Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 8. Juli 1864
 
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Widhaus 8. Juli 1864.

Liebster und verehrtester Freund!

Gestern überbrachte mir meine Schwiegermutter Deine Büste, für die ich nicht genug Dir danken kann. Du hast mir damit eine große, große Freude gemacht für's ganze Leben; und ich gestehe Dir unumwunden, daß ich so eitel bin, in diesem Geschenk eine große Auszeichnung zu erblicken. Am liebsten hätte ich das mir so werthe Bild auf mein Pult gestellt; doch der Platz wäre nicht sehr sicher gewesen, und so befindest Du Dich auf meinem Schreibtisch, wo ich übrigens wieder oft schreiben kann. Meine Besserung schreitet womöglich langsamer als je, aber doch ununterbrochen vorwärts, und so sind, Gottlob, die Zeiten vorüber, in welchen ich nur stehend ein Stellung finden konnte, die mir das Schreiben ermöglichte. Und so sehe ich Dich nicht nur

 
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fast den ganzen Tag – das halb-en face der linken Seite ist sehr ähnlich – sondern werde zugleich immer an Deine Freundschaft erinnert, die zu dem Erhebendsten gehört, was mir das Leben bietet. Darum aus ganzer Seele den wärmsten Dank.

Ich habe die kurze Zeit, die ich hier bin, sehr viel ausgestanden. Meine einzig gute Louisi, die – lache mich nicht aus, wenn ich Dir gar zu eitel vorkomme – nächstens an Geduld mich selbst übertreffen wird, hat, da wir es am wenigsten erwarteten, in Folge einer sehr heftigen Halsentzündung, die mit einem furchtbaren Fieberanfall verbunden war, einen bedeutenden Rückschritt in ihrer Herstellung gemacht. Es geht, Gottlob und dreimal unberufen, wieder besser; aber ich kann das Gefühl eines windlweich Geprügelten noch immer nicht ganz loswerden. Louisi bittet Dich schönstens, sie bei der guten Großmama, der wir alle tausendmal die Hände küssen, zu entschuldigen,

 
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daß sie noch immer nicht gedankt hat für den so überaus lieben Brief und die Zeilen an Fritzi, über die das gute Mäderl ganz stolz ist. Mit dem Schreiben geht's wieder schwerer, und zu ein paar kaum leserlichen Zeilen kann sie sich nicht entschließen. Auch Max und Fritzi waren wiederholt unwohl, woran gewiß nur das abscheuliche Wetter Schuld ist. Allein es ist eine so ununterbrochene Kette von Pein und Bangen, daß mir das Jahr, in welchem mein Übel am ärgsten, meine Familie aber immer wohl war, im rosigsten Licht erscheint. Damals war auch meine Heiterkeit ganz untrübbar, und du kannst mir Glauben schenken, wenn ich Dir sage, daß ich mein Übel, nicht nur wie es jetzt ist, sondern in weit höherem Grade für mein ganzes übriges Leben übernehmen und freudig ertragen würde, wenn ich mir damit Gesundheit für Weib und Kinder[durchgestrichen: n] erkaufen könnte. Mir ist's noch nicht zuviel geworden, aber ich fange an, es sehr viel zu finden. Und wenn ich auch zugebe, daß der Herr Jedem nur soviel zu tragen giebt,

 
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als er eben ertragen kann, so kommt's mir doch oft vor, als sei es nicht klug, sich, wie ich bisher immer gethan, gar zu sehr auf's Ertragen einzurichten, umsomehr, wenn man dadurch auch seine Lieben mit in's Elend reißen sollte. Darum predige ich Louisi in neuester Zeit weit seltener Geduld; vielleicht aber wirkt mein selteneres Predigen verkehrt, und gewiß ist nur, daß es sehr schwer ist, Mensch zu sein.

Doch genug von meinen Leiden. Wie Du auch aus dem ganzen Brief sehen wirst, ist's mit der Trübung meiner Laune nicht so weit her. Dazu bin ich auch viel zu fleißig. Ich habe den 2. Theil von Fröbels Theorie der Politik ernstlich durchstudiert, wovon vielleicht ein ander Mal mehr, und stecke ganz in Mill, Roscher, Schulze-Delitzsch, Huber und Lasalle. Beckstein's Märchen habe ich Deinem allerliebsten Theodor, den ich innigst umarme, in Gratz versprochen. Solltest Du es für ihn passend finden, so wünsche ich nur, daß das Anhören dieser zauberhaften kleinen Geschichten ihm soviel Freude mache als meinen Kindern. An Dich und die gnädige Gräfin von uns allen Handküsse und alles erdenkliche Liebe. Für's Leben Dein dankbarer und
treu ergebener B. Carneri

 
     
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