Geprägtes Wappen  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 21. Februar 1863
 
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Wildhaus 21. Febr.
1863.

Liebster und verehrtester Freund!

Ein ganzes Jahr habe ich unsäglich gelitten, und seit diesem Jahr sind bereits neun Monate verflossen, in welchen ich mir vorkomme wie Einer, der in der fatalsten Stellung mit einer um den Hals laufenden Kette an einen fixen Punkt fest geschmiedet ist. Dennoch habe ich in diesen 21 Monaten so viel Liebes erlebt, daß ich diese Zeit, von der ich anfangs meinte, daß sie im günstigsten Fall eine verlorene sein müßte, nicht um Alles hergeben würde. Und unter diesem Erlebten obenan steht Deine Freundschaft. Möchtest Du aus diesen tiefgefühlten Worten entnehmen, was ich bei Deinem letzten Briefe empfunden habe, und was ich Dir auf zwanzig Bogen nicht schildern könnte.

Meine Bewunderung für Dich kann ich nur vergleichen mit der Dankbarkeit, die ich Dir zolle. Mir wurde ganz heiß bei Deiner Schilderung jener unzeitigen Vermittlung. Mir war schon vor einiger Zeit ein slowenisches Loblied auf den neuen Statthalter sehr verdächtig gewesen, und ich besorge fast, daß der gute Mann nicht bloß von den wahren Sachlage, sondern von seiner Mission überhaupt keine rechte Vorstellung
 
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habe. Ich wünsche ihm von ganzem Herzen, daß er recht bald eine jener dicken Erfahrungen mache, bei welchen dem blindesten Blinden die Augen aufgehen. Es ist ganz wie Du sagst. Bei gewissen Leuten ist alles nichts, bis sie nicht eine leibhaftige Armada vor sich sehen; und leider rührt's davon her, daß sie nach der eigenen Elle messen, und sich selber als nichts erweisen, wann es plötzlich zur That kommt. Es thut mir jetzt leid, einen anonymen Brief vernichtet zu haben, der so stark nach den schwarzen Bergen roch, daß selbst ein so großer Lebkuchenpassionist zur Erkenntnis kommen könnte, es gebe Worte, die schon allzuhart an der Grenze dessen steh'n, was ehrliche Leute Worte nennen. Ich wenigstens beurtheile die Thaten nach der Weise, in welcher sie gethan werden, und ebenso mache ich's mit den Worten. Ich habe die anonymen Briefe bei meinem Südtiroler Aufenthalt im Jahre 1848 kennen gelernt. Aber was ist die Drohung eines Messerstichs? Nichts, als der lakonische Ausdruck einer Leidenschaftlichkeit, in die selbst der Gebildete verfallen kann, wenn ihm die liebe Natur ein etwas zu heißes Blut geschenkt hat. Es ist dieß etwas ganz unverkennbar anderes, als gewisse Aus-

 
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brüche, bei denen jede Silbe von jener rohesten Natur zeugt, die der Deutsche Unnatur nennt. Oh, die Neumarktler wissen, warum und wofür sie Dir gedankt haben, der Du Dich wie ein Cherub vor das Thor gestellt hast, durch das das Ärgste hereinzubrechen drohte! Gottlob, Du bist zurecht gekommen, aber auch nur, weil Du der Mann bist, der um kein Zoll breit zurückweicht.

In unserem Landtag, wo sich eben ein Miniatur-Palacki beinahe noch lächerlicher gemacht hat, als der Klagenfurter Einspieler, dessen Name seine Stellung so gut bezeichnet, als der Name Herman[durchgestrichen: n], schlecht paßt für einen slovenischen Cheruskerfürsten, in unserem Landtag hat die Sache gar keinen Halt. Aber wie weit es unsere Kapläne gebracht haben, und wie es in unserem Gymnasium aussieht, ist unglaublich. Es genügt, um ein Bild des Stadiums [durchgestrichen: 5 Buchstaben] zu geben, in dem sich Krain befindet. Der Himmel hat sich gütig in's Mittel gelegt, und mit dem neuen Fürstbischof ist eine Wendung eingetreten, durch welche der mächtigste Theil gelähmt ist, und die hoffentlich auch auf Krain nicht ohne Rückwirkung bleiben wird.
 
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Schreibe es Deiner Freundlichkeit gegen mich zu, daß ich es nicht über mich bringe, Dir eine große Genugthuung zu verschweigen, die mir kürzlich zu Theil geworden ist. Entschuldige, wenn die Geschichte, wie kurz ich sie auch zusammendränge, etwas lang ausfällt.

Bei Gelegenheit der Installation des einen Bischofs erging von Marburg an mich die Bitte, ein Gelegenheitsgedicht zu schreiben. Stepischnegg ist ein Mann von durch und durch deutscher Bildung und so liberal, als es ein Geistlicher sein darf; ich theilte Marburgs Jubel – die ultraslowenische Geistlichkeit hatte gegen seine Wahl beim Salzburger Erzbischof in optima, rectuis, pestima forma petitionirt, und er weiß es – aus ganzer Seele; aber wenn ich auch Grillparzers Gabe besitzen würde, ich hätte es nicht über mich gebracht, zu singen. Nicht weil mein Pegasus überhaupt ein stätiges Luder ist, das mir von jeher weit mehr Verdruß als Freude gemacht hat, sondern aus tausend und Einem Grund; ich denke, daß du mir die Aufzählung erlässest. Ich lehnte rund ab; aber in Marburg hieß es schon, ich habe zugesagt. Nichts wäre mir schmerzlicher gewesen, als gerade diesen
 
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Mann zu kränken. Wäre ich gesund, so hätte ich den Ersten Einer ihm meine Aufwartung gemacht, und ich beschloß, ihm brieflich meine Glückwünsche darzubringen. Allein mitten im Schreiben riß es mich, ihm von der Leber weg zu sagen, warum ich voll Freude sei, was ich von ihm erwarte, und ihm, nicht mit der Thür, aber mit der Volksschule ins's Haus zu rumpeln. Der Brief war der Art, daß er ihn sehr freuen, daß er mir aber auch sehr übel genommen werden konnte; ich wollte es eben darauf ankommen lassen. Mein Haß gegen [ergänzt: gewisse] Bischöfe ist darum so tief, weil fast niemand so sehr als sie in der Lage ist, Gutes zu stiften.

