelzucker beigemischt werden dürfen, nicht auch einen Duft und Geschmack mittheilen sollte z. B. von Muskat. Wie weit es in diesem Stück die Chemie schon gebracht hat, ist jedem Kind von den Rock's and drops her bekannt. [darübergeschrieben: D]aß Herr F. Brandstätter hier auf halbem Wege stehen bleibt, und die Beigabe eines Bouquets oder Geschmacks als "Pantscherei" gelten läßt, scheint uns anzudeuten, daß er selbst vor den Konsequenzen seiner Theorie zurückschreckt. Daß nach den in Graz gemachten Erfahrungen eine Juri den echten vom unechten Wein nicht zu unterscheiden vermöge, ist ein schöner Triumph der Kunst; ob aber das konsumirende Publikum Grund habe, über diesen Triumph zu jubeln, ist eine Frage, die wir alsbald beantworten werden.

Vor allem glauben wir als durch die bisherigen Berechnungen und Versuche konstatirt annehmen zu dürfen, daß das Chaptalisiren, das bloße Versüßen und nicht zugleich Vermehren des Weines, zu kostspielig sei, um bei unseren Preisen einen sicheren Gewinn in Aussicht zu stellen. Dasselbe dürfte vom Gallisiren gelten, da die quantitative Zunahme nicht von Belang ist. Die Ausgabe ist bedeutend, und dem schlechten Jahre brauchte nur Ein gutes oder gar deren zwei zu folgen, und der theure Traubenzucker wäre verschwendet. Mit Begeisterung könnte die Spekulation nur auf's Petiotisiren sich werfen. Da winkt ein reicher Lohn, wie theuer auch der Traubenzucker sein mag; denn aus 40 Maß Wein macht man 120 Maß, und Steiermark könnte ohne die Zahl seiner Reben um eine einzige zu vermehren, seine Weinproduktion verdreifachen. Das läßt allerdings sich hören; und um die Aufgabe, die wir uns gestellt haben, nach Möglichkeit zu vereinfachen, wollen wir alle Berechnungen Petiot's, Babe's, Brandstätter's und ihrer Anhänger en bloc annehmen, und als ausgemacht voraussetzen, daß man mit verhältnismäßig sehr geringen Kosten aus Einem Startin drei machen könne, und daß eine Juri nicht nur den dritten Aufguß als einen recht guten Wein, sondern den zweiten Aufguß als besser, denn die vor demselben von der Presse gewonnene, ursprüngliche Gabe Gottes, anerkennen müsse, – selbst wenn besagte Juri an einem solchen Probetage mit diesen drei Sorten ihr süße Aufgabe beginnen sollte.

 
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  Dieß alles vorausgesetzt, und selbst vom "Pantschen", dem garstigen Worte, mit dem der gewöhnliche Men-  
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schenverstand die Vorstellung einer eckelhaften, oder zum Mindesten ungustiosen Manipulation verbindet, ganz absehend, fragen wir erstens: hat in der That der durch den ersten und zweiten Aufguß gewonnene Wein, d. h. haben der zweite und dritte Startin, als Wein, denselben Werth, der dem ersten blos aus Rebensaft gebildeten Startin eigen ist? – zweitens: ließe eine in kürzester Zeit erreichbare Verdreifachung der steiermärkischen Weinproduktion volkswirthschaftlich sich rechtfertigen?

