Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 19. Juli 1864
 
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Wildhaus 19. Juli 1864.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Dein lieber, lieber Brief vom 11. Dieses hat mich wieder gefreut, wie nur ein Brief von Dir mich freuen kann. Habe dafür den wärmsten Dank. Und wenn ich ihn nicht detaillirt beantworte, wie es so sehr mir Bedürfnis wäre, so liegt der Grund allein in der eben angekommenen Flugschrift, die ich rasch nach allen Seiten versenden will. Was Du mir über Fröbel sagst, ist für mich vom höchsten Interesse. Dein warmes Lob, verbunden mit dem Zurückhalten eines bestimmten Urtheils, läßt mich vemuthen, daß Du eben beim "fehlerlosen" Rheinbund angelangt warst, und zu stutzen begannst. Dieß giebt mir die Hofnung, daß Du meinen Standpunkt theilst, was für mich von unendlichem Werth sein würde. Ob ich recht gethan, diesen Handschuh aufzuheben, ist freilich eine andere Frage. Doch da kann ich nur sagen ç'a été plus fort que moi. Einen Augenblick durchzuckte mich der Gedanke, Dir das Manuscript zu schicken, und Dich zu fragen, ob ich es zerreißen, oder nach Wien senden solle? Doch mein armer Vater sagte mir immer: Frage nie wen um Recht, wann du nicht fest entschlossen bist, ihn zu befolgen. Einen solchen Entschluß fühlte ich nicht in mir, am

 
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allermeisten in der Reinheit, die Dir gegenüber gefordert wäre. Zudem war die Sache für eine Zeitung nicht geeignet, obwol ich sie begonnen hatte mit der Absicht, sie für das Wochenblatt des Reformvereines zu schreiben. Und so ließ ich es darauf ankommen, ob mein Buchhändler sie verlegen oder verlegen werde? Ich hatte nach der mit dem Aufsatz zum Fürstentag gemachten Erfahrung fast gar keine Hofnung; darum schrieb ich Dir: "davon vielleicht nächstens mehr", – und war ich ganz überrascht, als ich statt aller Antwort, die Correcturbogen [durchgestrichen: 1 Wort] erhielt. – Nimm die kleine Arbeit – es ist ein Stück von meinem Herzen – mit der gewohnten Liebe auf. Deine Büste stand, als ich sie schrieb, noch nicht in meinem Zimmer, aber Dich hatte ich doch vor mir, und ich hoffe, daß Du – jetzt lachst du, ich aber nicht – daß Du nichts finden wirst, was Dich an die bewußte "Hochnasigkeit" erinnern wird. Jene Worte von Dir haben sich mir unauslöschlich in's Herz geschrieben. Ich vergleiche zwar immer die Presse mit einem Gedränge, in welchem man sich, wenn man sich schon hineinbegiebt, Rippenstöße <und> Fußtritte gefallen lassen muß. Ich selbst lasse mir da Manches sagen, wovon ich an einem andern Ort mir nicht den hundertsten Theil gefallen ließe; dennoch hatte ich in jenem Fall sehr

 
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Unrecht und bin ich noch immer nicht das Gefühl losgeworden, jenem Zerrissenen eine Satisfaction schuldig zu sein. Freilich hätte einem Fröbel gegenüber mir etwas Ähnliches nie passiren können, der ganz unbeschreiblich sympathisch auf mich wirkt; wenn aber trotz der Wärme, in die mich immer der Napoleonismus versetzt, die innige Hochschätzung <und> Bewunderung, die ich Fröbel zolle, ganz zum Ausdruck gelangt ist, so ist es zum Theil dein Werk. O, bleibe mir nur immer so gut!

Es war recht ungeschickt von mir, Dir nicht zu sagen, daß die Büste des unvergeßlichen Großpapa im besten Zustand angekommen ist. Ich hatte geglaubt, Du müßtest dieß schon in Gratz durch meine Schwiegermutter erfahren haben. Sie steht im Saal, auch sie ein Merkmal Deiner Liebe; nur wäre es sehr nothwendig, daß du nachsehest, ob sie vortheilhaft postirt ist!! – Dir und Deinem allerliebsten Theodorl meinen herzlichsten Dank für die freundliche Aufnahme des Beckstein – Louisi wollte mir ein Briefchen an die gute Großmama geben, der wir alle vielmals die Hände küssen. Doch geht's

 
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mit dem Schreiben noch immer nicht recht, obwol – unberufen – die Besserung dießmal eine minder langsame ist. Sie wollte selbst schreiben, daß Max Samstag seine Prüfung – zweites Semester – glücklich bestanden hat. 81/2 Stunden haben sie den armen Buben und zwar allein gemartert, doch er hat wieder durchaus Eminenz erhalten. Ich bin für Louisi, wie für Max, froh, daß es überstanden ist. Lousi hat sich übrigens dießmal weniger darausgemacht. Mir g'wohnt alls', mir sollt's nit glauben.

Du bist kürzlich recht naß geworden! Gottlob, hat es Dir nicht geschadet. O, das Wetter! Gestern habe ich zum ersten Mal wallnußgroße Hagelschlossen gesehen. Glücklicher Weise fielen sie hier nicht sehr dicht; aber in Tresternitz sollen sie mich hart getroffen haben. Sehr unnöthig!

Doch ich muß enden. Empfiehl mich besons der gnädigen Gräfin. Küsse mir Dein liebes Buberl, von uns allen alles Erdenkliche, und bleibe immer gut
Deinem dankbar ergebenen
B. Carneri

 
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  Trotz meines Strebens nach Correctheit findest du in der Flugschrift ein paar syntaxische Schnitzer, einen dummen Beistrich <und> S. 10 Z. 8 werkes statt zweckes. Ich habe mich sehr geärgert  
     
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