Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Gratz, am 30. März 1864
 
  Seite 1 Zum Scan
 

Gratz 30. März 1864.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Wenn ich ein Egoist wäre, und mir nicht Dein Schmerz, die lieben Deinigen verlassen zu müssen, um in ein Meer von Plagen Dich zu stürzen, viel höher gelten würde, als die große Entbehrung, die mein so erfinderisches Schicksal mir wieder aufzuerlegen gewußt hat; so könnte ich diesen Brief kaum mit etwas anderem beginnen, als: endlich bist Du fort! Sprechen konnte ich Dich nicht, und kann Dir wenigstens wieder schreiben; denn auch das wagte ich nicht, solang Du hier warst. Und ich hatte so viel Dich zu fragen! Frau von Paolikowska hat sicherlich keine Ahnung von dem Raube, den sie an mir begangen hat, die halbe Stunde sich zueignend, von der ich nicht zweifeln kann, daß sie mir allein bestimmt gewesen war; würde sie aber auch eine Ahnung davon haben, noch weniger hätte sie für derlei ein Gewissen. Glaube ja nicht, daß ich scherze, mein verehrtester Freund. Ich bin sehr schlecht zu
 
  Seite 2 Zum Scan
 

sprechen auf meinen neuesten Gratzeraufenthalt, der mich, ohnehin halberwürgten, kaum zu Athem kommen läßt. Gegen die zahllosen Nadelstiche, die mich quälen, bedarf ich meines Spinoza, den ich glücklicherweise bei mir habe, weit mehr, als in der schlechtesten Zeit meines langwierigen Übels. Und es sind Nadelstiche, die mitunter recht tief gehen: diese Spitzln, Röthln oder Grasln sind eine Kinderei, aber Louisi, bei der zu viel zusammentraf, war sehr übel, und ihre Erholung ist wieder mehr hinausgeschoben. Eine Widerwärtigkeit drängt die andere, und der einzige Strahl, der diese Tage mir hätte erhellen können, mußte mir verhüllt bleiben.

Zu deinen lieben, lieben Abschiedszeilen, für die ich nicht genug Dir danken kann, sprichst Du von einem baldigen Wiedersehen. Gebe es der Himmel! doch vermag ich nicht sehr, es zu hoffen; denn sobald unser Landtag die wichtigsten Arbeiten hinter sich hat, gedenke ich mich aus dem Staub zu machen. Es ist etwas Schlechtes in der Luft, und dieses Haus bietet
 
  Seite 3 Zum Scan
 

gegen die Luft wenig Schutz. Kein Fenster, keine Thür schließt, und zur freien Luft verhält sich die Zugluft, wie zum offenen Manneswort  die heimtückische medisance des Verräthers. Louisi und Max sind kaum vom Ausschlag geheilt, und ein tüchtiger Katarrh kommt über sie; selbst ich habe eine Art Halsentzündung, was bei mir fast nicht vorkommt. Aber zwischen der Mauer und den Fensterstöcken bläst's ganz närrisch herein. Ich würde nicht damit dich langweilen, wenn Du nicht im Begriff ständest, ein Haus zu bauen. Alles wird daran brillant, wie Keinem, Dir gelingen; nur betreff des Holzes ist mir bang. Und hast Du die Tischler- und Zimmermanns-Arbeit nicht schon accordirt – ich denke nur an Dippelböden, Thüren und Fenster – so möchte ich Dir rathen, das Holz selber zu besorgen. Die Mehrauslage, die es verursachen könnte, kommt bei Dir nicht in Betracht, und würde überdieß durch [ergänzt: die] Dauerhaftig[ergänzt: keit] der Arbeit mehr als hereingebracht. Oder sollte es Dir nicht möglich[durchgestrichen: t] sein, dir Holz zu verschaffen, da[ergänzt: s, durchgestrichen: ß] nicht nur zur rechten Zeit geschlagen, und gehörig trocken

 
  Seite 4 Zum Scan
 

ist, sondern auch am Stamm die nöthige Reife erlangt hat? Heut zu Tage werden im günstigsten Fall die ersteren zwei Bedingungen erfüllt, während die letztere womöglich noch wichtiger ist, weil das nicht Zusammenspringen des Holzes größtentheils von der Feinheit der Jahre abhangt. Ich wünsche Dir Holz, so trocken wie diese Dissertation, die ich Dich zu entschuldigen bitte, mit der Lebhaftigkeit meines Wunsches, daß du über das neue Haus eine rechte Freude habest. Zudem will ich Dich dießmal gänzlich mit hoher und niederer Politik verschonen, damit diese Zeilen, [ergänzt: Dir,] obwol ich ganz guter Laune bin, dir keine heiteren Dinge mittheilen, wenigstens dich ablenken von den Mühen des Landtagwerks.

Den 1. April.

Ich bin gestern unterbrochen worden; wol nicht zu Deinem Unglück. Ich erinnere mich genau, daß ich durch das Wort Landtag zu einer Schilderung unserer Zustände mich verleiten lassen wollte. Und nur keine Zustände, nichtwahr? Heute habe keine Zeit, und vor diesen Zuständen bist Du gerettet. Bei Dir ist – unberufen – alles wohl, und hoffentlich wir bald auch an Dir alles wohl sein.

Von uns allen alles erdenkliche Liebe. Lebe wohl, recht wohl, und bleibe immer so gut
Deinem
treuergebenen
B. Carneri

 
     
  Zurück zu den Briefen Zurück zu Anastasius Grün Zurück zu den Projekten