Geprägtes Wappen  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 3. Februar 1863
 
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Wildhaus 3. Febr. 1863.

Liebster und verehrtester Freund!

Indem ich thue, was ich nicht lassen kann, danke ich Dir wieder für Deine mir so überaus werthe Antwort. Dein Schweigen über diesen Punkt nehme ich als Erlaubnis, mich Dir zu nähern, sooft mich’s übermächtig dazu drängt. Der Himmel wird Dir’s groß vergelten, denn die Wohlthat, die Du mir damit erweisest, ist für mich unendlich.

Auch über die Weise, in welcher Du meinen Versuch: "Die freie Gemeinde" aufgenommen hast, bin ich ganz glücklich. Es ist gewiß die einzige, in einem Gebirgsland gedeihliche Einrichtung. In unserm Landtag zählt der Plan Anfänger genug, aber leider keinen einzigen Verfechter von Belang. Unsere Matadors sind dagegen, und dürften schließlich Recht behalten. "Gebt der Gemeinde lieber den allerengsten Wirkungskreis, – wenn nur die Autonomie eine vollendete ist." So spricht das liberale Orakel. Ob in dem Satz praktischer Sinn liege, ist für jene Herren eine Nebensache, und daß Autonomie nicht Selbständigkeit heißt, sondern Selbstgesetzgebung, daß folglich das Wort selbst, um das sich die Welt drehen soll, unsinnig angewendet wird, ist etwas, das "anständige Leute" nichts
 
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angeht. Unser Gemeindeausschuß ist wenig glücklich zusammengesetzt, und Rechbauer, der Generalpächter aller constitutionellen Ideen, führt darin das große Wort; ihm widersprechen, heißt, reactionär sein, und das wirkt in unserer unreifen Zeit mit der Gewalt eines Zaubers. Doch genug davon.

Als Du mir, nicht ohne tiefe Bitterkeit, aber auch mit so köstlichem Humor über die moderne morbus gallica und meinen fatalen Liebling schriebst, dachtest Du wol nicht, daß Dir ein heftiger Zusammenstoß so nahe bevorstehe. Alle meine Zeitungen erzählten davon, hin und wieder recht ausführlich, so daß ich mir ein recht klares Bild von jener Sitzung zusammenstellen konnte. Wie gewaltig mir beim Lesen das Herz gepocht, kannst Du Dir leicht denken. Für jedes Wort, das Du gesprochen hast, möchte ich Dir die Hand küssen; denn sagen kann ich Dir’s nicht, wie sehr ich Dich verehre und bewundere. Eines nur thut mir weh’: daß Dir die Freude am Sieg getrübt war durch jenes Gefühl, das uns wie Ekel ergreift, wann die reine Kraft sich nicht messen können mit der reinen Kraft, sondern nur mit der schmutzigen Gemeinheit. Doch wird der Ekel Dir bald verschwinden; denn Du hattest ja keine Wahl: im Zweikampf kann man Bedingungen stellen, im Schlachtgetümmel heißt’s Stand halten und
 
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dreinschlagen.

Die superkluge "Presse" meint zwar, es wäre besser gewesen, nachzugeben. Mein Gott, wer nicht Gelegenheit hat, das Treiben unserer Fanatiker in der Nähe zu betrachten, wird sie immer unterschätzen. Sie sind mit keiner Concession zu befriedigen, denn sie wollen Alles, und sehen in jeder Concession nur das Mittel, mehr und mehr zu erreichen. Und die Zahlen bei der Abstimmung sagen es deutlich genug, wie hoch an der Zeit es war, ein deutsches Halt zu donnern.

Möchten nur die Deutschen in Böhmen sich an Eurer Mannheit ein Beispiel nehmen, bevor es zu spät ist. Was übrigens den guten Dr. Toman betrifft, so gestehe ich offen, daß ich mir eine bessere Meinung von ihm gemacht hatte. Auch er besteht aus dem groben, unbildsamen Stoff, aus dem seine Genossen hervorgegangen sind, und der sich sträubt gegen die ächte Cultur, weil er sich nicht zu ihr erheben kann. Hat einmal ein Slowene den deutschen Geist erfaßt, dann wird er ihm nie mehr den Rücken kehren.

            Der mit Gemsen Eine Luft getrunken,
            Athmet nicht behaglich bei den Unken.

Ich weiß gewiß alles Urwüchsige zu schätzen; aber sobald es sich als einen sittlichen Standpunkt ausgeben will, schwillt mir die Galle. Aller Radicalismus, sei er dann
 
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nationaler oder anderer Natur, ist und bleibt einseitig; darum ist sein formlosestes Gesicht ein falsches, und blickt man tiefer hinein, so stößt man nur zu bald auf den schmutzigsten Eigennutz. Die Logik ist heilig.

Darum den heißesten Dank Dir für jene Worte, von denen jedes eine deutsche That war.

– eilt, o eilt, bevor die Steine fliegen!

Vielleicht kennst Du diesen Vers nicht gleich, wenn er Dir auch bekannt vorkommt. Mir wurde er im J. 1847 unauslöschlich in’s Herz geschrieben. Ich lebte damals am Gardasee, und hielt mir die Grenzboten. Des deutschen Österrreichs Bannerträger rief damals diese Worte, die Vögte hörten nicht auf ihn, weil sie wirklich glaubten, er rede nur von einer alten Hexengeschichte – und die Steine flogen.

Du frägst vielleicht, warum ich Dich daran erinnere? Weil Du nur daran ermessen kannst, was ich empfinde, indem ich jetzt im Moment der Entscheidung denselben Bannerträger in der deutschen Grenzmark sehe, sein ganzes Selbst einsetzend für Germanias Befreiung. Hie Cettinje! Hie Frankfurt!

Während des Landtags kann ich kaum hoffen, dich zu sehen; doch, wann immer Du kommst, kannst Du überzeugt sein, daß es für die Wildhauser ein unvergesslicher Tag sein wird. Nur schreibe mir früher zwei Zeilen, damit ich Dich im Bahnhof abholen lassen könne; denn ich geize im vorhinein mit jeder Minute, die ich verlieren könnte. O, bleibe immer so gut
Deinem Dich innigst verehrenden B. Carneri

 
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  Wie den großen czecho-slovenischen Gelehrten nun zu Muth sein mag, da die russischen Orden plötzlich so unvertuschbar nach Bruderblut riechen? – Von Louisi und den Kindern viele Handküsse.  
     
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