Soviel uns bekannt ist, liegt der wahre Werth des Weines weder im Mangel an Säure, noch in der Süße, noch im Wohlgeschmack, noch im Bouquet, noch im Alkoholgehalt. Seit Jahren und Jahren versucht man aus verschiedenen Obstgattungen, Johannisbeeren, Stachelbeeren u. s. w. ein brauchbares Weinsurrogat zu erzeugen und die gelungensten Resultate haben den eigentlichen Zweck verfehlt. Der wahre Werth des Rebensaftes – wir halten uns hier an die Chemie – liegt in seinem natürlichen Gehalt an Phophorsäure, die allen andern Obstgattungen mangelt und künstlich keinem Getränk beigemischt werden kann, ohne es zu einem Gift zu machen. In der Phophorsäure soll das Erquickende, Belebende, wahrhaft Stärkende des edlen Rebensaftes liegen, der einen bis zur Erschöpfung geschwächten Kranken aufrecht erhaten kann und dem Arbeiter zu etwas Unersetzbaren geworden ist. Wir ersuchen Herrn F. Brandstätter zu berechnen, auf welches Minimum in seinem zweiten und dritten Startin die Phophorsäure reduzirt ist; denn weder das Quellwasser, noch der aus Erdäpfeln gewonnene Traubenzucker enthalten diese Säure. Daß die Chemiker, welche den Erdäpfelzucker Traubenzucker getauft haben, sich kein Gewissen daraus machen, auch unsern Wein zu taufen, finden wir natürlich; aber daß sie ungestraft einem Getränk Phosphorsäure beimischen können, haben wir noch nie gehört. Es gibt eben einen Punkt, selbst in physischen Dingen, über welchen die nach der [darübergeschrieben: P]alme der Allmacht strebende Chemie nicht hinauskann – das Natürliche im Gegensatz zum Künstlichen. Daher die knirschende Wuth über Hyrtl's Rede, die, wie verfehlt auch in der Form sie gewesen sein mag, diesen Nagel auf den Kopf getroffen hat. Der petiotisirte Wein ist kein Wein.

Vom volkswirthschaftlichen Standpunkt betrachtet, gibt es nichts Unklugeres, als die rücksichtslose Vermehrung eines Handelsartikels. Das hiebei allein Entscheidende ist das Verhältniß zwischen Nachfrage und Angebot. Kehren wir diesem obersten Grundsatz alles nationalen Wohlstandes den Rücken, so können wir nichts anderes erreichen, als eine totale Entwerthung unserer Waare. Wollte jeder Einzelne von uns Weinbauern, wie so mancher Industrielle, der die österreichische Industrie nur in seinem eigenen Etablissement sieht, an nichts denken, als an einen momentanen Gewinn, dann würde das Urtheil freilich egoistisch lauten. Allein die Offenheit, mit welcher Herr F. Brandstätter auftritt, spricht ihn ganz frei von jeder engherzigen Richtung. Darum sind wir überzeugt, daß er sich mit uns auf den allgemeinen rein volkswirthschaftlichen Standpunkt stellen wird. Von diesem aus nehmen wir keinen Anstand zu behaupten, daß Steiermark, besonders nach dem Fallen der ungarisch-kroatischen Grenze eher zu viel, als zu wenig Wein produzirt. Woran es uns gebricht, ist nicht der Wein, sondern der Absatz, und nach diesem letztern haben wir vor allem zu streben. An der Regierung ist's jene Bahnen zu erschließen, die mit dem Welthandel uns in Verbindung setzen, und dazu bedarf's vor allem eines Handelsministers, aber eines echten; und an uns ist's, für einen möglichst guten Wein zu sorgen, aber auch für einen echten, der uns Vertrauen und nachhaltigen Gewinn schafft. Man lache nicht über den "echten Handelsminister." Chemisch untersucht, waren alle unsere bisherigen Handelsminister echt; aber für den National-Oekonom mangelte ihnen allen jenes lebendige und belebende Etwas, das den wahrhaft Berufenen befähigt, seinen Platz auszufüllen.

Was man uns von Frankreich erzählt, paßt für heute noch nicht auf Oesterreich. Die französischen Weine sind Modesache geworden, und da kann man sich gar manches erlauben. Auch den Rheinweinen, die eines Weltruhmes sich erfreuen, und den österreichischen, deren Name weit und breit einen guten Klang hat, können die steiermärkischen nicht an die Stelle gestellt werden; was von jenen gilt, muß nicht von diesen gelten. Haben wir einmal außer Landes festen Fuß gefaßt, dann erst wird es an der Zeit sein, an eine energische Hebung der Weinproduktion zu denken, die übrigens mit der Hebung des Absatzes leicht Hand in Hand gehen wird. Daß, wer am Rhein keinen Bouteillenwein erschwingen kann, mit sehr miserabler Waare vorlieb nehmen muß, ist eine bekannte Sache, und wir bedürfen nur eines entsprechenden Handelsvertrages, um mit unsern ungekünstelten die dortigen gekünstelten Tischweine zu verdrängen. Daß übrigens z. B. selbst das Gallisiren auch in der nächsten Nähe des Rheins noch nicht allgemein oder wenigstens nicht ganz öffentlich betrieben wird, beweist zur Genüge der Umstand,

