Geprägtes Wappen  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 5. Juni 1863
 
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Wildhaus 5. Juni 1863.

Liebster und verehrtester Freund!

Länger geht's nicht. Wenn Dir aber vorkommt, daß ich Dich doch noch einige Zeit hätte in Ruhe lassen können, so kann ich Dir nur sagen, daß ich seit Deinem Hiersein einen ununterbrochenen Kampf bestehe. Hätte ich meinem Bedürfnis gefolgt, so würdest Du noch in Wien einen Brief erhalten haben. Du trägst übrigens die ganze Schuld. Kommt man sonst mit Jemand zusammen, den man längere Zeit nicht gesehen hat, so spricht man sich aus, und ist man auf einige Zeit befriedigt. Seit Du fort bist, habe ich das Gefühl, ich müsse immer in deiner Nähe sein. Sterbliche nehmen nur, Unsterbliche geben nur; und Du hast mir unendlich viel gegeben, und nur Durst nach ewig mehr. Und eben daß mein Herz so übervoll ist, war bisher Deine Rettung. Ich konnte nicht anfangen, wie ich nicht hätte enden können, und das Resultat meines Kampfes ist die Überzeugung, daß ich auf den Ausdruck dessen, was mich zutiefst bewegt, verzichten muß. Du hast mir's angethan, und dafür giebt's kein Wort. Den Brief, der seit Wochen über Deinem Haupte schwebt, bekommst Du daher gar nicht. Ich will es nicht einmal versuchen, Dir ganz allgemein zu danken für den unvergeßlichen Tag, den Du mir geschenkt hast. Es war etwas, das ich mit nichts früher Erleb-
 
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tem nur im Entferntesten vergleichen könnte, und daß ich nicht entweihen mag durch Ausdrücke, die ich schon zu oft mißbraucht habe, und welche Dir doch einsagen würden, wie unendlich lieb Du mir gewesen bist.

Eben war ich im Begriff das bisher Geschriebene zu zerreißen wegen des Anfangs. Bei jenem: Länger geht es nicht, – ertappte ich mich wie bei einer Absicht, doch einen Versuch zu machen. Lege es aus, wie du willst. Wollte ich den Brief wieder beginnen, so hätte ich etwas Bestimmtes vor, und bei Briefen, bei welchen ich mir wohl geschehen lassen will, nehme ich mir nie etwas vor, und lasse mich schreiben. Daß ich nicht länger schweigen konnte, hat seine vollste Richtigkeit, und daß alles, was ich verschweigen muß und was ungeschrieben diesen Brief begleitet, hin und wieder zum Durchbruch zu kommen suchen wird, ist beim besten Willen unvermeidlich. Wovon das Herz voll ist, muß zuletzt der Mund übergehen.

So muß ich gleich wieder auf Dein Hiersein zurück kommen. Mit Dir hat einen neue Zeit begonnen. Seit jenem Tage gehe ich aus, und bringe Stunden und Stunden im Freien zu. Ich kann wirklich etwas spaziren gehen und nach einer zweijährigen Trennung gehört der Meierhof wieder zu meiner Wohnung. Als ich nach so langer Zeit das erste Mal unten war,
 
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konnte ich mich gar nicht trennen; es hat meinem Herzen wohlgethan, meine großen Ochsen wieder in nächster Nähe zu sehen, und ich konnte ohne den geringsten Neid an den Preußenkönig denken. Schon zweifle ich nicht mehr, ganz ordentlich Draubäder brauchen zu können, und da dürfte ich bis zum Herbst wieder auf die ursprünglichen Unebenheiten reducirt sein. Das einzige Fatale ist, daß mir das Draußensein nicht gar so angenehm ist, als Manche glauben. Erstens ist es eine Freiheit mit Ketten, zweitens gehen mir die Bücher ab, die ich im Kerker alle beisa_men hatte. Mit dem Lesen geht es schwer, mit dem Schreiben gar nicht. Zum Glück liegt eine ziemlich geraume Zeit vor mir, so daß es der Mühe werth ist, die ganze Lebensweise neu zu organisiren. Glaube ja nicht, daß ich scherze. In jenem: zum Glück,– liegt das Geheimnis meiner Heiterkeit, insoweit nämlich mein Zuthun dabei ein Verdienst hat. In jeder Lage des Lebens kann man glücklich sein, wenn man nur sich's so einrichtet, als ob es immer so bleiben müßte. Nichts ist athemloser, als das Leben von der Hand in den Mund, dessen einziger Halt die Hofnung auf eine Veränderung ist. Wir haben so viel geistige Bettler! Aber wenigstens [ergänzt: beschäftigungslose,] geistig ganz derangirte, gescheite Leute. Da kommen Fälle vor, wo z.B. Frauen ihrem häuslichen Glück einen Lichtpunkt aufsetzen durch Ausreiten.

