GeprÃĪgtes Wappen  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 17. April 1863
 
  Seite 1 Zum Scan
 

Wildhaus 17. April 1863.

Liebster und verehrtester Freund!

Die Freudigkeit, mit welcher ich das Manuskript dieser Flugschrift an Tendler übersandte, war eine ganz reine, und das Gefühl, mit dem ich es gestern gedruckt wiedersah, und noch mehr, mit dem ich die die Bescherung heute Dir übersende, ist ein ganz getrübtes. Warum? Ich weiß es nur theilweise. Zwar bin ich von jeher gewohnt, an allem, was ich schreibe, nur in den ersten Minuten, nachdem es fertig ist, wahres Gefallen zu finden. Ich stecke da, wenigstens dem Eindruck nach, noch immer mitten im Gegenstand, und g'för'der Katz', wie man sagt. Sowie aber der letzte vom Pfaffen bedingte Rapport verflogen ist, tritt eine Art Ekel ein, der mir in früheren Jahren viel Kummer verursacht hat. Gelang es mir auch hin und wieder, diesem Ekel eine subjectiv vortheilhafte Seite abzugewinnen, und in der Überzeugung, nicht der leisesten Eitelkeit zugänglich zu sein, eine gewisse Befriedigung zu finden; so blieb doch die Sache selbst davon ganz unberührt: auf dem Hervorgebrachten, darnach allein
 
  Seite 2 Zum Scan
 

die Welt fragt, lag ein tiefer Schatten, der seinen letzten Grund doch nur in meiner Unfähigkeit haben konnte; und wenn ich nach Jahren etwas überlas, so war jener Schatten oft dunkler, ein leichter geworden. In dem kurzen Satz: etwas Großes wollen, und etwas Kleines vollbringen, – liegt die ganze Lösung, und das flagranteste Beispiel ist die vorliegende Schrift. Nicht daß ich etwas davon wegnehmen möchte (eine Abänderung z. B. "Tagen" S. 14. Z.1 gehört auf ein anderes Blatt) – dazu thun können, möchte ich gar so viel!

Du wirst vielleicht fragen, warum ich den Gegenstand nicht ausführlicher behandelt habe? Weil ich meinen Verleger nicht disgustiren will, der mein letzter Autor ist. Meine Innsbrucker Freundin hat mir zwar noch nicht widersagt, jedoch sie kommt sehr wenig nach Wien und noch viel weniger nach Ungarn. Dem "Botschafter" hat mein Aufsatz über Preußen ein solches Donnerwetter aus den Wolken der "Süddeutschen" zugezogen, daß ihm die Lust an derlei d.h. an meinem nähern
 
  Seite 3 Zum Scan
 

Umgang gründlich vergangen ist. Vielleicht ist Dir die Abwehr in Nr. 54 nicht entgangen. Mir ist sie mitten durch's Herz gegangen, weil ich sie gleich ganz verstanden hatte; der  "Botschafter" parirte zwar sehr wacker, allein vorherrschend pro domo sua. Seither erhielt ich einen sehr lieben Brief von Fröbel, den ich ganz begreife. Lebte ich in Wien, so könnte ich meine Sträuße unmittelbar selbst ausfechten; von hier aus geht das Antworten zu schleppend, und keiner gießt gern für einen Dritten das Bad aus. Fröbel wünscht steierische Stoffe; doch dazu muß ich soweit hergestellt sein, um selber mich umhören zu können: Der briefliche Verkehr läßt keine Originalzeichnung zu. Kurz, ich war auf die Flugschriftform angewiesen, und die Ostermeßarbeiten verzögerten das Erscheinen über die Gebühr, so daß das Antiquirte hervorsticht.

Doch das sind Nebensachen. Mehr Politisches hätte ich bieten sollen. Vielleicht giebt man mir Gelegenheit dazu. Eines nur freut mich: daß ich ein paar Wahrheiten rund heraus gesagt habe, die mir seit Jahr und Tag schwer auf der Seele gelegen hatten. Ich verehre dies Diplom
 
  Seite 4 Zum Scan
 

als die Grundlage unserer Verfassung; aber die Böhmen, die ein Zerrbild daraus machen wollen, und die Ungarn, von denen nicht Einer dafür eingestanden, drängen mich immer näher an Schmerling; jetzt ist gar noch Bergers Wahl dazugekommen, der unstreitig ein eminenter Kopf ist, in dem ich aber [ergänzt: einen] Portefeuille-Prätendenten sehe, für dessen Charakter mir Österreich noch in zu voller Gährung begriffen ist.

