Geprägtes Wappen  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 24. Oktober 1862
 
  Seite 1 Zum Scan
 

Wildhaus 24. Octob. 1862.

Theuerster Freund!

Dein liebes, liebes Schreiben hat mir viel zu viel Freude gemacht, als daß es mir möglich wäre, Dir nicht dafür zu danken. Zudem bietet sich mir dazu eine besondere Gelegenheit dar. Ich bin nämlich endlich in der Lage, Dir die erfeuliche Mittheilung zu machen, daß alle Marburger auf den Prozeß verzichtet haben. Was du mir darüber sagst ist zu wahr, und ich kann dich wol versichern, daß ich es bis in die Seele empfunden, sowie ich überhaupt, für meine Person, nie daran gedacht hätte, mich an die Gerichte zu wenden. Nur ein Gefühl von Ehrlichkeit – insofern nämlich die andern durch mich hineingeritten worden waren – gebot mir, mitzuhalten bis zum Ende. Darum that ich doch mein Möglichstes, um allen die Nothwendigkeit eines solchen Schrittes auszureden. Gottlob, es ist gelungen.

Seit ein paar Tagen hoffe ich wieder, daß du Dich

 
  Seite 2 Zum Scan
 

doch am Frankfurter Tag betheiligen wirst, d.h. ich hoffe, daß Diejenigen, die es neuerdings behaupten, es von Dir wissen; denn daß Du dahin gehest, wenn es deine Gesundheit nur halbwegs erlaubt, zweifle ich keinen Augenblick. Du gehörst hin, wie keiner. Der Brief des Dr. Krinz im "Botschafter" hat mir einen tiefen Eindruck gemacht, und was er von Dir sagt, und wie er es sagt, hat mich unendlich für diesen Mann eingenommen.

Ich denke seit einigen Tagen nur mehr an Frankfurt. Unsere Demokraten, die sehr gut wissen, daß sie keinen Sinn mehr haben, lassen alle Minen springen, und da sie über keine positiven Minen verfügen, nehmen sie zu negativen ihre Zuflucht. Ich sage da einen leeren Unsinn; doch das Treiben jener Herren ist unsinnig. Es liegt Verzweiflung in ihrer Rechthaberei: auf sie schaute einst das Vaterland, und jetzt schauen sie sich allein an.

 
  Seite 3 Zum Scan
 

Somit ginge auch die Sache sehr gut. Aber ihre Gegner, die große Mehrzahl derselben, leiden am Erbfehler der sogenannten Conservativen, und können sich nicht zur That aufraffen. Ich kann das Wort: conservativ nicht mehr hören. Heute, d.h. in der Nr. 244 des "Vaterland" habe ich das Wort begraben. Da Du das [ergänzt: "Vatl"] selten liesest, setze ich die ersten Worte eines conservativen Leader’s hierher: "In einem Augenblick, wo durch die Wendung der Dinge in Preußen die Hofnungen auf den Sieg conservativer Principien in diesem Lande, und vielleicht auch anderwärts wieder steigen …" Nichtwahr, liebster und verehrtester Freund, Du verlangst nicht nach dem Nachsatz? Was sich nicht als radical, sei es dann nach vorwärts oder nach rückwärts, bekennt, hat sich heut’zu Tage zum Liberalismus aufzuraffen. Da giebt es noch Platz genug für gemäßigtere und unmäßigere. Wolle

 
  Seite 4 Zum Scan
 

Gott, daß sehr viele Liberale nach Frankfurt kommen und daß man dort Beschlüsse vereinbare, die nicht eine Vormeinung, sondern eine vernünftige Erweiterung der Weimarer Beschlüsse ausdrücken.

Entschuldige mein langes Geplauder. Vier Seiten hat ein Bogen, und wann werde ich wieder so glücklich sein, mit Dir reden zu können!

Von Louisi und den Kindern tausend Handküsse an Dich und Alle, und die herzlichsten Umarmungen deinem allerliebsten Theodor. Bei mir ist, Gottlob, Alles recht wohl d.h. im Hause; denn in meinem Stall, wo 30 St. Rinder stehen, herrscht die Klauenseuche. Gleichzeitig wurde mir ein Pferd krumm, und dieß alles mitten in der  Lese, die alles Zugvieh in Anspruch nimmt. Trotzdem bin ich gestern glücklich damit zu Ende gekommen, und bin mit der Quantität wie mit der Qualität recht zufrieden.

Meine Handküsse der liebenswürdigen Gräfin und der engelguten Großmama, welcher Lousi morgen für ihren so überaus lieben Brief danken wird. Lebe recht, recht wohl, und bleibe immer so gut Deinem dich innigst verehrenden
B. Carneri.

 
     
     
  Zurück zu den Briefen von Carneri Zurück zu Anastasius Grün Zurück zu den Projekten