Geprägtes Wappen  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 15. September 1863
 
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Wildhaus 15. Sept. 1863.

Liebster und verehrtester Freund!

Heute bin ich einmal etwas niedergeschmettert; ich kann sagen niedergeschmettert, wie ich es noch niemals gewesen bin. Was immer mir geschah, ich fühlte immer meine Kraft ungebrochen, ja ich fühlte immer, daß sie gar nicht brechen könne. Heute habe ich nur das Gefühl meiner totalsten Ohnmacht.

Ich kann für mein Vaterland gar nichts thun!

Laß mich in diesem abscheulichsten Moment meines Lebens an Dein Herz fliegen. Du verstehst mich gewiß. Höre mich geduldig an, und wenn ich Dich vielleicht – ich weiß es noch selber nicht – um etwas bitte, das du nicht leicht thun kannst, oder für "besser nicht gethan" hälst, so sieh' es nicht an als eine Bitte, sondern als einen ganz unvernünftigen Schmerzensschrei, der mir halt auch einmal
 
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entronnen ist.

Vor Einer Stunde habe ich die beiliegende Flugschrift von der Tendler'schen Buchhandlung zurückerhalten. Die Antwort lege ich bei. Der Schlag war für mich doppelt hart, weil ich mich in den Gedanken hinein gelebt hatte, zwar nur auf recht schönes Bitten, aber doch immer einen Verleger zu finden. Damit ist's aus, und für immer. Fromme hat Recht: mit der Broschürenliteratur ist's vorbei. Hauptsächlich ist's aber damit vorbei, weil die Tageslit[durchgestrichen: t]eratur sie todtgeschwiegen hat. Keine Zeitung bespricht eine Broschüre, und ich kann mir nicht helfen, der Hauptgrund ist ganz gemeiner Brodneid; sie wollen die ganze Politik sich zueignen. Zuletzt werden wir "keine freie Presse" mehr haben, sondern nur mehr "ein Preßgewerbe" für Journale.

Auch ich habe mich einmal düpiren lassen, und glaubte, durch eine freie Presse finde
 
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die Regierung unbezahlte Federn, die sie schützen. Von Tausenden wagt's Einer, und dieser Eine wird dann mit Koth beworfen. Und weil es unter diesen hin und wieder Einen giebt, der selbst den Koth hinnimmt für's Vaterland, so wird ihm die Theilnahme an der freien Presse unmöglich gemacht. Die Artikel im "Botschafter": Fürsten <und> Völker, – schrieb ich gleich Krinz zu; den Ausdruck: Haupteinpeitscher, den vor ein paar Tagen die "Tagespost" für Krinz erfand, setzt mir die Sache außer allen Zweifel. Aber der glückliche Krinz kann [durchgestrichen: s] reden; das werde ich nie können, und so werde ich gar nie etwas thun können für mein

 
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Vaterland. Als ich den Aufruf Krinz's an die Abgeordneten las, jubelte mir das Herz. Ich überging eben meine Flugschrift, und freute mich darauf, Krinz unbekannter Weise (lache bei diesem dummen Ausdruck) ein Exemplar zu schicken. Krinz fordert auf, nur den Namen herzugeben; – ich gäbe das letzte Blut her, aber ich bring's nicht an. Mit Gusto ließe ich mich todtschlagen für jede Zeile dieser Flugschrift; aber die Leute sagen; wozu sollten wir diesen uns ganz unschädlichen Herren todtschlagen? Hätte ich nicht Weib und Kinder, so würde ich ein Journal herausgeben, und damit zu Grund gehen. So kann ich das Einzige, was

 
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ich noch könnte, – auch nicht. Und was vom Schicksal besonders grausam ist, ist, mich gerade beim Fürstentag hinausgeworfen zu haben – bei einem Traum, den ich seit Jahren verfolge. In meinem: Neuösterreich, – S. 34 unten findest du sogar den Namen: Fürstentag. Daß ich in der beiliegenden Flugschrift, keine Erwähnung davon mache, wirst Du begreifen, weil Du mich kennst. Heute weiß auch kein Mensch etwas davon; macht aber die Sache Fiasko, dann dürfte es schon bei Gelegenheit von mir heißen: Ist auch Einer jener großen Politiker, die zum Fürstentag gerathen haben!