Die Ungarn sind bei weitem nicht so ritterlich, wie ich immer dachte, sie sind ganz abscheuliche Egoisten. Sie haben zwar Recht, es handelt sich um Politik. Ich habe erst vor ein paar Tagen Mommsens Röm. Gesch. zu Ende gelesen und da heißt es Bd. III. S. 277 vom Awarenkönig Vercingetorix, in welchem Caesar ganz Gallien unterwarf: "Das ganze Alterthum kennt keinen ritterlichern Mann in seinem innersten Wesen, wie in seiner äußern Erscheinung. Aber der Mensch soll kein Ritter sein, und am wenigsten der Staatsmann." Wie gesagt, sie haben Recht; man muß ja nicht alles nachmachen können, was zu begreifen man im Stande ist. Allein wenn sie schon in der
 
  Seite 5 Scan
 

Politik nicht ritterlich sind, so hat man in der Politik als Egoisten sie zu behandeln.

Wenn Du, mein geliebtester und verehrtester Freund, nach dieser Vorrede noch Lust und Kraft hast, meine Flugschrift zu lesen, so übe ja keine Nachsicht, und sprichst du mir einmal davon, so übe noch weniger Nachsicht.

Empfange meinen herzlichsten Dank für alles Liebe, was du mir durch meine Schwiegermutter sagen ließest. Obwohl es keinen Brief giebt auf Erden, der mich so glücklich machen kann, wie ein deiniger, so danke ich Dir doch dafür, daß Du mein letztes Schreiben unbeantwortet gelassen hast; nur so kann ich es wagen, in meinen Geistesnöthen zu dir zu flüchten. Daß Du mir gerne schreibst, kann ich Dir schwarz auf weiß zeigen; es ist auch mein einziger Stolz. Und im Lauf dieses Sommers kommst Du. Das wird für Wildhaus ein großes Fest sein, und du wirst mein Wildhaus, das ich bis zur Schwachheit liebe, in seinem schönsten Putz sehen. Wir sind dieß Jahr so weit voraus, daß seine Toilette sehr bald fertig sein wird, vielleicht schon ganz anfangs Mai. Daß die liebenswürdige Gräfin mit Dir kommen wird, freut mich und Lousi ganz besonders. Ent-
 
  Seite 6 Scan
 

richte ihr von uns allen tausend Handküsse. Auch von meiner Schwiegermutter, die sehr glücklich angekommen ist, alles erdenkliche Schöne.

Sei so freundlich, Ein Exemplar meiner Flugschrift der guten Großmama zu geben, der wir alle innigst die Hände küssen. Sie soll sich ja nicht damit plagen; für mich ist's eine heilige Pflicht, weil sie mir den unvergeßlichen Großpapa repräsentirt. Und zum Schluß laß mich ganz unbescheiden sein. Louisi behauptet, daß Du sehr oft mit Herrn von Waser zusammen kommst. Gieb ihm, wenn es leicht sein kann, das dritte Exemplar, und sag' ihm, daß ich mir seinen Wink zu Herzen genommen habe, und das Mögliche thue, um linkser zu werden. Wenn ich ihm die kleine Schrift nicht direct sende, so ist es nur, um ihn nicht zu einem Brief zu nöthigen; ich weiß, wie schwer er dazukommt.

Meine Herstellung schreitet entschieden, aber sehr besonnnen vorwärts. Eine kleine Unbesonnenheit wäre da wol ganz am Platz. Übrigens bin ich zufrieden, denn ich lebe doch immer leichter und leichter und gar
 
  Seite 7 Scan
 

lange dauert die Geschichte nicht mehr. Das Dauern erinnert mich an diesen Brief, auf den ich im Plaudern vergessen hatte, nur der füglich auch enden könnte. Lebe recht, recht wohl! Nochmals meine Handküsse der gnädigen Gräfin, und einen herzhaften Kuß Deinem allerliebsten Theodor. Behalte mich immer so lieb, und sei der lebendigsten Anhänglichkeit und innigsten Verehrung versichert
Deines
treuergebenen
B. Carneri

Weil ich eben daran denke: Der Weg von Marburg heraus ist sehr dankbar; sei so gütig, wann Du mir deine Ankunft anzeigst, mir zu sagen, ob ich – bei schönem Wetter – einen offenen Wagen senden soll?

Nochmals alles Liebe!
 
     
  Zurück zu den Briefen Zurück zu Anastasius Grün Zurück zu den Projekten