Geprägtes Wappen  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 7. Oktober 1862
 
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Wildhaus 7./10.62.

Mein theuerer Freund!

Erlaube, daß ich Dir meine neueste Arbeit übersende. Nimm sie mit deiner gewohnten Herzlichkeit auf, und mögen ihre Mängel bei Dir damit entschuldigt werden, daß sie kein Wort enthält, das[durchgestrichen: ß] mir nicht ganz aus dem Herzen gekommen wäre. Es muß einmal [ergänzt: dazu] geschritten werden, die einzige practische Seite des sogenannten Nationalitätenprincips zu beleuchten. Alles, was ich anstrebe, ist nur, daß die offene Darlegung dessen, was ich als die wahre Lösung betrachte, zur weitern Forschung anrege und dadurch zu etwas Besserm führe, zum Licht, das uns aus einer Dunkelheit befreie, von deren Ende alles abhangt.

Für Weniges bin ich dem Himmel so dankbar, als dafür, daß diese kleine Schrift vollendet war, da mir Nr. 210 des "Vaterland" zukam; denn ich weiß nicht, ob ich so bald darauf die Kraft gehabt hätte, mich allen Seitenhiebe zu enthalten, wodurch die Sache leicht in eine Streitschrift verwandelt und um die ganze Objectivität gebracht worden wäre.
 
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Ich hoffe, daß du mein Eingesendet in Nr. 214 des "Vat." gelesen haben wirst; die "Tagespost" hat es auch gebracht. Solchen Angriffen kann ich nur mit der tiefsten Verachtung begegnen. Ich habe mich auch wirklich nicht getroffen gefühlt. Doch einige der Angegriffenen können sich nicht beruhigen, und mir thäte es sehr leid, wenn es zu einem Preßproceß kommen sollte, in dem ich mit hineingerissen würde. Die Geschichte hat freilich auch ihre lockende Seite; denn der Sieg wäre unzweifelhaft, und an jenem Machwerk, das von Rechtswegen nur ein halber Mensch hätte sollen zuwege bringen können, waren drei Geistliche betheiligt, von welchen Einer sehr oft bei mir zu Gast war. Ein Wilder, der Salz von meinem Tisch genossen, würde es nicht über sich bringen, mich anzugreifen; doch einem ultraslowenischen  Pfaffen ist nichts heilig. Dennoch thue ich mein Möglichstes, um den Proceß zu verhindern. So etwas ist nur für Leute, die sich nicht selber helfen können. Man hat gehofft, mich zum Schweigen zu bringen; aber das giebt’s nicht, und meine Broschüre halte ich da für die schönste Antwort. Angenehm ist’s

 
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freilich nicht, mit solcher Gemeinheit in Berührung zu kommen. Doch es wäre gar zu traurig, wenn die Ehre so leicht verletzt werden könnte, solang man ihr nicht selbst eine Blöße giebt. Wer streitet, muß auf Hieb und Stoß gefaßt sein, und wird’s zu arg, so kann man sich noch immer helfen. Solang sich’s aber um den Muth des Ertragens und Standhaltens handelt – was vielleicht meine beste Seite ist – so bin ich ganz glücklich, wenn mir diese Eigenschaft bei einer mir so heiligen Sache zu statten kommt, und nicht bloß bei so einer dummen Krankheit, wie die ist, an der ich nun schon anderthalb Jahre zu schleppen habe.

Am meisten leid hat mir die Sache wegen des "Vat." gethan. Nicht daß es mich gewundert hätte; denn seit einigen Monaten schon liegt es in dem Abgrund, den ich ihm vorhergesagt. Ich hatte so große Hof[durchgestrichen: f]nungen gesetzt auf dieses Blatt! Jede andere Zeitung muß, um halbwegs gut zu existiren, aus der Sache wenigstens theilweise ein Geschäft machen. Da wäre es ohne das gegangen. Die jetzigen Leiter des "Vat." haben total den Kopf verloren, und es ist, wie wenn sie an banque spielen wollten auf Bismarks verzweifelte Karten. Möchten sie nun recht bald an dieser Klippe scheitern! Die österrei-
 
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chische Aristokratie ist eine Macht und hat es zu bleiben; aber durch nichts wird diese Macht so unterwühlt, wie durch die jetzige Haltung jener seltsamen Conservativen. Schuselka’s letzter Aufsatz über die "vaterlandslose Politik" ist treffend, aber er trifft die ganze Aristokratie – bei seinen Lesern wenigstens gewiß. Wie ich ihn kenne – er ist mir auch antipathisch – fühlt er nur "demokratische Rache". Du wirst wol seinen Kalender schon haben? Ein schlauer Einfall! –

Doch nun entschuldige, mein verehrter Freund, daß ich dich mit einem so langen Gewäsch hinhalte, nachdem ich schon mit meiner Broschüre ein ganzes Attentat auf deine so kurz bemessene freie Zeit im Schilde führe. Ich habe ein volles Jahr keine Zeile schreiben können, und jetzt, obwohl es mir noch sehr mühsam ist, kann ich die Feder nie weglegen, wenn ich sie einmal in der Hand habe.

Von uns allen an Dich, die liebenswürdige Gräfin, die engelgute Großmama tausen Hanküsse. Küsse mir deinen lieben kleinen Theodor recht von Herzen. Mehr als je hoffe ich bis zum nächsten Landtag mich auf meinen Platz schleppen zu können. Und nun lebe recht wohl’s behalte immer recht lieb

Dein dankbar ergebenen
B. Carneri
 
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  Die Correctur habe ich leider nicht selbst besorgen können, und vermochte nicht der Versuchung zu widerstehen, ein paar Druckfehler zu verbessern, die du mir zuschreiben könntest; die anderen machen mir weniger. Und glücklicher Weise ging’s ohne Aufschneiden.  
     
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