Umgehend erhielt ich Antwort, und ich brauche daraus nur folgende zwei Sätze abzuschreiben [durchgestrichen: 1 Wort]: "Ebenso sind mir die Schriften nicht unbekannt, in welchen Em.hw. für das in unseren Tagen so sehr und oft verletzte gute Recht einstehen. Es thut dem Freunde des Rechtes und der Wahrheit wohl, solche Gesinnungen zu begegnen." – Am Schluß vespricht er mir, mich nächstens zu besuchen, und vor ein paar Tagen ließ er mir durch meinen Arzt sagen, daß er mit ihm (Waltner
 
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ist ein Stockdeutscher) herauskommen werde. Einen ärgeren Skandal kann ich mir für das slovenische Israel nicht vorstellen, und Du siehst, daß ich die allerjüngsten Schmähungen Terstenjaks ruhig ertragen kann.

Und so geht es fort, Freude auf Freude. Die "Tagespost" hatte mir nach meinem Frankfurter Artikel ihre Pforte verschlossen. Kann ich dafür, daß der Redacteur den Artikel liberal fand und ihn als Leitartikel verwendete, und erst hintendrein durch Dr. Rechbauer in Erfahrung brachte, ich hätte die entsetzlichste Reaction gepredigt? Der Herr Redacteur schrieb mir wörtlich: "Der Ruf der 'Tagespost' hat gelitten." Ich glaube es gerne; denn durch meinen Aufsatz hat er die Pächter des kleindeutschen und sonstigen Liberalismus geärgert, und durch die blöden Grimacen, welche ihm die rasche Schwenkung entrang, hat er alle ehrlichen Leute mehr als unangenehm berührt. Trotz meiner Unschuld kann ich nur mehr über Landesfragen, und da schwer, etwas in die "Tagespost" geben; oder richtiger gesprochen: nur um den Preis meiner Unschuld (lache nicht!) könnte ich allge-
 
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meinere Fragen in diesem Blatt besprechen: der Herr Redacteur hat mich aufgefordert, für die Berufung eines deutschen Volkshauses – neuester Ausdruck für constituirende Nationalversammlung – Artikel zu liefern. Also man begreift gar nicht, daß es jemand geben könne, der die Sache nicht als Geschäft betreibt! Du weißt, daß ich unfähig bin, schwarz zu sehen; und doch hatte ich in jenem Augenblick eine Anwandlung davon. Was ich nach einander am "Vaterland" und an der "Tagespost" erfahren habe, gemahnt mich an Todesfälle, auf die man schon längst vorbereitet ist, und bei deren Eintreten Einem doch zu Muth wird, als wäre man nie darauf vorbereitet gewesen. – Jetzt fällt mir aber ein, daß ich von einer neuen Freude sprechen wollte. Zum dritten Mal habe ich Sturm gelaufen gegen den "Botschafter". Es ist ungemein schwer für den Dilettanten, unter die Fachmänner aufgenommen zu werden; ich begreife es, weil, trotz alledem und alledem, mir selbst, ich weiß nur zu gut warum, aller Dilettantismus verfaßt ist. Zwei meiner Aufsätze wanderten in den Papierkorb; aber will ich nicht platzen, so muß ich mir Luft machen können, und ich wagte es zum dritten Mal. Da drang ich glücklich durch, und in Nr. 49, S.5 B.6. findest Du mich. Diesen Platz hoffe ich mir zu erhalten. Nach irgendwelchen Lorbeeren hat mich nie verlangt, und ich bin überglücklich, wenn ich nur bei

 
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manchen Affairen dabei sein kann. Jene Nummer ist mir genommen und noch nicht zurückgestellt worden. Ich lasse sie kommen, und wie sie einlangt, begleitet sie diesen Brief unter Kreuzband.

Den 23.

Soeben erhalte ich den "Botschafter", und jetzt, da es gilt, den Brief zu schließen, mache ich mir Vorwürfe über die Zeit, die ich Dir raube. Du bist viel zu gütig mit mir; aber Du wirst sehen, ich werde es nie mißbrauchen.

Meine Herstellung, die vor ein paar Wochen in ein rascheres Tempo überzugehen schien, ist wieder in den alten Schneckengang zurückgesunken; daß seit mehr als sechs Monaten kein Rückschritt mehr eingetreten ist, bleibt dabei mein bester Trost, und ich kann noch immer von Glück reden. Noch ist es nicht unmöglich, daß ich ein paar Wochen Landtag mitmache; aber diese Hofnung schwindet immer mehr.

Und nun lebe recht, recht wohl, mein liebster und verehrtester Freund! Gebe Gott Dir die stärkste Gesundheit und den besten Magen. Louisi und die Kinder danken Dir innigst für die freundliche Erinnerung, und indem ich Dir im Geiste auf's Wärmste die Hand drücke, bin ich für's Leben
Dein dankbarst ergebener
B. Carneri

 
     
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