Schon wieder bin ich in eine unvorhergesehene Richtung gerathen. Habe dießmal besondere Nachsicht mit mir; ich habe mich schon so lange
 
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auf diesen Brief gefreut, und muß mir ganz wohl geschehen lassen.

Kürzlich brachte die "Gratzer-Zeitung" etwas recht Liebes über Dich. Es war warm und erwärmte mich, aber ganz befriedigt hat es mich doch lange nicht. Mir war dabei, wie wann Kinder Verstecken spielen und rufen: es brandelt. Mit dem Wort: patriotisch, – war der Kern der Sache beinahe berührt, aber zu einem eigentlichen Bloßlegen kam es nicht. Du bist kein politischer Dichter, wie Uhland keiner war. Die politischen Dichter sind deine Nachahmer, welche die Eine Seite für das Ganze hielten, und darum auch wirklich einseitig geblieben sind. Auch Lenau war kein politischer Dichter und steht Dir vielleicht am nächsten, und dennoch steht er so unendlich weit ab von Dir wie der Schatten vom Licht, die Nacht vom Tag, die Vergangenheit von der Zukunft: Du kannst nur leben, und er konnte beinahe schon sterben.

Das, wodurch Du einzig dastehst in der ganzen Welt, ist die Weise, in der du das Werden der neuen Zeit erfaßt hast; was Allen noch schlummerte, war in Dir schon lebendig, und was als vollendetes Kunstwerk aus Dir hervor trat, war der Anbruch der neuen Zeit. Hier trifft Lenau mit Dir zusa_men, aber er hält uns ein drückendes Leichentuch entgegen, du den erfrischendsten Kranz von Rosen: Lenau ist die zweifelhafte, opferreiche Revolution, Du bist die siegsgewisse, segenreiche Reform, und hier ist der Punkt, von welchem aus dein Charakter,
 
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dein Patriotismus zu beurtheilen ist. Du stehst einzig da, und unseren Kritikern fehlt die Schablone.

Jedoch ich sprach vorhin von einem Kranz von Rosen, der mich an eine Schuld mahnt. Als Du fort warst, und ich den lieben, lieben Tag nachzudenken begann, machte ich mir recht ernste Vorwürfe über die Unverschämtheit, mit der ich Deine Frage, den "Pfaff von Kahlenberg" betreffend, beantwortet hatte. Ich kann, auch vor mir selbst, nur [durchgestrichen: dadurch] damit mich entschuldigen, daß nie in meinem Leben etwas Ähnliches mir begegnet war, und ich theils nicht wußte, ob ich dich ganz verstehen dürfe, theils von meiner Leidenschaft für jenes Gedicht hingerissen wurde. Ich kann Dich nur bitten, die Unmittelbarkeit meiner Antwort als einen Beweis von der Innigkeit meiner Überzeugung anzusehen.

Und weil ich schon diesen Gegenstand berührt habe, erlaube mir einige Worte über die Verse dieses einzigen Gedichtes. Ich gehe nicht von der Ansicht aus, daß der Reichthum an Gedanken der Grund sei, aus welchem Du diese Verse gewählt hast. Wollte ich auch zugeben, daß diese Verse leichter zu machen seien, als andere, so würde ich dieß bei Dir nie gelten lassen. Ich brauche nur Ein Gedicht zu nennen, das mir einen unauslöschlichen Eindruck zurückgelassen hat, – Mumie – [durchgestrichen: d] an welchem, die in neuester Zeit beliebteste Form – darf's ich Manier nennen? in höchster Ausbildung
 
