Geprägtes Wappen  
  Brief von Bartholomäus von Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 4. Juni 1858
 
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Hochgeborener Graf!
Verehrtester Herr und Freund!

Empfangen Sie vor allem meinen herzlichsten Dank für Ihre lieben, lieben Zeilen und das mir durch Ihre Anfrage bewiesene Vertrauen.

So sehr ich der Baronin Grawert, welche durch den Tod ihres Gemahls finanziell einen sehr empfindlichen Verlust erlitten hat, einen vortheilhaften Verkauf ihrer Besitzung wünsche, so kann ich doch, da es sich um Jemand handelt, der Ihnen, bester Herr, am Herzen liegt, nicht umhin, den Ankauf unumwunden zu widerrathen. Dafür bitt’ ich aber auch, von diesem Briefe, außer Ihrem Freund gegenüber, keinen

 
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Gebrauch zu machen.

Trotz des ziemlich ausgedehnten Grundcomplexes – bis 300 Joch – ist Nikolai nur 20,000 fl. b. [1 fraglicher Großbuchstabe]. werth, da der Boden von ausnehmend schlechter Beschaffenheit ist. Wenn die Felder am schönsten stehn, ist ihr Anblick ein trostloser. Damit der Besitzer Freude daran erlebe, müßte rein eine neue Ackerkrume aufgeführt werden; denn der beste Untergrundpflug würde nichts lebensfähiges zu Tage fördern.

Zudem liegt das Gutsgebäude am ehemaligen Draubett, was den Aufenthalt in hohem Grad ungesund macht. Ein Drittel des Gesindes liegt immer am Fieber darnieder. Dr. Waltner, welchr Hausarzt
 
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ist, geräth ganz außer sich, wenn er von Nikolai zu reden beginnt.

Leider hat der General auf die Wirtschaftsgebäude und innere Herstellung des Schlößchens viel ausgegeben, und ich will’s gerne glauben, daß ihn das Ganze auf 36,000 fl. zu stehen komme. Es ist recht wohnlich ausgestattet; aber das zahlt selten Einer. Von einem Bekannten, der die Sache versteht, weiß ich, daß ein Pächter höchstens 800 fl. geben könnte; doch gesetzt auch, daß sich ein Pachtschilling von 1000 fl. erschwingen ließe, wie mühsam ist’s, eine so kleine Summe einem Areal von 300 Joch abzugewinnen. Es könnte nur mit größter
 
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Aufopferung geschehen, und da müßte denn doch die Annehmlichkeit des Aufenthaltes dafür entschädigen.

Es thut mir unendlich leid, mich durch diese traurige Auskunft um einen gewiß sehr liebenswürdigen Nachbar zu bringen.

Ich bitte, der Gräfin meine ergebensten Handküsse zu melden und von Louisi, Max und Fritzi, die sich, Gottlob, sehr wohl befinden, alles Liebe und Herzliche entgegen zu nehmen. Wir freuen uns alle kindisch auf den 21. k. M.

Ich schließe, damit dieses Schreiben gleich abgehen könne, und zeichne mit wahrer Verehrung
Euer Hochgeboren
aufrichtig ergebener
B. Carneri

Wildhaus 4./6. 58.
 
     
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