Aber, so Gott will, wird er nicht Fiasko
 
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machen. Hat er aber sonst nichts gethan, als den Riß mitten durch den Französisch-deutschen d.h. preußischen Handelsvertrag, so werde ich ihn immer segnen. Und wenn er sonst nichts geleistet hat, so ist es die Schuld der Presse, aber weit mehr der Kleinen, als der Großen. Hast du's in der "Tagespost" gelesen, "daß wenn die Fürsten die Beschlüsse des Abgeordnetentages nicht berücksichtigen, so werde die öffentliche Meinung sich auf Preußens Seite schlagen" <und> "daß wegen einer Grille, wie die indirecten Wahlen Eine sind u.s.f."? Und ich muß schweigen!

Nein, ich bitte Dich doch, wenn es durch Deine Vermittelung möglich wäre, diese Schrift, die aus einem gescheidtern Kopf, aber aus keinem patriotischeren Herzen kommen kann, erscheinen zu lassen, thue etwas dafür. Wenn es durchaus nicht geht als Broschüre, vielleicht in einem Journal. Vielleicht doch noch im "Botschafter". Vielleicht in der
 
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  "Ost-deutschen Post", - glücklicher Weise nenne ich Rechberg nicht. Vielleicht in einer Wochenschrift. Ist's mehr, daß Kolakschecks "Stimmen der Zeit" als Monatsschrift erscheinen? Aber die Sache hat Eile. Du kennst Krinz persönlich. [durchgestrichen: Ehr] Er verehrt dich, wie ganz Österreich dich verehren sollte. Vielleicht kannst du ihm die ganze Bescherung schicken, <und> diesen Brief dazu. Ich ermächtige jeden Redacteur, an jedem ihm anstößigen Satze jede beliebige Anmerkung zu machen. Bist du dafür, so gieb die Geschichte Martini für die "Gratzerzeitung", Was liegt mir an gewissen Leuten? Sobald ich meinen Namen daruntersetze, gehört die Sache ganz mir. Will Martini den fertigen Satz zu einem Separatabdruck benützen, so verpflichte ich mich zur Abnahme von 100 Exemplaren. Mehr kann ich nicht; denn ich habe gerade jetzt nicht 10 eigene Gulden in Cassa. Nur dennoch würde ich die Flugschrift auf meine Kosten drucken lassen,  
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wenn ich nicht wüßte, daß dann der nominelle Verleger nichts thut für die Verbreitung. Für ein paar Bekannte schreibe ich nicht. Aber zufrieden bin ich, wenn ich wenigstens auf Steiermark wirke. Ich weiß, daß, wenn Martini noch die "Tagespost" redigierte, Marburg dem Kaiser eine Adresse votiert hätte, und vielleicht auch Gratz. Gestern war ein Bekannter aus Marburg bei mir, und als ich ihn fragte, was man in Marburg vom Fürstentag denke, sagte er, "daß ohne directe Wahlen das Ganze eine Alfanzorie sei". Und endlich habe ich das Gefühl der Fahnenflüchtigkeit, wenn ich in dieser Sache schweige.

Aber vor Dir werde ich's wenigstens nicht haben, und wenn Du mir nichts thun kannst, als mir Eine Stunde zu schenken <und> die Zeilen zu lesen, die ich mit meinem Hals, meiner dummen Hand mit einer Aufopferung geschrieben habe, die eines besten Erfolges werth gewesen wäre, so thust Du mir einen unschätzbaren Freundesdienst. Ist's nichts, so schicke mir die Besserung gütigst zurück, daß ich sie noch einen Freund zu lesen geben könne, um sie dann zu begraben. Mache dir nichts aus meinem Schmerz; Einestheils freut er mich; ich hatte
 
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  schon geglaubt, ich sei eines tieferen Schmerzes gar nicht fähig. Entschuldige die Eile meiner Schrift. Mein Kutscher muß morgen in aller Frühe nach Marburg. Meine Handküsse. das Herzlichste von den Meinen, <und> für's Leben Dein treuergebener B. Carneri  
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  Wegen Maxico thut's mir auch sehr leid; nicht daß ich gehofft hätte, ihn abzuhalten; aber damit es nicht heiße: nur die radicalen Blätter drucken so. Gelesen hätte er's, <und> hätte auch erfahren, daß ich, wenn auch nicht "vaterländisch" doch ganz dick conservativ bin.  
     
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