Geprägtes Wappen  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 31. Oktober 1862
 
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Wildhaus 31. Octob. 1862.

Theuerster Freund!

Dein so überaus liebes Schreiben vom 26. Dieses läßt mich nicht ruhen. Glaube ja nicht, daß ich’s nicht einsehe, über wie wenig freie Zeit du verfügen kannst. Alles, was Einem wirklich Bescheidenheit zuflüstern mag, habe ich mir hundertmal wiederholt; aber den Drang, Dir zu danken, vermochte ich durch nichts zum Schweigen zu bringen. Darum, mein innigstverehrter Freund, habe Nachsicht mit mir, und laß mir bei Briefen immer das letzte Wort. Dafür verpflichte ich mich, bei mündlichen Unterredungen das letzte Wort immer Dir zu lassen. Dies Versprechen werde ich übrigens leicht halten; denn Letzteres ist mir, Dir gegenüber, so leicht, als mir die Unterlassung des Erstern unmöglich wäre. Der Grund liegt allein in der unendlichen Liebenswürdigkeit Deiner Briefe, und mit dem italienischen Bravo rufe ich Dir zu: Uomo avvertito[?]!

Habe tausend Dank für die vielen Beweise von Liebe, und sei überzeugt, daß, von Dir geschätzt zu werden, für mich einen Werth hat, den ich nicht ausdrücken kann. Dein liebes Schreiben, mein theuerster Freund, hat mich tief erschüttert. Ich wußte es,
 
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daß nur ein physisches Hindernis Dich von Frankfurt fernhalten könne, und wie weh Dir die Durchkreuzung des Planes gethan habe, spricht aus Deinem Briefe in einer Weise, daß ich mir über die Berührung der Sache fast Vorwürfe machen könnte. Mich tröstet nur die Gewißheit, daß Frankfurt ganz gleich schwer auf dein edles Herz gefallen wäre, wenn ich niemals ein Wort darüber geschrieben hätte. Du sagst, ich habe Dir das Herz schwer gemacht, und hast es mir damit vergolten, daß Du mir das Herz leicht gemacht hast. Es war eine jener, Gottlob, bei mir so seltenen Stunden, in welchen man fühlt, wie Einem zu Muth sein muß, wann die Kraft zusammen bricht. Meine ganze Philosophie erschien mir als ein leerer Plunder. Ich fühlte nichts, als den bitteren Mangel einer Vergangenheit und einer Gegenwart, und da erschien mir nichts so lächerlich als der Wunsch, etwas thun zu können für eine heilige Sache.

Da kam Dein Brief und richtete mich auf, und die goldenen Worte: "es wird noch ferner für die gute deutsche Sache zu thun geben," – hast du mir tief in’s Herz geschrieben. Möchtest Du nur recht bald her-
 
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gestellt sein! Du bist der Mann, der gegebenens Falls als Lord Lucam auftreten kann. Wenn der Himmel will, wird die Zeit der ewigen Sessionen enden, und dann wird dein Loos erträglicher sein. Oh, ich begreife es nur zu gut, wie erdrückend das Unabsehbare ist, daß nun alle unsere Verhältnisse umrahmt, und wie mordend für ein warmes Herz die unbeschreibliche Trägheit des Fortschritts sein muß. Möchte darin liegen eine Bürgschaft für die Dauer der neuen Zeit!

Der Frankfurter Tag hat mehr geleistet, als ich zu hoffen gewagt habe, und ich kann nicht zweifeln, daß die sogenannten Coalirten auf jene Beschlüsse eingehen werden. Das große Österreich war jämmerlich schwach vertreten, woran wol nur unsere Demokraten Schuld sind. Gewiß sind die uns so freundlichen Beschlüsse werthvoller, wenn nicht wir sie uns votiert haben, und zu bedauern ist diese laue Theilnahme eigentlich am meisten betreff der Zukunft, weil sie uns beweist, was es noch brauchen wird, auf daß die nicht-radicalen Elemente in Fluß gerathen.
 
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Dem Grafen Gleispach möchte ich den Dank des grünen Herzogthums votiren lassen können, dessen Führung in seine Hände gelegt ist. Seine Fahrt nach Frankfurt war mir Mannesthat, und in ihm sind alle deutschen Steiermärker nach Frankfurt gezogen. Dieß eines Tages auf ächt deutsch zu hören; wird die Strafe sein für die Abstract-Deutschen; denn das Vaterland wird ihnen sagen, daß es ihnen nichts verdankt, und daß es vielmehr ihnen zum Trotz seine Einigkeit erlangt hat.

Möchte ich nur recht bald hören, daß Du wieder ganz gesund bist! Nochmals tausend und aber tausend Dank, und behalte mich immer so lieb!

Von uns allen viele Handküsse an die liebenswürdige Tante und die gute, gute Großmama. Sobald mir der Himmel den Kopf zurecht setzt, so daß ein Photographiren möglich ist, bist Du gewiß einer der Ersten, welchen ich die ganze Wildhauser Familie sende. Auch für diesen lieben Wunsch meinen herzlichsten Dank, und mit innigster Verehrung Dein treuergebener
B. Carneri

 
     
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