Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 27. November 1871
 
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Lieber Freund!

We_n sich Alles in Österreich ändern und zum Besten wenden sollte, so wird "trotz alledem" das österreichische Bureaukraten-Wesen seinen "justamentnöt"-Standpunkt unverändert beibehalten. – Deine Sache ist noch i_mer nicht erledigt. Beyer, dessen Urlaub erst etwa vor acht Tagen zu Ende ging, versicherte mich aber eben, daß

 
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das Elaborat (von einem Sektionsrath bearbeitet, B. hat nur die Revision) noch in diesem Monat zum Vortrag ko_men werde. Ich überlasse es Deiner Entscheidung, ob Du es nötig (oder passend) findest, Dich noch mit dem Referenten (Sektionsrath Raab) persönlich zu besprechen. Einer Deiner politischen Freunde kö_nte das auch in Deinem Namen thun. Vielleicht am besten, Du schreibst sogleich zwei Zeilen an Lasser, daß er die Sache betreiben lasse. –

Ich wollte Dir eben schreiben, als Dein Brief ankam. Den Tag vorher

 
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hatte mir Minister Lasser mitgetheilt, daß Du Dich noch in Thurnamhart aufhieltest, <und> zwar wegen Krankheit Deiner Gemalin. Ich sagte Lasser’, der bestens grüßt, daß ich mich sogleich bei Dir erkundigen würde. Da kam Dein Brief. Da Du der Krankheit nicht erwähnst, so steht’s wohl besser.

We_n Du einen Blick in meine Komödien geworfen, so freut mich das sehr. In dem letzten Band möchte ich eine Bearbeitung der "Vögel" des Aristophanes (auf unsere "Ausgleichs-" Zustände angewendet) nicht ungern aufnehmen, die Posse aber früher Deiner Beurtheilung unterziehen.

 
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Wir haben nun ein Ministerium von lauter ho_neten Leuten. Wird sich’s halten? Den Forderungen unserer Un-Kultur-Völker gegenüber? Es fehlt ein "schneidiger" Führer. Dein gemüthlich-dicker Namens-Vetter Adolph A. scheint mir nicht danach angethan. Unser Freund U. ka_n leicht eine neue Auflage von Berger werden. Herbst wird ihm übrigens genügsam zu schaffen machen [?]. Die Andren sind "brave Leute u. schlechte Musikanten." Lasser jedenfalls eine bedeutende Arbeitskraft. Wie sich [unleserlich] für uns auswachsen [?] wird, muß sich erst zeigen. Und der Allerhöchste, der unberechenbar ist!!

In der Hoffnung, Dich bald hier zu sehen Dein

Bauernfeld.

Wien 27/11 71.

 
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  Vielleicht ka_nst Du, der Kürze der Zeit wegen, an Lasser telegraphiren.  
     
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