Briefausschnitt  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 7. Dezember 1863
 
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Wildhaus 7. Dez. 1863.

Liebster und verehrtester Freund!

Du staunst vielleicht doch, daß ich solange nicht geschrieben habe; und das um so mehr, weil ich noch einen Brief zu beantworten hatte, den lieben, lieben Brief, der mir sagte, wie freundlich der bewußte Separatabdruck von Dir aufgenommen worden war. Es vergeht wol kein Tag, an dem es mich nicht drängte, mich an Dich zu wenden, und vier Briefe habe ich bego_nen, in welchen ich nur mein Herz ausschütten wollte, bei welchen ich aber jedes Mal in Fragen hineingerieth, die eine ungesunde Beantwortung zwar nicht ausdrücklich, aber nur zu verständlich verlangten. Dieß war selbst der Fall in Einem, in welchem ich nur meine tiefe Freude über die brillante Replik aussprechen wollte, mit der Du die wahre Auffassung der Budgetfrage im Herrenhause zur Geltung brachtest; auch dieser Brief mußte in's Feuer wandern. Bei Deiner entsetzlichen Überbürdung mit Geschäften könnte ich Dir doch einmal lästig werden,
 
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und dieser Gedanke genügt, um mir die Feder aus der Hand fallen zu machen.

Den 8.

Dieser Brief hätte gestern fertig werden und nach Marburg kommen sollen, weil ich dachte, daß Du mir am Feiertag leichter eine Stunde schenken könnest. Auch wäre er da nur vier Seiten lang geworden. Eine sehr widerwärtige Unterbrechung macht, daß er erst morgen abgeht und vielleicht um das Doppelte länger wird. Die Schuld ist nicht ganz mein, und sähest Du, wie übervoll mein Herz ist, so würdest Du mich ganz entschuldigen. Sollte mir übrigens ein Fragezeichen auskommen, so betrachte es als ein Ausrufungszeichen. Die Landtage werden am 14. Jänner eröffnet und – si nil [durchgestrichen: 1 Wort] humani acciderit – bin ich am 4–5. schon in Gratz. Nichtwahr, da schenkst Du mir ein paar ganze Stunden?

Da Du in Wien sehr leicht verhindert worden sein kannst, täglich die "Gratzerzeitung" zu lesen, so kann ich der Versuchung nicht widerstehen, dir drei Nummern davon beizulegen. Meine Anschauung der Congreßrede
 
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besitze ich in diesem Augenblick nicht. Dagegen erhälst Du meine zwei Artikel gegen die "Tagespost" und: Schleswig und die Reform. Mein erstes Werk gegen die "Tagespost" wurde mir durch einen gar zu niederträchtigen Angriff auf Krinz völlig entrissen, und Svoboda antwortete mir so plump, und ich fühlte mich – einen solchen Gegner gegenüber kann ich' ohne Eitelkeit sagen – ihm sosehr überlegen, daß ich alles Ernstes an eine Polemik dachte, die ihm als Redacteur der "Tagespost" hätte unmöglich machen sollen, wobei mir die Ho[durchgestrichen: f]fnung vorschwebte, Martini wieder an der Spitze dieses durch ganz Steiermark verbreiteten Blattes zu sehen. Mein erster Angriff hatte tüchtig gewirkt, und obwol ich alle nöthige Aneiferung in mir selbst trug, ward mir eine solche, und war in ganz unerwarteter Fülle auch von außen zu Theil. Nicht bloß von Freunden, von mir ganz fremden Personen erhielt ich sehr erfreuliche Zuschriften. Der alte Baron Waasberg, den ich nie gesehen habe, schrieb mir einen langen

 
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von deutschem Patriotismus glühenden Brief, in der Besorgnis, ich könne durch die albernen Gemeinheiten Svoboda's zum Schweigen mich verleiten lassen. Nichts lag mir ferner, und meine Replik, die schon am 12. Nov. in Gratz war, wäre sehr rasch erschienen. Da trat Martini's Landtagscanditur dazwischen, und aus leicht begreiflichen Gründen kam mein Aufsatz so spät und nur als "Eingesendet" in die Zeitung. Mit der heutigen Post erwarte ich mir eine Antwort; denn das Liegt schon!- wobei Einem nur ein Hase einfallen kann, muß jedem Mann durch und durch gehen. Wenn auch die Verspätung und die Überschrift: "Eingesendet", für manche Leute Gründe sein können, um nicht umgehend antworten zu müssen, so hätte ungesäumt eine ablehnende Erklärung erscheinen sollen. Ein gänzliches Schweigen würde andeuten, daß die Dummheit sich selbst erkannt habe, und da dieß, besonders in solcher Raschheit auftretend, Eines der seltensten Phänomene ist, so kann

 
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ich noch immer nicht daran glauben, zumal der Herr Redacteur der Montagsmuße bedurft haben möchte. Doch genug davon.