 
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daß erst kürzlich zu Bruchsal das großherzogliche Hofgericht zu einer Entscheidung vermocht wurde. Von einer ähnlichen Entscheidung des Petiotisirens haben wir noch nichts gehört, und halten wir auch eine solche, so lange die neuere Wissenschaft auf den im Naturwein enthaltenen Phophorsäuregehalt einen hohen Werth setzt, nicht für möglich. Den ersten und zweiten Aufguß als echt zu verkaufen, halten wir und mit uns gewiß auch Herr Brandstätter für absolut verwerflich, und da[von Hand ergänzt:,] wie bereits zwei Jury gezeigt haben, die Kostprobe nicht genügt, so würden wir mit dieser ganz übermäßigen Produktion anstatt des Absatzes Mißtrauen ernten. Zu unserem nicht geringen Erstaunen verwahrt sich Herr F. Brandstätter in seinem allerletzten Aufsatz Nr. 133 des "C f U." gegen "das Ansinnen", (in der Nachsitzung unserer Filiale) "irgend eine Weinverbesesserungsmethode empfohlen zu haben." Jener Sitzung wohnten wir leider nicht bei; aber die Auszüge aus seinem Vortrag, alle seine früheren Artikel und selbst den eben angeführten allerletzten[von Hand ergänzt:,] Seite 538, Spalte 2, Zeile 31 ff. würden auch wir für derlei Empfehlungen und zwar sehr energischer Art halten. Ist dem nicht so, so sind unsere Worte allein gegen die Auffassung gerichtet, die seinen Worten zu Theil geworden ist.

Betreffs des Chaptalisirens und Gallisirens, wie aller höheren Kellerwirthschaft, werden wir immer streng unterscheiden zwischen großen, leider bei uns noch nicht bestehenden Weinetablissements, in welchen die künstliche Weinverbesserung wissenschaftlich betrieben werden kann – und den Weinproduzenten im engeren Sinne, welchen wir, um unsere Meinung gefragt, vor allem Chaptalisiren, Gallisiren und Petiotisiren ernstlich abrathen würden, weil sie nach unserer Ueberzeugung am besten fahren, wenn sie durch Veredlung des Rebensazt[von Hand korrigiert: tz]es, sorgfältiges Pressen, gute Keller, reine Fässer und rationelles Abziehen echte Waare liefern, aus welcher dann der Manipulant machen kann, was er will, wogegen er bei jeder Unternehmung mit bereits künstlich zugerichteten Weinen Gefahr läuft, den gethanen Kauf zu bereuen. Daß eine allgemeine Anwendung des sogenannten Traubenzuckers uns um allen Kredit bringen wird und den Absatz nach Außen sehr erschweren, wo nicht gar unmöglich machen würde, halten wir für unbestreitbar und insofern könnte an dem erwähnten "Eingesendet" nur die unglückliche Form von einem Beitritt uns abhalten.

Und zum Schlusse etwas weniger Ernstes, wenn es gleich ein Protest ist im Namen der Deutschen, die Herr F. Brandstätter in seinem Vortrage, siehe "C. f. U." Nr. 127, als die Erfinder des Trinkens gewässerten Weines anzusehen scheint. Schon die alten Römer, zu einer Zeit, da über die Lippen der Germanen nur Gerstensaft gekommen war, wässerten beim Trinken den Wein, nicht aber zur Verminderung der Säure, sondern weil das merum bibere wegen seiner katzenjämmerlichen Folgen als schimpflich erachtet wurde.

 
   
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