Geprägtes Wappen  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 19. August 1863
 
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Wildhaus 19. August 1863.

Liebster und verehrtester Freund!

Dein lieber, lieber letzter Brief ist vom 14. v. M.! Meine Bescheidenheit hätte nicht genügt, meinen Dank, der, weiß Gott, nicht inniger sein könnte, solang zurückzuhalten, und, wie Du übrigens schon weißt, gebührt das Verdienst an der Ruhe, die ich Dir gelassen, einzig einem abscheulichen Schmerz im Handgelenk, den ich mir vielleicht durch eine nicht einmal bemerkte Verrenkung zugezogen, und der durch einige Zeit das Schreiben mir fast unmöglich machte.

Für die Freundlichkeit, mit welcher Du meine Bemerkungen über den "Pfaff vom Kahlenberg" aufgenommen hast, finde ich keine Worte, und wenn etwas meine Verehrung für Dich zu steigern ver-
 
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möchte, so wäre es Deine Haltung der Kritik gegenüber, die dadurch mir noch kleiner erscheint und noch tiefer unter Dir, an den sie sich wagt mit einem Dutzendmaß. Glaube ja nicht, mein theuerster Freund, daß meine Erbitterung gegen die Kritiker ihren Grund habe in Mißhandlungen, die mir widerfahren sind. Bei der Mittelmäßigkeit sind die Herren ganz zu Hause, und wenn etwas für mich bitter sein könnte, so wäre es nur meine Erkenntnis, daß, ein paar gar nicht zur Sache gehörende  Persönlichkeiten abgerechnet, gerade jene Herren, auf die ich nicht viel halte, in ihrem vollsten Recht waren, so oft sie mich recht gerüppelt haben. Dieß gehört auf ein anderes Blatt, das nichts enthalten darf, als meine lebenswahren Züge, wie sie eben

 
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selber sich bei der Nase nehmen.

Was Du mir über Dein Verhältnis zum Herrenhaus sagst, freut mich unendlich, und, daß Du zum Finanzkomité gehören wirst, beruhigt mich vollkommen. Möchte nur die freie Zeit, Dir recht gut angeschlagen haben! Gottlob, war das Unwohlsein Deines allerliebsten kleinen Theodor ohne alle Bedeutung und von kurzer Dauer. In meiner lebhaftesten Freude erhielt ich durch meine Schwiegermutter ungesäumt die Nachricht von der Besserung und gänzlichen Herstellung des lieben Kindes. Gott erhalte Dir's immer frisch und gesund!

Dieser Tage habe ich meinen Buben ein großes Opfer gebracht. Ich habe einen Lehrer in's Haus genommen, und damit der Vertraulichkeit unseres Frühstückens, Mittagspause u.s.w. den Todesstoß versetzt. Aber
 
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es mußte sein, und Max ist glücklicherweise so weit, daß er – es handelt sich nur mehr um gewisse formale Eigenheiten des jetzigen Systems – in wenig Wochen die Prüfungen der Normalschulen machen, und mit dem neuen Schuljahr, wenn auch vor der Hand nur als Privatist, in's Gymnasium eintreten kann.

Der 21.

Gestern hatte ich eben die Feder zur Hand genommen, um diesen Brief zu schließen, da erschien Fritz, von Wurmberg kommend, und unterbrach einen Familienherzenserguß, der nur zu leicht hätte in's Langweilige übergehen können.

Daß ich nun mit der halben Seele und noch etwas davon in Frankfurt stecke, kannst Du Dir wol denken. Es ist der Plan zur Ausführung gekommen, den ich seit Jahren im Herzen trage,
 
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und die Energie, mit welcher der Kaiser die Sache der Reform zu der seinigen machte, seine Rede, sein Toast, die Aufnahme des Verfassungsentwurfes bei den versammelten Fürsten, den Leitartikel in Nr. 226 der "Presse", durch den Millionen Österreicher für die kaiserliche That gewonnen werden, dieß alles zwingt mich, meinen Brief zu schließen: das Herz ist zu voll, und ich könnte nur über einen Gegenstand reden, bei dem ich kein Ende zu finden, über den ich folglich nur zu faseln vermöchte.

Erlaube mir, die mitfolgende "Innzeitung" Dir recht warm an's Herz zu legen; ich bin heute so glücklich, daß ich mir gar nichts daraus mache, nicht einmal für solche Momente in Steiermark ein Blatt zu haben, in dem ich meinen Gefühlen Luft machen könnte.

Von uns allen alles erdenkliche Liebe, Gute <und> Schöne an Dich <und> die lieben Deinen, und insbesondere von mir die ergebensten Handküsse an die liebenswürdige Tante, wie an die gütige Großmama.

Nochmals den heißesten Dank für Deinen lieben lieben Brief! Behalte mich immer so lieb und sei
 
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der hingebensten Verehrung <und< Anhänglichkeit versichert
Deines
treuergebenen
B. Carneri

 
     
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