Mit etwas weniger Sicherheit trete ich Dir mit meiner: Schleswig und die Reform, – entgegen. Ich kann Deine makellose Correctheit bei Prinzipienfragen, und wenn Du mir da zurufen solltest: Vertrag ist Vertrag! – so würde es mich rein niederschmettern. Wüßte ich Dich nur um Einen Gedanken weniger überbürdet mit Arbeiten, so hätte ich Dir den Aufsatz früher eingesendet, und Dich um ein Imprimatur gebeten haben. Übrigens würde dieß nur mein Schweigen zur Folge gehabt haben, und mein Reden hat geringen Werth – das Bitterste wäre, daß jener Aufsatz nur der getreueste Ausdruck meines Denkens und Fühlens ist, und um mich zu bekehren bedürfte es einer längeren Unterredung. Ich muß mich auf Gratz vertrösten, und Du, gütigster Freund, nimm mich heute, wie ich aber nicht anders in meiner Einsamkeit sein kann.

Daß meinem Wesen nichts fremder ist, als ein Rech-
 
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bauer'sches Haschen auf Popularität, [ergänzt: weißt Du wol. ] Wäre ich für Dänemark, nichts könnte mich abhalten, es offen zu sagen. Zudem [durchgestrichen: ist, ergänzt: gilt] mir ein Vertrag etwas viel zu heilig, [durchgestrichen: 2 Worte, ergänzt: als daß ich] gewisse diplomatische Abmachungen, die schon so gemodelt werden, daß man sie jeden Augenblick ummodeln könne, ächten Verträgen gleichzustellen. Krinz hat mir aus der Seele gesprochen. Nur in Einem Punkt theile ich nicht seine Gewißheit. Er hält das Recht Dänemark für unwiderruflich verfallen. Ich hätte vor des Königs Tod das Project Tscherning's und Finecke-Blixen's (drei Landtage und ein Reichsrath nach österreichischem Muster) für vereinbar gehalten mit den Forderungen Deutschlands. Und wenn der Däne in der zwölften Stunde darauf einginge? Da könnte ich schwanken, und nur daß ich gar nicht glaube an seine Ehrlichkeit, hält mich fest. Dürfen wir, so oft gekämpft, noch einmal uns täuschen lassen? Um den König handelt sich's nicht, es entscheidet der Däne selbst, und den kennen wir. Darum wünsche ich nichts mehr, [ergänzt: als] daß die Dänen auf der neuesten Anschauung vom Kriegsfall beharren; die Gott strafen will, die schlägt er mit Blindheit; und Strafe verdienen sie.

Daß dabei die deutsche Reformfrage [durchgestrichen: 1 Wort, ergänzt: beim] entscheidenden aut-
 
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aut angelangt sei, ist meine innerste Überzeugung. Dieß gehört freilich nicht zur Giltigkeit oder Ungiltigkeit jenes Vertrags und unzählige Male zog ich Dein mir so überaus werthes Schreiben vom 18. Sept. (directe oder indirecte Wahlen zum Bund) zu Rathe; denn ich fühle eine Analogie heraus, die mir immer wieder entschwindet. Hier ist nicht viel, nicht sehr viel, hier ist alles auf dem Spiel. Wird da die flüchtige Nützlichkeit nicht zur starresten Nothwendigkeit? Wann sich's um Deutschlands Sein oder Nicht-Sein handelt – und Ehre oder Schmach sind auch Sein oder Nicht-Sein, dann giebt's für mich die ganze übrige Welt nicht mehr. Und sollen nur jene Verträge Geltung haben, die zu Österreichs oder Deutschlands Schaden geschlossen wurden, dann sind alle Verträge falsch, und heraus mit dem Schwert, bis es zu einem neuen Frieden kommt, der neue Verträge schafft, die nicht allein von Diplomaten geschlossen werden ohne alle Rücksicht auf das Wohl und Wehe der Völker. Vielleicht gelingt's unter Mitwirkung der Völker, ächte Verträge zu schaffen.

Kann Nürnberg etwas Dauerndes anbahnen? An eine Versöhnung der Kleindeutschen mit den Großdeutschen glaube ich nicht. Zwischen Ja und Nein giebt's kein Binde-
 
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glied. Aber die jetzige Vereinigung begrüße ich mit Enthusiasmus. So Gott will, naht die Zeit, in welcher der Deutsche das ist, um was ich so oft den Franzosen beneidet habe – Ein Mann nach Außen, wie wir es nur Ein Mal waren – bei Leipzig.

Mündlich, denn sonst mußt Du noch einen Bogen lesen, werde ich Dir ein miserables Marburger Histörchen erzählen, wo ich versucht habe, und noch versuche ein Comité zur Unterstützung der Beamten, Professoren f. in Schleswig-Holstein zu Stande zu bringen. Du siehst, ich stecke ganz drin. Ich bin aber auch Mitglied des deutschen Reformvereins und glaube noch immer an die Reformacte.

Und jetzt ist mir leichter um's Herz, und schon aus diesem Grund kannst Du mir die Länge dieses Brief trotz dem Finanzcomité nicht verargen, nichtwahr?

Den 9. –

In der "Tagespost" nichts. – Nimm diesen langen Wisch mit der gewohnten Güte auf, und laß Dir all die Meinen herzlichst empfohlen sein. Behalte mich lieb, mein verehrtester Freund, behalte immer lieb
Deinen treuergebenen
B. Carneri

 
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  Geschrieben habe ich gestern wie ein junger Hund. Louisi hatte abscheuliche Kopfschmerzen, und ich ging immer ab und zu. Heute ist's, Gottlob, wieder gut. Lebe recht wohl.  
     
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