Beilage 1 zum Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 12. Oktober 1868
 
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Schubert’s Denkmal im Stadtpark.
(Am Tage der Grundsteinlegung, 12. October 1868.)


Hier war’s, vor vierzig Jahren, an der Stelle,
Wo heit’re Menschen kosend sich ergeh’n,
Hier wandelte an Lebens frischer Schwelle
Ein junger Künstler, tüchtiger Geselle,
Mit Freunden, wie sie gern zusammen steh’n –
Da war ein treues Ueben, emsig Schaffen,
Ein rastlos Kämpfen mit des Geistes Waffen.

Der Eine hob den Hort im Reich der Töne,
Er bringt’s im Lied, Anmuth und Kraft zugleich,
Das Starke, Mächtige, das Zarte, Schöne,
Ihm lächelte die tragische Camöne,
Sein allertiefster Schmerz klang hold und weich –
Wer tadelt’s, wenn durch seine Melodien
Veredelt vaterländ’sche Weisen ziehen?

Doch war’s kein Tändeln, sauer-süßes Sirren,
Kein Lärm, kein wild-instrumentirter Ruf
Nach Beifall, auch kein leeres Phrasen-Irren;
Ob Helden fallen oder "Grillen schwirren",
Charakter lag in Allem, was er schuf!
Auch waren’s keine so gesuchten, kranken –
Gesunde musikalische Gedanken! –

Ihr preist die Dichter, lest sie häufig wieder,
Und endlich prägt das geist’ge Wort sich ein,
Da stellt Ihr in den Schrank die Bücher nieder,
Doch – Wunder! Goehte’s, Uhland’s, Heine’s Lieder
Sie strömen neu in jedes Herz hinein,
Da klingt’s und rauscht’s von Luft und Liebessehnen –
Und alte Lieder werden neue Thränen!

Das macht, ein Meister hat sie neu gedichtet,
Das Wort beseelt mit frischem Tones-Hauch!
Doch hat er später auf das Wort verzichtet,
Das Größere, das Größte ward verrichtet,
Das Epos: Symphonie Ein neuer Brauch –
Und blieb die Mitwelt blind dem neuen Glanze,
Die Nachwelt kargte nicht mit ihrem Kranze! –

Genug! Der Künstler lebt! Laßt die Gesänge,
Die ernsten Rhythmen rauschen für und für,
Und die veredelt vaterländ’schen Klänge!
Stolz darfst Du sein, Du tief bewegte Menge,
Dein Schubert, sieh, war auch ein Stück von Dir –
Er war, wagt sich zur Seit’ ihm auch kein Gleicher,
War, was wir Alle: Deutsch und Oesterreicher!

Und deutsche Männer sind’s – aus ihrem Munde,
Der Förd’rer edlen Sanges im Verein,
Begeistert rauscht der Chor zu dieser Stunde,
Wo sie in Eintracht – Heil dem schönen Bunde!
Ein bleibend Denkmal ihrem Meister weih’n; –
Ein ewig Leben ist die Kunst, kein Scheinen –
So leben wir, ein Theil von ihm, die Seinen!

Wien, am 12. October 1868.
Bauernfeld.

 
     
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