Geprägtes Wappen  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 20. März 1863
 
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Wildhaus. 20. März 1863.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Zehn Tage habe ich Deinen lieben, lieben Brief vom 8. Dieses vor mir auf dem Schreibpult; doch wie sehr ich auch einsehe, daß bei Deiner Überbürdung mit Geschäften ich mit zu häufigen Briefen Dir gar übel danken würde, so wäre diese Rücksicht allein schwerlich vermögend gewesen, meine Antwort so lange hinauszuschieben. Meine Freude über Dein letztes Schreiben war zu groß. Wie groß sie war, kann ich gar nicht sagen, und könnt'ich es, so dürfte ich's nicht, wenn ich nicht auf alle Bescheidenheit verzichten wollte. Nur so viel laß mich offen gestehen, daß ein Stolz in mir erwacht ist, den ich nie im Leben gekannt habe. Ob dieser Stolz berechtigt sei, ist etwas, worüber ich nicht weiter nachdenke; ich glaube <es> Dir auf's Wort. Und was bei dem Zögern mit dieser Antwort den Ausschlag gab, war, offen gesprochen, die tiefe Freude, die ich
 
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jeden Morgen beim Anblick Deines Briefes empfand, indem ich dabei denken konnte: ich darf noch darauf antworten; denn das weiß ich, daß, sobald diese Antwort abgegangen ist, mir zu Muth sein wird, als hätte ich zu antworten erst angefangen.

Meine egoistisch raffinirte Enthaltsamkeit würde vielleicht noch einige Tage angehalten haben, wenn ich Dir nicht zum Geheimrath gratuliren müßte. Du lächelst wol; und ich weiß auch, daß es nichts auf Erden giebt, was Du weniger angestrebt hast, als dieß. Aber eben darum mußt Du, wenigstens nach meiner Ansicht, eine Freude gehabt haben, die noch kein anderer empfunden hat. Für mich ist es ein frohes Ereignis von höchster Bedeutung. Andere zieht die Krone durch solche Auszeichnungen an sich: in Deinem Fall hat die Krone Dir sich genähert. Indem ich Dir Glück wünsche, beglückwünsche ich mein Vaterland zu einem wackeren Schritt vorwärts auf der Bahn der Freiheit. "Die Blüten des Frühlings werden
 
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in Früchte sich verwandeln."

Was hast Du zur Pragerschlacht gesagt? Gewiß ist's hergegangen, und man muß sich noch auf manches verzweifelte Sturmlaufen gefaßt machen. Aber, Gottlob, das widernatürliche Band, das einen Theil der Aristokratie mit der Demokratie vereinigt hatte, ist zerrissen, und die Verfassungsmajorität war eine imposante. Wie ich aus Kroatien höre, dürfte daselbst die Lösung der Sibenbürgischen Frage maßgebend sein. Wollte Gott, denn dieß könnte nicht leicht ohne Rückwirkung auf Ungarn bleiben. Die sogenannte ungarische Reichseinheit wenigstens würde einen hofnungslosen Riß bekommen.

In Krain wird nach allem, was ich erfahre, das Gemeindegesetz eine glücklichere Gestaltung erhalten, als in Steiermark. Rechbauer und M. Kaiserfeld zerren jeder nach seiner Seite; hin und wieder schnappt ein andrer drein, und dem Lande wird etwas zufallen, bei dem unsere Gemeindevorstände nicht wissen werden, was sie daraus machen sollen. Will ich bei dem Wort: Gemeindegesetz, heiter werden, so nehme ich Deinen Brief zur Hand;
 
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denn etwas Köstlicheres, als die Bedingung einer volksverständlichen Übersetzung, kann ich gar nicht denken. In hoc signo vinces!

Mit der Anschauung Eures Bischofs bin ich im Grunde ganz einverstanden; nur soll er konsequenterweise auch seinen gesammten Clerus vom Kampfplatz abtreten lassen. Von unserem Bischof kann ich Dir etwas sehr Erfreuliches mittheilen, was aber noch geheim zu halten ist. Im Marburger Priesterhaus werden unter Slomschegg mehre Gegenstände "slowenisch tradir"“ vulgo sehr oberflächlich studirt. Vom nächsten Schuljahr an, wird dieser Unfug abgestellt.

Deine Billigung meines Aufsatzes im "Botschafte" freut mich unendlich, und in Folge deiner so freundlichen Äußerung kann ich der Versuchung nicht widerstehen, Dir die "Inn-Zeitung zu senden, in der ich von Zeit zu Zeit meinem Herzen Luft mache.

Von Louisi und den Kindern tausend Handküsse und den wärmsten Dank für Deine liebe Erinnerung. Meine Herstellung schreitet langsamer als je vorwärts, aber sie schreitet, und ich bin zufrieden. Die ersten zwei Seiten dieses Briefes schrieb ich mit fast ganz geradem Kopf.

Nochmals tausend und aber tausend Dank und bleibe immer so gut Deinem Dich innigst verehrenden treuergebenen
B. Carneri

 
     
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