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  erscheint. Nun frage ich, ob in diesem Gedicht ein geringerer Gedankenreichthum herrscht, als im "Pfaff von Kahlenberg", oder ob nicht vielmehr hier wie überall derselbe Millionär uns entgegentritt? Ich bin der innersten Überzeugung, daß Du die Jamben im "Pfaff von Kahlenberg" ganz wie die Trochäen der "Mumie" hättest behandeln können, ohne einen einzigen Gedanken zu opfern, oder weniger glücklich auszudrücken. Allein dein "ländliches Gedicht" ist die reinste Identität von Inhalt und Form, wie es die Mumie ist, und der verschiedene Inhalt forderte die verschiedene Form. Geibel repräsentirt mir die höchste Manier; ich bewundere ihn, aber ich werde dabei den Moschusgeruch nicht los, mit dem der feinste Parfüm endet. Bei der "Mumie" habe ich dieselbe Empfindung; doch da eine Mumie mich nie an ein frisches Mädchen erinnern könnte, ja vielmehr mir eine Mumie vergegenwärtigen soll, so bin ich dem Moschusgeruch sehr dankbar, der mehr an seinem Platz nicht sein könnte. Dein "ländliches Gedicht" dagegen ist der menschgewordene Frühling. Würde ich nicht Dir schreiben, so könnte ich einer Unterscheidung zwischen Parfüm und Duft nicht widerstehen; so aber habe ich nichts hinzuzufügen, als daß ich die Verse, in welchem Du den "Pfaff vom Kahlenberg" geschrieben hast, für die allerschwierigsten halte. Im Allgemeinen sind unreine Jamben leichter zu machen, als reine; aber ganz  
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gute unreine Jamben sind schwerer zu machen, als ganz gute reine, aus demselben Grunde, aus welchem reimlose Verse weit mehr Sorgfalt erheischen, als gereimte.

Entschuldige, liebster und verehrtester Freund, daß diese kleine Abhandlung aussieht wie ein Urtheil. Nichts könnte ich weniger beabsichtigen. Ich fühlte nur das unabweisbare Bedürfnis, Dir zu sagen, was ich denke, weil ich besorge, durch eine flüchtige und zusammenhanglose Äußerung Dich auf die Vermuthung gebracht zu haben, ich könne unter diejenigen gehören, die da glauben, der übergroße Reichthum an Gedanken hätte eine gefügigere Versgatung gefordert. Mir wäre das zu peinlich, weil ich jenem Gedicht einen grenzenlosen Werth beilege. Es gehört zu den drei Büchern, die mich überallhin begleiten; die andern zwei sind [ergänzt: das] Nibelungenlied und Spinoza’s Ethik. Die Stelle Deines Buches nahmen vor dem Jahr 1850 Uhlands Gedichte ein, waren mir aber nie das, weil aus ihnen nur eine kleine Welt, aus deinem Gedicht die ganze große Welt spricht, die ganze Natur, der ganze Geist.

Entschuldige das Durcheinander dieses Briefes damit, daß ich tausendmal soviel zu sagen hätte, und nimm mit Deiner gewohnten Güte mein unleserliches Gekritzel auf, das, je mehr ich in Affect gerathe, an Abscheulichkeit zunimmt. Möchte es Dich und Deine Lieben im besten Wohlsein antreffen! Möchte Deine ohnehin so kurz bemessene freie Zeit durch nichts getrübt werden! Und
 
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wann Deine Familie wieder in Gratz ist – im Juli ist auf eine Beständigkeit des schönen Wetters zu rechnen – denke manchmal an das Glück, das uns zu Theil würde, wenn Du – mir fehlt der Muth, den Satz auszusagen. Doch die liebenswürdige Gräfin war noch gar nie hier, und für den allerliebsten kleinen Theodor würden meine Kinder das Mögliche thun. Vielleicht geht's doch einmal zusammen; es wäre gar so schön! Ich bin unbescheiden, aber an dieser Unbescheidenheit trägst Du selbst den größeren Theil der Schuld.

Und zum Schluß eine kleine Bitte. Sage mir gütigst bei Gelegenheit – es hat gar keine Eile – ob es dich choquiren würde, wenn ich vielleicht einmal einen Aufsatz für die "Gratzer-Zeitung" schriebe? Ein einfaches Nein von Dir genügt mir, um den Gedanken fahren zu lassen. Was mich darauf gebracht hat, ist nur der Umstand, daß ich kein Blatt habe, und nicht einsehen kann, daß [durchgestrichen: das] Schmerling nur gezahlte Federn zu Gebot stehen sollten. Daß Schmerling durch einen reaktionären Minister ersetzt werden könne, halte ich nicht für möglich; aber dagegen kann ich mir ein ultraliberales Ministerium denken, das den Schmerling verdrängen würde, um uns rasch dorthin zu bringen, wo ich die Reaktion für möglich halte. Nun kenne ich aber Fr. v. Martini und die "Gratzer-Zeitung" zu wenig, und bitte Dich um einen freundlichen Rath. Was würdest Du zum "Telegraph" sagen? Ich halte ihn für unabhängiger, als die "Tagespost"; aber manchmal schlägt er ganz in's Sudelblattartige. – Und so hätte ich nicht einmal mehr Raum für alle Handküsse, Empfehlungen, Grüße und Küsse an an Alle von uns Allen. Hilf mir auch da wieder aus der Noth und baue auf die wärmste Verehrung und Dankbarkeit Deines treuergebenen B. Carneri
 
     
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